Als Gino Bartali in den 1930er-Jahren zum Profi wurde, entwickelte er sich schnell zu einem der größten Radstars Europas. Der gläubige Katholik aus der Toskana war ein Ausnahmefahrer, besonders in den Bergen. Schon 1938 gewann er erstmals die Tour de France und wurde in seiner Heimat zum Nationalhelden. Dann unterbrach der Zweite Weltkrieg die Karriere vieler Sportler – auch die von Bartali.
Als der Krieg vorbei war, glaubten viele Experten nicht mehr daran, dass Bartali noch einmal an seine besten Jahre anknüpfen könnte. Er war inzwischen 34 Jahre alt – für damalige Verhältnisse bereits ein Veteran im Radsport.
Die sensationelle Tour von 1948
Bei der Tour de France 1948 schrieb Bartali dennoch Sportgeschichte.
Der Italiener dominierte vor allem die schweren Bergetappen und kämpfte sich eindrucksvoll an die Spitze der Gesamtwertung. Am 25. Juli 1948 erreichte er Paris als Gesamtsieger und gewann die Frankreich-Rundfahrt zum zweiten Mal nach 1938 – mit einem Vorsprung von mehr als 26 Minuten!
Der Erfolg wurde in Italien frenetisch gefeiert. Noch heute gilt Bartalis Sieg als eines der größten Comebacks der Tour-Geschichte. Zwischen seinem ersten und zweiten Toursieg lagen zehn Jahre – eine Ewigkeit im Spitzensport.
Die große Rivalität mit Fausto Coppi
Bartali war jedoch nicht nur wegen seiner Siege berühmt. Seine Duelle mit Landsmann Fausto Coppi spalteten ganz Italien. Die beiden Ausnahmekönner verkörperten Gegensätze: Bartali war konservativ, tief religiös und bodenständig. Daher rührte auch sein Spitzname: „Der radelnde Mönch“.
Coppi galt als moderner, rebellischer und glamouröser. Jahrzehntelang diskutierten italienische Fans darüber, welcher der beiden der größere Fahrer sei. Die Rivalität machte den Radsport im Nachkriegsitalien populärer als je zuvor.
Was niemand wusste
Während Bartali als Radstar gefeiert wurde, blieb ein Kapitel seines Lebens jahrzehntelang geheim. Erst lange nach seinem Tod wurde bekannt, welche Rolle er während des Zweiten Weltkriegs gespielt hatte.
Zwischen 1943 und 1944 nutzte Bartali sein Ansehen als berühmter Sportler für geheime Hilfsaktionen. Unter dem Vorwand von Trainingsfahrten transportierte er gefälschte Ausweisdokumente und andere wichtige Unterlagen für ein Netzwerk, das verfolgten Juden helfen sollte. Die Dokumente versteckte er teilweise im Rahmen und in den Bauteilen seines Fahrrads. Spätere Forschungen kamen zu dem Ergebnis, dass die Aktionen dazu beitrugen, zahlreiche Menschen vor Deportation und Tod zu bewahren.
Bartali selbst sprach später kaum darüber. Ein berühmter Satz wird ihm bis heute zugeschrieben: „Das Gute macht man, man spricht nicht darüber.“
Tour-Held riskierte sein eigenes Leben
Die Hilfe für jüdische Familien war keineswegs ungefährlich. Italien war mit Nazi-Deutschland verbündet. Die Entdeckung der Aktivitäten hätte für Bartali schwerwiegende Folgen haben können. Dennoch setzte er seine Fahrten fort.
Historiker gehen heute davon aus, dass Bartali außerdem einer jüdischen Familie zeitweise Unterschlupf auf seinem Eigentum gewährte. Sein Einsatz wurde erst viele Jahre nach Kriegsende umfassend gewürdigt. Internationale Gedenkstätten und Historiker stuften seine Hilfe später als außergewöhnlichen Akt des Mutes ein.
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Die späte Ehrung für den „radelnden Mönch“
Zu Lebzeiten sprach Bartali lieber über den Sport als über seine Rolle im Krieg. Erst nach seinem Tod wurden zahlreiche Dokumente und Zeugenaussagen ausgewertet. Dadurch wurde einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, dass der Tour-de-France-Sieger weit mehr gewesen war als ein erfolgreicher Athlet.
Heute wird er nicht nur als Radsport-Legende erinnert, sondern auch als Mensch, der in einer der dunkelsten Epochen Europas Zivilcourage bewies.
Das Leben nach der Karriere
1954 beendete Bartali seine aktive Laufbahn. Danach blieb er in Italien eine bekannte Persönlichkeit. Er arbeitete unter anderem als Unternehmer, trat regelmäßig in Medien auf und kommentierte Radsportereignisse. Besonders während der Tour de France und des Giro d’Italia blieb seine Meinung gefragt.
Auch Jahrzehnte nach seinem Karriereende genoss er in Italien enorme Popularität. Für viele Fans war Bartali ein Symbol für Werte wie Bescheidenheit, Disziplin und Loyalität.
Sein Tod – und ein Vermächtnis, das wuchs
Im Jahr 2000 starb Gino Bartali im Alter von 85 Jahren. Viele Nachrufe erinnerten zunächst an den zweifachen Tour-Sieger, mehrfachen Giro-Gewinner und großen Rivalen von Fausto Coppi.
Doch in den Jahren danach wurde deutlich, dass sein größtes Vermächtnis vielleicht gar nicht auf dem Fahrrad entstanden war. Denn während Millionen Menschen seine Siege bewunderten, hatte Bartali bereits Jahrzehnte zuvor etwas vollbracht, das weit über den Sport hinausging.