Lange 30 Minuten hat Denise Herrmann im Ziel warten müssen, ob sie nun die Siegerin ist oder nicht.
Doch dann war es endlich Gewissheit: Sie ist erste deutsche Olympiasiegerin im Einzel seit Andrea Henkel 2002. (Daten: Alle Ergebnisse zu Olympia 2022)
„Die Nervosität im Zielbereich bzw. im Feld war viel schlimmer als vor dem Rennen. Wo es so langsam Gestalt annahm, dann konnte ich es überhaupt nicht glauben“, schilderte sie nach dem Rennen im ZDF.
Starker Auftritt
Zuvor hatte sich die 33-Jährige über die 15 Kilometer in bestechender Form präsentiert. Sie hatte die drittbeste Laufzeit in der Loipe und leistete sich zudem nur einen einzigen Schießfehler.
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„Dass man es überhaupt schafft, ein Rennen so auf den Punkt zu bringen, war für mich das größte Ziel. Dass ich für mich selbst das Beste mache, was ich bringen kann. Das macht mich unheimlich stolz“, erklärte sie.
Es war überhaupt erst ihr zweiter Sieg in der Disziplin, bei der eine gute Schießleistung enorm wichtig ist.
Zweifel vertrieben
Doch der Weg dahin war keineswegs einfach, wie sie selbst gesteht: „Ich bin nach dem dritten Schießen rausgelaufen und mein Ziel war heute eigentlich nicht nachzudenken, aber dann kam gerade nach dem ersten Anstieg der Gedanke: Scheiße, mehr als einen Fehler darf ich mir nicht erlauben.“
Die ehemalige Langläuferin wischte diesen Gedanken dann aber sofort beiseite: „Ich habe mich dann innerlich geohrfeigt und gesagt: ‚Nein, du denkst jetzt noch nicht nach. Du schießt jetzt noch nicht, du läufst erstmal.‘ Und dann habe ich mir wieder diese Anweisung beim Laufen gegeben.“
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Vor dem entscheiden Schießen blieb sie unter den Augen von IOC-Präsident Thomas Bach entspannt und konzentrierte sich nur auf die Schießeinlage. Diese Tricks halfen ihr, um alle fünf Scheiben sicher zu treffen.
Unterstützung von Mentalcoach
Diese mentale Stärke hat sich die Sächsin in den vergangenen Jahren hart erarbeitet. Dabei arbeitet sie eng mit einem Mentaltrainer zusammen.
„Ich habe mit meinem Mentalcoach und Berater aus der Schweiz gestern nochmal ein Telefonat gehabt. Er hat mich nochmal gut instruiert im Hier und Jetzt zu bleiben. Es sind so Banalitäten einfach. Dass man zu der Zeit, wo man gerade ist, das macht, was man gerade zu tun hat“, erläuterte sie.
So reiste sie schon entspannt an und fühlte sich in einem „guten Modus“. Nach einem überzeugenden Auftritt in der Mixed-Staffel war die restliche Anspannung endgültig weg. (News: Alle aktuellen Infos zu Olympia 2022)
Großer Jubel im Anschluss
So durfte die strahlende Herrmann, die erst 2016 den Wechsel vom Langlauf zum Biathlon vollzogen hatte, mit einem lauten Juchzer bei der Siegerehrung aufs oberste Treppchen hüpfen.
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Beim Gruppenfoto mit ihren Teamkolleginnen kamen dann schon wieder die Tränen. „Olympiasiegerin“, sagte sie überglücklich am ZDF-Mikrofon, „das klingt wirklich gut.“
Am Abend soll dann die große Party im olympischen Dorf folgen. „Mal gucken, was auf der Biathlon- und Langlauf-Etage so los ist“, sagte die 33-Jährige am schönsten Tag ihrer Karriere und lachte.
Selbstvertrauen für die nächsten Rennen
Mit dem Olympiasieg gewinnt sie nun als erst zweite deutsche Wintersportlerin nach Susi Erdmann (Rodeln, Bob) Olympia-Medaillen in zwei verschiedenen Sportarten – 2014 in Sotschi hatte sie Bronze mit der Langlauf-Staffel gewonnen. (Service: Der Medaillenspiegel)
„Das war mir bewusst, dass das noch nicht so viele geschafft haben“, sagte Herrmann am Ende eines langen Interview-Marathons im eiskalten Zielraum von Zhangjiakou: „Natürlich ist das ein Riesen-Ding.“
Auch die Leistung von Vanessa Voigt, die bei ihrem Olympia-Debüt in der Mixed-Staffel am Samstag noch völlig von der Rolle war, war sehr gut. Als Vierte lag sie nur 1,2 Sekunden hinter der drittplatzierten Marte Olsbu Röiseland.
In der zweiten Episode der Serie wird die ehemalige Top-Biathletin bei den ersten Planungen für den Bau ihres umweltschonenden Eigenheims begleitet. Im Chaletdorf Priesteregg informiert sich Laura über die Möglichkeiten, innovative Wärmepumpentechnologien zum nachhaltigen Heizen und Kühlen zu nutzen.
„Wir haben es den Kritikern einfach gezeigt“, sagte Voigt dem SID: „Wir haben so viel einstecken müssen in dieser Saison. Dass wir hier eine Olympiasiegerin stehen haben, ist großartig.“
Und Bernd Eisenbichler, Sportlicher Leiter der Biathleten im Deutschen Skiverband (DSV), sah die bärenstarken Leistungen seiner Athletinnen gleich als Startschuss für weitere Großtaten. „Natürlich gibt so ein Ergebnis noch mehr Selbstvertrauen“, meint er.
Am Dienstag (9.30 Uhr im LIVETICKER) greifen die deutschen Männer um Benedikt Doll, Johannes Kühn, Erik Lesser und Roman Rees im Einzel über 20 km an. „Die Stimmung ist super, wir sind sehr selbstbewusst“, sagte Eisenbichler.
Für Herrmann und Co. geht es nach mehreren Ruhetagen erst wieder am Freitag mit dem Sprint weiter. (Daten: Der Zeitplan zu Olympia 2022)
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mit Sport Informationsdienst SID