Für Boris Becker war Ivan Lendl der “vielleicht erste 100-Prozent-Profi”. Ein Vorbild für die heutigen Tennisstars, nicht allein durch seine acht Titel bei Grand Slams, die 270 Wochen als Nummer eins der Welt oder die 94 Turniersiege.
„Von der Schlägerbespannung über die Physiotherapie bis hin zur Ernährung hat er alles selbst ausgetüftelt und kontrolliert“, sagte Becker einmal: „Er hat nichts dem Zufall überlassen. Und heute ist er für mich einer der besten Trainer der Welt.“ Eiserne Disziplin, harte Arbeit und unbändiger Ehrgeiz führten Lendl an die Spitze – nur nicht auf den Thron in Wimbledon.
Ausgerechnet der Rasenbelag des berühmtesten Turniers der Welt war die große Achillesferse des Ausnahmespielers. Heute vor 40 Jahren war es Becker, der Lendl im Finale von London 1986 kurz vor dem Ziel stoppte – was das Vermächtnis von „Ivan dem Schrecklichen“ aber nur geringfügig trübte.
Ivan Lendl gewann acht Grand-Slam-Turniere
Lendl wurde am 7. März 1960 im tschechischen Ostrau ins Tennis hineingeboren: Vater Jiri und besonders Mutter Olga waren erfolgreiche Profis, die der Sohn aber nochmal deutlich übertraf.
Der 1981 in die USA ausgewanderte und schließlich eingebürgerte Lendl führte die ATP-Weltrangliste so lange wie kein Anderer vor ihm – ehe Pete Sampras (286) und Roger Federer (310) ihn übertrafen.
Auch bei den Grand-Slam-Turnieren stieß er in Dimensionen vor, die vor ihm in der Open Era nur Björn Borg und Jimmy Connors erreicht hatten: Nachdem er zwischen 1981 und 1983 seine ersten vier Endspiele gegen Borg, Connors und Mats Wilander verloren hatte, brach Lendl bei den French Open 1984 gegen John McEnroe den Bann.
Am Ende gewann er je dreimal die US Open und die French Open, zweimal die Australian Open, stand insgesamt 19-mal im Finale und bezwang in den weiteren Endspielen auch Wilander, Mikael Pernfots, Miroslav Mecir und Stefan Edberg.
Perfektionist Lendl war so dominant, dass gerade auch die Momente in Erinnerung blieben, in denen das Tennis-Uhrwerk nicht funktionierte: seine Sensations-Pleite gegen Michael Chang bei den French Open 1989 – und eben auch sein ewig vergeblicher Kampf um einen Sieg im Wohnzimmer des Boris Becker.
Boris Becker behielt in Wimbledon die Oberhand
1986 standen sich Becker und Lendl im Finale von Wimbledon gegenüber, der damals 18 Jahre alte Becker gewann ein Jahr nach seinem großen Triumph 1985 in drei Sätzen und verteidigte den Titel. 1987 war der Australier Pat Cash in Wimbledon für Lendl zu stark.
„Gras ist nur was für Kühe“, sagte Lendl einmal verbittert, als er auf seine Hassliebe zum bedeutendsten Tennisturnier der Welt angesprochen wurde.
Angstgegner Becker besiegte Lendl auch 1989 im Finale der US Open und 1991 in Melbourne, Lendl war dafür 1985 und 1986 beim Masters-Endspiel in New York siegreich.
Erfolg mit Andy Murray – Streit mit Alexander Zverev
Nach seinem Karriere-Ende 1994 führte Lendl den Briten Andy Murray als Coach zu Olympia-Goldmedaillen in London und Rio de Janeiro sowie zu drei Grand-Slam-Triumphen.
Anschließend setzte Deutschlands Nummer eins Alexander Zverev große Hoffnungen in die Zusammenarbeit mit dem Erfolgstrainer. Zunächst schien es zu funktionieren, Zverev feierte mit dem Titelgewinn bei den ATP Finals 2018 seinen bis dahin größten Erfolg. Doch im Sommer 2019 kam es zum großen Knall.
Der deutsche Shootingstar und Lendl trennten sich im Unfrieden, nachdem sie sich gegenseitig öffentliche Vorwürfe gemacht hatten. „Manchmal gehen wir auf den Tennisplatz, du trainierst zwei Stunden lang, und eine halbe Stunde davon steht er mit dem Rücken zu mir und erzählt, wie er am Morgen davor Golf gespielt hat“, klagte Zverev über Lendl – der Zverev wiederum vorhielt, er hätte „einige Probleme außerhalb des Platzes, die es schwierig machen, auf eine Weise zu arbeiten, die meiner Philosophie entspricht“.
Bekanntermaßen hat Zverev es bei den French Open in diesem Jahr endlich geschafft, sein erstes Major-Turnier zu gewinnen. Der heute 66 Jahre alte Lendl coacht inzwischen den Polen Hubert Hurkacz.
Erfolgreich förderte Lendl die sportlichen Talente der fünf Töchter, die er gemeinsam mit Ehefrau Samantha Frankel hat: Marika, Isabelle und Daniela taten sich am College als Golferinnen hervor, Caroline im Rudern, Nikola als Vielseitigkeitsreiterin.