Kurz nach dem Zieleinlauf von Franziska Preuß mussten die Emotionen bei Vanessa Voigt einfach raus. Soeben hatte sie mit der deutschen Mixed-Staffel um Preuß, Justus Strelow und Philipp Nawrath Bronze bei Olympia gewonnen, was bei Voigt zu Tränen führte. Doch anders als noch bei der Heim-WM 2023 in Oberhof waren es diesmal Tränen der Freude.

„Ich kann es noch gar nicht so richtig begreifen“, zeigte sich Voigt nach dem Rennen überwältigt. Für die 28-Jährige ist es die zweite Olympia-Medaille nach Bronze mit der Damen-Staffel in Peking 2022 – doch viel wichtiger: Es ist auch die Belohnung für ihr Durchhaltevermögen auf einem Weg, der alles andere als einfach war.

Vanessa Voigt war nach dem Rennen überwältigt
Vanessa Voigt war nach dem Rennen überwältigtVanessa Voigt war nach dem Rennen überwältigt

Voigt macht mentale Probleme öffentlich

„Ich habe in meiner Karriere schon einiges erlebt. Letztes Jahr hat der Kopf total gestreikt, dann auch der Körper“, sagte die Biathletin dazu vor der Saison auf SPORT1-Nachfrage. Der Ursprung für einige ihrer Probleme liegt dabei sogar noch viel weiter zurück.

Als Sportler hetzt man von Ziel zu Ziel. 2020 kämpfte ich mich von einer Schulter-OP zurück und hatte keine Zeit zum Durchatmen, denn die Ziele waren alle datiert“, schrieb Voigt im Sommer 2024 in einem emotionalen Instagram-Post, in welchem sie mentale Probleme öffentlich machte.

„Es war verdammt hart zu akzeptieren, die Energie für meine Leidenschaft nicht aufwenden zu können. Und ja, im ersten Moment hat es sich falsch angefühlt. Doch jetzt im Nachhinein kann ich sagen: Ich bin dankbar für diese Zeit. Denn Sie hat mir meinen Sport wieder nähergebracht“, schrieb Voigt damals weiter und nahm sich eine Auszeit.

Das zahlte sich aus. Voigt startete stark in den folgenden Winter inklusive Podestplatzierungen und lag ausgezeichnet im Gesamtweltcup. Doch dann setzte sie eine schwere Atemwegsinfektion über den Jahreswechsel außer Gefecht. Voigt versuchte es bei den Heimweltcups in Oberhof und Ruhpolding noch, ehe sie doch die Reißleine zog und die Saison abbrach.

„Am Ende nicht nur Rennen um Medaillen“

An Wettkämpfe war nicht zu denken, selbst kurze Spaziergänge wurden zur Herausforderung und brachten sie aus der Puste. In dieser Zeit half ihr neben den Ärzten ihr Freund sowie ein komplettes Abschalten vom Biathlon. Statt die WM zu verfolgen, flog Voigt in den Urlaub und löschte vorübergehend Instagram.

Jubel bei der Mixed-Staffel über Bronze
Jubel bei der Mixed-Staffel über BronzeJubel bei der Mixed-Staffel über Bronze

Für die Deutsche eine wichtige Zeit, die ihr nicht nur als Sportlerin half. „Es hat mir menschlich einiges gezeigt und ich habe neue Dinge gelernt, die mich als Person auszeichnen. Am Ende sind es nicht nur die Rennen um Medaillen, sondern auch die kleinen Dinge im Alltag, die man neu lernt und die einen stolz machen“, erklärte Voigt im Sommer im SPORT1-Interview.

Biathlon-Sportdirektor: Voigt „eine der größten Kämpferinnen“

Der Saisonstart misslingt, doch sie steigerte sich schnell. Eine Top 6-Platzierung gelang ihr im kompletten Winter dennoch nicht. Insofern galt es als offen, wer den zweiten Damen-Platz in der Mixed-Staffel neben Preuß erhalten würde. Die Trainer entschieden sich für Voigt – und wurden dafür belohnt.

Deutschlands Biathlon-Sportdirektor Felix Bitterling fühlt sich auf SPORT1-Nachfrage in der Entscheidung bestätigt: „Die Vanessa ist für mich eine der größten Kämpferinnen, die ich kenne. Sie ist in der Lage, sich auch in Zeiten, wo es für sie vielleicht nicht ganz so läuft, wie sie es sich erhofft, brutal reinbeißen zu können. Und das hat sie heute gemacht. Sie wusste, dass sie es über das Schießen lösen muss. Ich glaube, man kann es nicht viel besser machen als sie es gemacht hat.“

Noch erstaunlicher wird Voigts Leistung, wenn man bedenkt, wie ihr noch drei Stunden vor dem Rennen zumute war. „Es war furchtbar. (…) Mir war total schlecht die ganze Zeit. Ich habe zu Janina (Hettich-Walz, Anm. d. Red.) auf dem Zimmer gesagt, ich muss mich eigentlich jede Sekunde übergeben, weil diese Aufregung so schlimm war heute“, sagte sie dem ZDF.

Doch im Rennen spielte Voigt ihre ganze Erfahrung und Coolness aus. Die Thüringerin glänzte vor allem am Schießstand, blieb ohne Nachlader und noch dazu in einem starken Tempo. In der Vergangenheit war Voigt für ihre langsamen Schießeinlagen oft kritisiert worden – diesmal hatte sie die schnellste Schießzeit auf ihrer Runde.

Olympia 2026: Voigt hat noch eine Rechnung offen

Voigt war in Antholz das gelungen, worauf jeder Sportler hinarbeitet: Zum Höhepunkt die beste Leistung zu zeigen. Doch die Biathletin lässt durchblicken, dass sie während der Spiele noch Steigerungsmöglichkeiten sieht: „Ich will jetzt nicht meckern, aber richtig perfekt war es noch nicht. Im Laufen geht auf jeden Fall noch was.“

Die Medaille dürfte dem deutschen Team dennoch Druck wegnehmen und könnte auch für Voigt ein Knotenlöser für die Einzelrennen sein – und mit denen hat Voigt noch eine offene Rechnung. In Peking verpasste sie das Podest im Einzel denkbar knapp und landete mit 1,3 Sekunden Rückstand auf Rang vier.

Nun ist noch mehr möglich. Denn der Erfolg mit der Mixed-Staffel hat Voigt darin bestätigt, „dass sich Umleitungen definitiv lohnen“, wie sie auf SPORT1-Nachfrage erklärte. Und wer weiß, vielleicht dauert es nur wenige Tage, bis Vanessa Voigt die nächsten Freudentränen trocknen darf.