Es ist einer der wohl größten Albträume eines Sportlers: Dass eine Verletzung die eigene Karriere ruiniert. Verletzen sich Athletinnen und Athleten, muss in der Rehabilitation immer wieder abgewogen werden, ob es schon Zeit für eine Rückkehr ist.
Ist die Verletzung wirklich vollständig verheilt? Kann wirklich wieder trainiert beziehungsweise später wieder gespielt werden? Riskiert man mit einer verfrühten Rückkehr gar dauerhafte Probleme oder ein Karriereende?
Demgegenüber steht der Wunsch nach einer baldigen Rückkehr und in vielen Fällen, vor allem bei eher niedrig dotierten Sportarten, finanzieller Druck.
Fokus auf ein gesundes Handgelenk
Auch Carlos Alcaraz dürfte sich in den vergangenen Wochen viele dieser Fragen wiederholt gestellt haben. Seit der ersten Runde beim ATP-Turnier in Barcelona Mitte April hält den siebenmaligen Grand-Slam-Sieger eine Verletzung am rechten Handgelenk vom Spielbetrieb ab.
Glücklicherweise befindet sich der spanische Tennis-Superstar in der privilegierten Lage, dass er von einer Existenznot selbst bei einem langfristigen Ausfall weit entfernt ist.
Seine eigenen und die Überlegungen seines Teams dürfen sich also ausschließlich um die gesundheitlichen Aspekte drehen. Dennoch ist es alles andere als eine einfache Situation, zumal es gleich mehrere Negativbeispiele gibt.
Warnende Beispiele für Alcaraz
Im „The Inside-In Tennis Podcast“ sprach der langjährige Tennisprofi Robbie Koenig eine Warnung in Richtung des Spaniers aus.
„Ich glaube, er hat aus den Erfahrungen vieler Spieler vor ihm gelernt, zum Beispiel Juan Martin del Potro oder Dominic Thiem. Viele hatten Handgelenksverletzungen, die schwerwiegende Folgen für den Rest ihrer Karriere hatten.“
Und weiter: „Deshalb glaube ich, dass er keinen Grund hat, seine Rückkehr zu überstürzen. Er muss sich die nötige Zeit nehmen. Er hat noch viele Jahre vor sich und finanziell ist er bereits abgesichert.“
Absage für Masters in Cincinnati
An den French Open konnte Alcaraz nicht teilnehmen, auch Wimbledon fand ohne den 23-Jährigen statt. Für das Tennisjahr 2026 stellt sich eine Frage: Schlägt er bei den am 30. August in New York beginnenden US Open auf?
Für die entsprechende Entscheidungsfindung stehen bedeutsame Tage an. Eigentlich war der Spanier für das Masters in Cincinnati angemeldet. Am 13. August beginnt das letzte große Vorbereitungsturnier vor dem Grand Slam.
Doch noch spielt das Handgelenk nicht mit. So teilten die Turnierveranstalter mit, dass Alcaraz nicht teilnehmen wird. Bemerkenswert: Anders als bei den Turnieren zuvor hatte sich der Weltranglistenzweite auf der Meldeliste stehen lassen, um seine mögliche Rückkehr zu feiern und möglicherweise seinen Titel zu verteidigen. Doch es kam anders.
Alcaraz braucht wohl mehr Zeit
„Wir wissen, dass Carlos alles dafür tut, so schnell wie möglich auf die Tour zurückzukehren. Wir wünschen ihm eine gute Genesung und freuen uns darauf, ihn künftig wieder in Cincinnati begrüßen zu dürfen“, sagte Turnierdirektor Bob Moran.
Die erneute Absage nährt dabei die Zweifel, ob es für Alcaraz wirklich eine realistische Chance auf die Teilnahme am Großevent im Big Apple gibt.
Zumal spanische Medien unter Berufung auf Quellen aus dem Umfeld von Alcaraz berichten, dass dieser mehr Zeit benötigt. Zwar trainiert er längst wieder fleißig, Wettkampftennis ist damit aber nicht zu vergleichen.
Wildcard für Winston-Salem?
Eine Möglichkeit für ein Vorbereitungsturnier gibt es derweil noch.
Vom 23. bis 29. August steigt in Winston-Salem im US-Bundesstaat North Carolina ein kleineres ATP-Turnier. Zwar ist Alcaraz dafür nicht offiziell gemeldet, allerdings gibt es Gerüchte, dass er eine Wildcard beantragen könnte.
Schlägt er wirklich dort auf, im besten Fall ohne Probleme, stünde wohl auch einer Rückkehr auf die ganz große Bühne nichts im Wege. Ein Start bei den US Open gänzlich ohne Spielpraxis erscheint derweil unrealistisch.
Sollte Alcaraz, wie mehr und mehr Beobachter in der Tenniswelt befürchten, auch für die US Open nicht fit genug sein, darf bezweifelt werden, ob der Spanier 2026 überhaupt noch einmal auf die Tour zurückkehrt.
Laver Cup als möglicher Einstieg
Warum nicht lieber frisch und erholt mit einem gesunden Handgelenk bei den Australian Open im Januar 2027 versuchen, den Titel aus dem Vorjahr zu verteidigen?
Sollte der Spanier die US Open verpassen, aber dennoch noch in diesem Jahr wieder auf den Court zurückkehren wollen, könnte sich der Laver Cup Ende September in London bestens eignen.
Dort geht es vor allem um Spaß, die Ehre und viel Geld. Vielleicht genau die richtige Umgebung, um nach schwerwiegenden Problemen nichts zu überstürzen.
Doch sollte er nur die kleinste Kleinigkeit noch spüren, wird er eine Rückkehr dafür nicht riskieren. Zu wichtig ist das Jahr 2027, zu warnend die Beispiele, die vor ihm mit dem Handgelenk zu kämpfen hatten.