Es war einer dieser Sportmomente, bei denen erst viel später klar wird, wie groß er wirklich war. Am 2. Juli 1988 betrat Steffi Graf den Centre Court von Wimbledon nicht einfach nur als Herausforderin. Sie betrat ihn als 19-jährige Deutsche, die drauf und dran war, die Ordnung im Welttennis zu sprengen. Auf der anderen Seite des Netzes stand Martina Navratilova – sechs Jahre in Serie Wimbledon-Siegerin, achtmalige Siegerin im All England Club und damals die vielleicht größte Rasenspielerin der Geschichte.
Was dann folgte, war mehr als ein Finale. Es war ein Machtwechsel. Graf gewann gegen Navratilova mit 5:7, 6:2, 6:1 – und beendete damit deren sechsjährige Regentschaft in Wimbledon. Es war das erste Mal in neun Wimbledon-Endspielen, dass Navratilova ein Einzelfinale auf dem heiligen Rasen verlor.
Wimbledon schien Navratilovas Reich zu sein
Dabei hatte zunächst vieles nach dem bekannten Drehbuch ausgesehen. Navratilova gewann den ersten Satz mit 7:5, setzte Graf mit ihrem Serve-and-Volley-Spiel unter Druck und verteidigte scheinbar noch einmal das Revier, das sie über Jahre geprägt hatte. Wimbledon war ihr Wohnzimmer, der Centre Court ihr Thronsaal. Graf aber ließ sich nicht brechen. Im Gegenteil.
Nach dem verlorenen ersten Satz kippte das Finale mit fast brutaler Deutlichkeit. Die Mannheimerin fand ihren Rhythmus, attackierte mit ihrer gefürchteten Vorhand, bewegte sich schneller, als Navratilova es gewohnt war – und gewann die nächsten beiden Sätze mit 6:2 und 6:1. Tennis Abstract listet für Graf in diesem Match 55 Winner, davon allein 33 mit der Vorhand. Plötzlich war nicht mehr Navratilova die Spielerin, die den Rasen dominierte. Plötzlich war es Graf.
Der Beginn eines historischen Tennis-Sommers
Für Graf war dieser Wimbledon-Triumph ihr erster Einzeltitel an der Church Road – und zugleich der dritte Schritt auf dem Weg in die Ewigkeit. Zuvor hatte sie 1988 bereits die Australian Open und die French Open gewonnen. Nach Wimbledon holte sie auch die US Open und später Olympiagold in Seoul. Damit schaffte sie den bis heute einzigartigen Golden Slam in einem Kalenderjahr. Genau deshalb ist dieses Finale ein deutscher GOAT-Moment.
Nicht nur, weil eine deutsche Sportlerin in Wimbledon triumphierte, sondern weil Graf an diesem Tag die alte Ordnung des Welttennis endgültig hinter sich ließ. Navratilova und Chris Evert hatten über Jahre die große Bühne geprägt. Graf war die nächste Evolutionsstufe: schneller, explosiver, kompromissloser – und auf jedem Belag gefährlich. Die WTA beschrieb Grafs Spiel als geprägt von außergewöhnlicher Bewegung und einer verheerenden Vorhand; ihre Karriere endete später mit 22 Grand-Slam-Einzeltiteln und 377 Wochen als Nummer eins der Welt.
Steffi Graf – ein Weltstar made in Germany
„Der Startschuss einer Weltkarriere“
Das ZDF bezeichnete das Finale später als „Generationwechsel im Frauen-Tennis“ und als „Startschuss einer Weltkarriere sondergleichen“. Genau so wirkte es im Rückblick: Graf gewann nicht einfach Wimbledon. Sie nahm Navratilova den Ort, an dem diese fast unantastbar gewesen war.
Dabei war Graf längst keine Unbekannte mehr. 1987 hatte sie in Paris ihren ersten Grand-Slam-Titel gewonnen – ebenfalls gegen Navratilova. Im selben Jahr verlor sie aber die Finals von Wimbledon und den US Open gegen die Amerikanerin. 1988 drehte sich das Kräfteverhältnis endgültig.
Der Triumph in Wimbledon war deshalb auch eine späte Antwort auf die Niederlage ein Jahr zuvor.
Navratilova erkannte Grafs Größe an
Navratilova wusste nach dem Finale, dass sie nicht einfach einen schlechten Tag erwischt hatte. Laut zeitgenössischen Berichten sagte sie nach der Niederlage, Graf habe „Winner überallhin“ geschlagen und Bälle erreicht, die sonst niemand erreiche. Der zweite und dritte Satz seien so deutlich gewesen, dass die Niederlage leichter zu akzeptieren gewesen sei.
Das machte diesen Moment noch größer: Die abgelöste Königin erkannte die neue an.
Für Navratilova war es aber nicht das Ende ihrer Größe. Sie gewann 1990 noch einmal Wimbledon und blieb eine der prägendsten Figuren der Tennisgeschichte. Doch 1988 war der Tag, an dem Graf ihre Ära auf dem größten Rasenplatz der Welt öffnete.
Ein Moment, der Tennis veränderte
Heute steht Steffi Graf längst selbst in der GOAT-Debatte. 22 Grand-Slam-Einzeltitel, der Golden Slam, sieben Wimbledon-Titel, eine unglaubliche Konstanz über Jahre – ihr Lebenswerk wirkt im modernen Tennis fast surreal.
Doch wer verstehen will, wann aus der Ausnahmespielerin eine historische Figur wurde, landet immer wieder bei diesem 2. Juli 1988.