Mit einem Strauß Blumen in der Hand und dem Weißen Trikot auf ihren Schultern winkte Antonia Niedermaier in Nizza ein letztes Mal vom Podest der Tour de France, dann freute sich die Rosenheimerin auf etwas Ruhe und eine Pause für die müden Beine. Daheim am See mit ihrem Partner Jakob und Hund Frieda abschalten und entspannen – das stand ganz oben auf Niedermaiers Wunschliste für die wohlverdiente Auszeit.
Bei der längsten und härtesten Ausgabe der 2022 wiederbelebten Frankreich-Rundfahrt der Frauen hatte Niedermaier zuvor über neun Etappen und 1175 Kilometer Schwerstarbeit auf dem Rad verrichtet.
Deutscher Shootingstar nutzt Chance im Rampenlicht
Der Einsatz machte sich bezahlt: Bei ihrem Tour-Debüt fuhr die 23-Jährige auf Anhieb Gesamtplatz vier und holte zudem als erste deutsche Fahrerin das Weiße Trikot der besten Nachwuchsfahrerin – und das als Helferin. „Es war eine supertolle Tour, ich freue mich, dass es so ein gutes Ergebnis geworden ist“, sagte Niedermaier in der ARD.
Im Rampenlicht, das noch immer selten auf den Frauen-Radsport scheint, hatte der deutsche Shootingstar seine Chance genutzt. Kapitänin Kasia Niewiadoma, die als Gesamtzweite das Gelbe Trikot knapp verpasst hatte, herzte ihre Edelhelferin Niedermaier im Ziel der Schlussetappe in Nizza und dankte ihr für ihren unermüdlichen Einsatz.
Teamchef traut Niedermaier den Tour-Sieg zu
Ex-Profi und Olympiasiegerin Lisa Brennauer sprach anerkennend von einer „wahnsinnigen Leistung“ und einer „wirklich starken“ Entwicklung. Rolf Aldag, Sportlicher Leiter bei Niedermaiers deutschem Rennstall Canyon//SRAM, sagte ihr eine rosige Zukunft voraus.
„Es war alles neu und groß für sie. Für sie ist das ganz toll. Irgendwann wird sie hoffentlich die Farbe von Weiß in Gelb tauschen“, sagte Aldag. Teamchef Ronny Lauke stimmte zu. „Sie hat das Potenzial, sie hat noch Reserven. Sie kann noch viel lernen, reifen“, so Lauke: „Wir werden sie weiterentwickeln und hoffentlich zur nächsten Tour-Siegerin machen.“
Deutsche will eine Inspiration für junge Mädchen sein
Die Voraussetzungen dafür sind gegeben. Niedermaier ist eine exzellente Zeitfahrerin, war in der Spezialdisziplin bereits deutsche Meisterin und WM-Vierte. Noch entscheidender aber ist ihre Qualität am Berg. Niedermaier, die Anfang Juni als Gesamtzweite beim Giro d’Italia für Aufsehen gesorgt hatte, fuhr bei der Tour in steilen Anstiegen oft voran und setzte selbst Topstars wie die Gesamtsiegerin Demi Vollering unter Druck.
Auf eigene Rechnung konnte Niedermaier in der klar formulierten Helferrolle nicht fahren. Setzt sich ihre Entwicklung fort, wird sie mittelfristig selbst um Gelb kämpfen können. Als Vorbild taugt sie aber schon jetzt. „Ich hoffe, dass es eine Inspiration für die jungen Mädchen ist, die Rad fahren“, sagte Niedermaier: „Ich hoffe, dass ich sie begeistern und aufs Rad kriegen kann.“