Michael Stich musste grinsen, als er die Bilder von damals sah. Was ihm denn als erstes durch den Kopf schießt, wenn er an seinen Wimbledonsieg vom 7. Juli 1991 denkt? „Dass ich eine fürchterliche Frisur hatte und die Hosen wirklich kurz und eng waren“, scherzte der heute 57-Jährige einmal und fügte an: „Außerdem, dass Lady Di beim Finale dabei war und dass sie sich sehr für mich gefreut hat.“

35 Jahre liegt dieser sonnige englische Sommertag nun schon zurück. Die engen Hosen von damals sind inzwischen nicht nur auf dem Centre Court von Wimbledon völlig out – und Prinzessin Diana ist seit 29 Jahren tot. Doch das, was sich damals ereignete, wird Stich wohl niemals vergessen: „Allein die Tatsache, dass meine Familie dabei war, ist so besonders, da es eine gemeinsame Erinnerung für das ganze Leben ist.“

Niemand hatte auch nur einen Penny auf Stich gesetzt, obwohl der zwei Tage zuvor in einem hochdramatischen Halbfinale gegen den damaligen Weltranglistenersten Stefan Edberg enorme Nervenstärke bewiesen hatte. (Wimbledon 2026 täglich im LIVETICKER)

Stich war gegen Becker klarer Außenseiter

Alles gut und schön, aber gegen Becker? In einem Wimbledon-Finale? Niemals. Die britischen Buchmacher notierten Stich mit einer Quote von 1:80 – eigentlich eine Frechheit angesichts der Spielstärke des damals 22 Jahre alten Elmshorners.

Michael Stich hatte sich erst 1988 entschieden, Tennisprofi zu werden. Da hatte er sein Abitur in der Tasche und durchaus andere berufliche Optionen, falls es denn mit der großen Karriere nicht geklappt hätte.

Aber es klappte, und es ging sogar rasant bergauf: 1990 gewinnt er in Memphis sein erstes ATP-Turnier, 1991 erreicht er bei den French Open das Halbfinale und steht erstmals in den Top Ten der Welt.

Und Boris Becker, dieser schlaue Fuchs, wusste, was er von Stich zu erwarten hatte: „Man schlägt nicht einfach so die Nummer eins der Welt in einem Wimbledon-Halbfinale.“ Helfen sollte es ihm nicht.

Michael Stich umarmt Boris Becker nach dem Match
Michael Stich umarmt Boris Becker nach dem Match

„Match Becker“: Schiedsrichter verspricht sich

Als Becker sein erstes Aufschlagspiel verliert, rutschen Stich Felsbrocken vom Herzen: „Ab da war meine Nervosität mit einem Schlag verschwunden“, erinnerte er sich später zurück.

Gerade mal zweieinhalb Stunden sind gespielt, als Stich gegen den aufschlagenden Becker seinen ersten Matchball hat. Becker serviert zum letzten Mal, wie immer mit dieser ungeheuren Wucht.

Stich bleibt unbeeindruckt, kühl bis ans Herz retourniert er den Ball mit einer geschliffen-präzisen Vorhand. Aus, vorbei. Auch der Stuhlschiedsrichter kann es nicht glauben – und trübt den Moment mit einem Versprecher: „Game, Set and Match Becker“, stammelt John Bryson in sein Mikrofon. Gemeint war natürlich Stich.

Eine der größten Rivalitäten der deutschen Sportgeschichte

Fortan nimmt eine der größten Rivalitäten in der deutschen Sportgeschichte ihren Lauf, zeitweilig nehmen die Frotzeleien und Geringschätzungen Ausmaße einer Fehde an.

Hier der hitzköpfige, hochemotionale Gefühlsmensch Becker, dort der kühle, verkopfte Intellektuelle Stich – von Becker einst gern mit sarkastischem Unterton als „Spieler Stich“ heruntergeredet. Dass er die beiden ein Jahr später dazu gebracht hat, sich zusammenzuraufen und bei Olympia 1992 Doppel-Gold zu gewinnen: eine Meisterleistung der im vergangenen Jahr verstorbenen Trainer-Legende Niki Pilic.

Boris Becker und Michael Stich bei einem Gedenkmoment für Niki Pilic bei den BMW Open
Boris Becker und Michael Stich bei einem Gedenkmoment für Niki Pilic bei den BMW OpenBoris Becker und Michael Stich bei einem Gedenkmoment für Niki Pilic bei den BMW Open© IMAGO/Hasenkopf

Der schert sich angeblich nicht darum, dass Becker geliebt, er aber „nur“ respektiert wird. Stich ist eloquent, redegewandt, er absolviert Interviews in Englisch ebenso fließend wie in seiner Muttersprache – und er spielt ein wunderschönes Tennis.

Rückblickend empfindet Michael Stich, heute mit 57 Jahren ein erfolgreicher Geschäftsmann und TV-Experte, seinen Wimbledonsieg nicht als Fluch, sondern als Segen: „Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Erfolg erringen durfte, und ein Teil der Tradition und Geschichte von Wimbledon bin.“

Und das als 1:80-Außenseiter.

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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)