Wieder dicht dran, wieder nichts. Max Kanter hatte in Paris auf den Champs-Élysées noch einmal die große Chance, die deutsche Durststrecke zu beenden. Der 28-Jährige kämpfte, sprintete, hoffte. Aber am Ende blieb ihm nur Rang vier. Der Traum vom prestigeträchtigen Tour-Etappensieg? Er platzte auf den letzten Metern.

Emotional mitgenommen und trat Kanter danach vor die TV-Kameras. „Die letzten Tage haben wir alle so viel investiert, um hier anzukommen. Man kommt in die Position, um hier um den Sieg mitzusprinten und dann fehlt nicht viel“, sagte er in der ARD. Wenige Worte, die verrieten, wie nah Triumph und Enttäuschung beieinanderliegen.

Fest stand damit auch: Die deutsche Sehnsucht bleibt weiter unbefriedigt. Kanter verpasste sein großes Ziel, seine Landsmänner ebenso. Auch bei der 113. Tour de France blieb ein deutscher Etappensieg aus, die schwarz-rot-goldene Sieglosserie wuchs weiter an. Fünf Jahre. Mehr als 1800 Tage. Über 100 Etappen ohne Erfolg bei der größten Rundfahrt der Welt. Wieder war die Hoffnung groß. Wieder fehlte nur ein kleines Stück. Und wieder muss der deutsche Radsport auf den nächsten Anlauf warten.

Max Kanter (XDS - Astana) wurde beim Sprint in Paris Vierter
Max Kanter (XDS – Astana) wurde beim Sprint in Paris VierterMax Kanter (XDS – Astana) wurde beim Sprint in Paris Vierter© IMAGO/Sirotti

Tour de France 2026: Kein Deutscher unter den Top 50 

Zuletzt triumphierte Nils Politt am 8. Juli 2021 nach einem beherzten Solo in Nimes. Mittlerweile ist der Kölner treuer und teurer Helfer für Tour-Dominator Tadej Pogacar – und damit frei von eigenen Ambitionen. Dass ein Deutscher eine Etappe gewinnt und damit eine Radsport-Nation erlöst? Schien mehr oder weniger ausgeschlossen! Spätestens seit dem schmerzhaften Sturz-Aus von Florian Lipowitz. Am Ende schaffte es niemand unter die Top 50 des Gesamtklassements.

„Ich würde gerne noch einmal eine Etappe gewinnen. Aber dieses Jahr hat’s nicht zugelassen“, sagte Politt, dessen eigene Ambitionen erneut zweitrangig waren. Als Edelhelfer von Pogacar stellte er sich komplett in den Dienst seines Kapitäns. Ähnlich erging es Nico Denz von Red Bull-Bora-hansgrohe um Lipowitz und Remco Evenepoel. Auch er kämpfte nicht für den eigenen Erfolg, sondern für die Ziele anderer.

Die deutschen Fans aber, die unter anderem im Elsass wieder zu Abertausenden die Straßen säumten, lechzen nach einem Erfolgserlebnis. Denn spätestens nach Lipowitz‘ Schlüsselbeinbruch war praktisch klar, dass es in diesem Jahr weder etwas wird mit einem Tagessieg, noch mit einer Top-Platzierung im Gesamtklassement.

Deutsche Sprinter verpassten Tagessiege

Die Sprinter um Max Kanter haben ihre Chancen nicht genutzt, wieder einmal. Marcel Kittel sorgte 2017 für den letzten Tour-Erfolg durch einen deutschen Sprinter – sein Erfolg in Pau markierte das Ende einer deutschen Ära, in der nach dem Vorbild von Sprint-Übervater Erik Zabel (der spät jahrelanges Doping gestand) die Generation Kittel und André Greipel fast nach Belieben auf Flachetappen triumphierte.

Was bleibt? Ausreißversuche. Doch ob Felix Engelhardt oder Georg Zimmermann, mehr als Mitfahren in einer Spitzengruppe war auch in diesem Jahr nicht drin. Und einer wie Nico Denz, immerhin dreimaliger Giro-Etappensieger, steckte ebenfalls in einer Helferrolle.

Und Lipowitz? Bei aller Klasse gibt es nur wenige Szenarien, in denen er bei einer (Berg-)Etappe aus eigener Kraft vorne landen könnte.

Das Bittere an der Situation: Es spricht aktuell wenig dafür, dass die Dürre im kommenden Jahr endet. Der schnelle Kanter war bei seiner Debüt-Tour ein paar Mal nah dran. Doch im Duell mit Weltklasse-Sprintern fehlte ihm noch die Endgeschwindigkeit. Sein Sprinter-Kollege Phil Bauhaus zweifelte nach mehreren verpassten Top-Ten-Platzierungen sogar an einer weiteren Tour-Teilnahme. „Das sind keine Ergebnisse, bei denen man sagen kann: An mir kommt man nächstes Jahr nicht vorbei.“

Tour de France: Woran hakt es in Deutschland?

Der slowenische Superstar Pogacar ist Teil einer Entwicklung, die ihren Teil zur deutschen Durststrecke beiträgt. Anders als in früheren Zeiten werden Tour-Etappen heutzutage fast nur von den großen Namen gewonnen. „Man muss auch sehen, dass da wenig Platz ist für andere außer Superstars, zu gewinnen“, sagte ARD-Experte Fabian Wegmann.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Radnation Deutschland schafft es nur selten, absolute Topfahrer hervorzubringen. Die Gründe sind vielschichtig. So ist Radsport in Deutschland noch immer eine Randerscheinung, die Anzahl an ambitionierten Nachwuchsfahrern ist überschaubar, die Sportförderung vergleichsweise gering. Es gibt – oft wegen bürokratischer Hürden – nur wenige Rennen, speziell im Juniorenbereich.

Und dann kommt noch hinzu, dass Spitzenteams mit deutscher Lizenz – anders als etwa in Frankreich – bislang nicht dafür bekannt sind, den heimischen Radsport aktiv zu fördern. Bei Lidl-Trek war kein Deutscher im Tour-Aufgebot. Bei Red Bull-Bora-hansgrohe waren es vor dem Aus von Lipowitz zwei. 

Einstige Topfahrer wie Lennard Kämna oder Maximilian Schachmann haben das Team, das einen internationalen Ansatz verfolgt, in der Vergangenheit unzufrieden verlassen.

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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)