Jim Thorpe war kein gewöhnlicher Sportler. Geboren 1887 im US-Bundesstaat Oklahoma, gehörte er den Native Americans an und zeigte schon als Jugendlicher außergewöhnliche sportliche Fähigkeiten.

Leichtathletik, Football, Baseball, Basketball – egal, welche Sportart er ausprobierte, Thorpe gehörte meist sofort zu den Besten. Seinen größten Auftritt hatte er bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm.

Olympiasieger im Fünf- und Zehnkampf

Zunächst gewann er den Fünfkampf. Wenige Tage später folgte die Krönung im Zehnkampf, der Königsdisziplin der Leichtathletik. Dabei platzierte er sich in allen zehn Wettbewerben unter den besten vier Athleten und stellte mit 8.413 Punkten einen olympischen Rekord auf.

Für viele Beobachter war schnell klar: Einen vielseitigeren Sportler hatte die Welt bis dahin noch nicht gesehen.

„Sie sind der größte Athlet der Welt“

Nach seinem Triumph wurde Thorpe von Schwedens König Gustav V. ausgezeichnet. Der Monarch soll ihm dabei die legendären Worte gesagt haben: „Sir, Sie sind der größte Athlet der Welt.“

Ob die Formulierung exakt so fiel oder später ausgeschmückt wurde, spielte kaum eine Rolle. Der Satz wurde zum festen Bestandteil der Thorpe-Legende. In den USA wurde er zum Nationalhelden.

Zeitungen feierten ihn auf ihren Titelseiten, Experten bezeichneten ihn als Ausnahmesportler ohne Vergleich. Seine Zukunft schien grenzenlos.

Dann begann der Skandal

Doch nur wenige Monate nach den Spielen änderte sich alles. Journalisten fanden heraus, dass Thorpe vor Olympia in einer semiprofessionellen Baseball-Liga gespielt hatte. Dafür hatte er ein vergleichsweise kleines Honorar erhalten – eine damals unter vielen Athleten übliche Praxis.

Nach den strengen Amateurregeln jener Zeit war dies jedoch verboten. 1913 entschied das Internationale Olympische Komitee, Thorpe die Goldmedaillen im Pentathlon und Zehnkampf abzuerkennen. Seine Ergebnisse wurden annulliert, die Medaillen eingezogen und andere Athleten nachträglich zu Olympiasiegern erklärt.

Für Thorpe war die Entscheidung ein Schock. Er selbst bestritt nie, Baseball gespielt zu haben. Er erklärte jedoch, nicht gewusst zu haben, gegen die Regeln zu verstoßen. Viele Beobachter hielten die Strafe für überzogen.

Warum viele den Fall Thorpe für ungerecht hielten

Im Laufe der Jahre wurde die Aberkennung immer stärker kritisiert.

Historiker verwiesen darauf, dass zahlreiche Athleten jener Zeit ähnliche Einkünfte erhalten hatten, ohne vergleichbare Konsequenzen befürchten zu müssen. Kritiker sahen zudem Vorurteile gegenüber Thorpe als indigener Sportler als möglichen Faktor bei der Härte der Entscheidung.

Während andere olympische Helden gefeiert wurden, blieb Thorpes Name über Jahrzehnte mit einem Makel versehen. Dabei zweifelten nur wenige daran, dass seine sportlichen Leistungen echt waren.

Die Karriere ging weiter – aber nie mehr so wie zuvor

Nach dem Olympiaskandal wechselte Thorpe in den Profisport. Er spielte erfolgreich Baseball in der Major League und wurde später zu einem der ersten großen Stars des American Football. Tatsächlich gilt er bis heute als einer der Wegbereiter des professionellen Footballs in den Vereinigten Staaten.

Dennoch konnte er den Verlust seines olympischen Ruhms nie vollständig überwinden. Finanziell lief nicht immer alles nach Plan, gesundheitliche Probleme kamen hinzu. Im Gegensatz zu vielen heutigen Superstars verdiente Thorpe keine Millionen.

Trauriges Ende und späte Wiedergutmachung

1953 starb Jim Thorpe im Alter von nur 65 Jahren. Die olympischen Goldmedaillen hatte er zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht zurückerhalten. Jahrzehntelang kämpften Familienmitglieder, Historiker und Unterstützer für seine Rehabilitierung.

Was folgte, wurde zu einer der längsten Gerechtigkeitsdebatten der Olympia-Geschichte. 1982 lenkte das IOC schließlich ein. Siebzig Jahre nach seinen Olympiasiegen wurde Thorpe offiziell rehabilitiert. Seine Familie erhielt symbolisch neue Goldmedaillen. Das IOC erkannte an, dass die Aberkennung problematisch gewesen war.

Doch die Diskussion war damit nicht beendet. Viele Unterstützer forderten weiterhin, Thorpe nicht nur teilweise zu rehabilitieren, sondern ihn wieder als alleinigen Olympiasieger anzuerkennen.

Dieser Wunsch wurde schließlich Jahrzehnte später erfüllt: Das IOC erkannte Thorpe wieder als alleinigen Sieger seiner Wettbewerbe von 1912 an und stellte damit seine historische Stellung vollständig wieder her.