Eine Polizistin mischt die deutsche Marathon-Elite auf

Eine Polizistin mischt die deutsche Marathon-Elite auf

Eigentlich beginnt alles nur als Corona-Hobby. Sechs Jahre später richten sich plötzlich alle Mikrofone und Kameras auf die Polizistin Anna Langerwisch. Beim Berlin-Marathon ist ihr ein Überraschungscoup gelungen, den selbst Experten nicht erwartet haben.

Anna Langerwisch strahlte. Das sah man schon von Weitem. Beflügelt lief sie durch das Brandenburger Tor, nur wenige Schritte trennten sie von der Ziellinie. Ein paar Sekunden später durchriss sie nach 42,195 Kilometern in einer Zeit von 2:27:31 Stunden das Zielband – und krönte sich damit zur besten Deutschen des Berlin-Marathons. Das überraschte nicht nur sie.

„Ich bin sehr überwältigt davon. Ich glaube aber, dass ich noch ein bisschen Zeit brauche, um zu realisieren, was da eigentlich passiert ist“, erklärte Langerwisch bei rbb24. Auch RTL-Expertin Sabrina Mockenhaupt musste beichten, dass sie Langerwisch „bis vor drei Tagen noch gar nicht auf dem Schirm hatte.“ Ihre Bestzeit hatte sie um rund fünf Minuten pulverisiert.

Im Ziel sah man der 25-Jährigen kaum an, dass sie gerade im Durchschnitt eine Pace von 3:29 Minuten pro Kilometer gelaufen war. Und dass sich längst schmerzende Blasen unter den Füßen gebildet hatten oder dass sie bereits seit einigen Kilometern mit ihren müden Muskeln gekämpft hatte.

Und vor allem sah man ihr nicht an, dass sie vor nicht allzu langer Zeit ziemlich wenig mit der Leichtathletik am Hut hatte und auch die vielen Kameras und Mikrofone sie ein wenig überrumpelten. Die Berlinerin hatte den Laufsport erst während der Corona-Pandemie für sich entdeckt. Vor einem halben Jahr arbeitete sie noch im Polizeidienst in einer Direktion im Südwesten von Berlin.

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Vom Polizeialltag in die deutsche Marathon-Spitze

Langerwisch ist Kriminaloberkommissarin. Nach ihrem Studium arbeitete sie drei Jahre im Dienst, ehe sie im März in das Programm der polizeilichen Sportförderung aufgenommen wurde. Ihr Weg in die Sportkarriere verlief damit gewissermaßen rückwärts: Während viele deutsche Spitzenathleten über den Sport zur Polizei kommen, war Langerwisch erst Polizistin – und wurde dann zur Spitzenathletin.

„Ich bin so dankbar, dass ich durch die Förderung der Polizei und seitens des Marathon-Teams Berlin und selbstverständlich auch durch meinen Trainer und meine Trainingsgruppe die Möglichkeit habe, mich so zu entwickeln und immer weiter an meinen Leistungen und mir zu arbeiten“, erklärte sie nach dem Rennen. Für ihre Trainingseinheiten und Regenerationsphasen wurde sie vollumfänglich freigestellt.

Das sollte Früchte tragen. Nach dem Marathon-Erfolg postete die Berliner Polizei ein Foto von Langerwisch und schrieb: „Wir sind unglaublich stolz auf dich, Anna. Du hast heute gezeigt, was Spitzensport bedeutet: Ausdauer, Disziplin und den Willen, jeden Kilometer zu kämpfen.“

Alles startete als Corona-Hobby

Langerwischs Karriere hat wenig mit einer klassischen Leichtathletik-Biographie zu tun. In der Jugend spielte sie Fußball, ein kleines Lauftalent hatte da jedoch schon in ihr geschlummert. „Ich habe da relativ schnell gemerkt, dass ich lieber ohne den Ball laufe“, scherzte sie im Lauf-Podcast Bestzeit. Das Talent sollte sich jedoch erst viel später offenbaren.

Wahrscheinlich ist Langerwisch eine von Tausenden, die während der Corona-Pandemie viel öfter die Laufschuhe geschnürt haben. „Ich habe 2020, in der Corona-Zeit, ganz normal mit dem Joggen angefangen und kontinuierlich weitergemacht, weil es mir Spaß gemacht hat und ein guter Ausgleich zum Dienstalltag war“, erklärte sie im Interview mit dem DLV.

Die Kontinuität sollte sich materialisieren. Es folgten erste Wettkämpfe und die ersten Erfolge. Und spätestens die deutschen Polizeimeisterschaften im Jahr 2025 zeigten, dass Langerwisch größere Ambitionen hatte. In 2:41,48 Stunden wurde sie bei ihrem Marathondebüt in Kassel Polizei-Vizemeisterin. „Dort ist der Knoten mehr oder weniger geplatzt“, erklärte sie. 

Über die Kontakte ihrer Fachwirtin fand sie zum Leichtathletikverein SCC Berlin und später auch zum Marathon Team Berlin – und professionalisiert dort das, was als einstiges Corona-Hobby gestartet war. 

Im April zog sie erste erstaunte Blicke auf sich, als sie in 1:10:53 Stunden Zweite beim Hannoveraner Halbmarathon wurde. Anfang Mai gewann sie den Marathon in Prag, schraubte ihre Bestzeit auf 2:32:13 Stunden herab und setzte damit ein dickes Ausrufezeichen. Als Favoritin war sie in Berlin dennoch nicht an die Ziellinie getreten.

Anna Langerwisch läuft beim Berlin-Marathon als erste Deutsche ins Ziel
Anna Langerwisch läuft beim Berlin-Marathon als erste Deutsche ins ZielAnna Langerwisch läuft beim Berlin-Marathon als erste Deutsche ins Ziel© IMAGO/Beautiful Sports International

Und plötzlich schaut alles auf Anna Langerwisch

Im Vorfeld des Marathons sprach man nicht groß über Langerwisch. Experten und Medien stürzten sich auf Esther Pfeiffer. Die 29 Jahre alte Düsseldorferin hatte im Vorfeld angekündigt, den deutschen Rekord von Irina Mikitenko angehen zu wollen. Sie musste ihr Rennen jedoch wegen Magenproblemen abbrechen.

Und so war es Langerwisch, die nach 42,195 Kilometern als beste Deutsche ins Ziel lief – oder flog. Der Medienrummel, die Kameras und die zahlreichen Interview- und Podcast-Anfragen lenkten eine ungewohnte Aufmerksamkeit auf die Polizistin: „Dass sich jetzt scheinbar so viele Leute für einen interessieren, ist ein schönes Gefühl. Aber damit muss man erstmal lernen, umzugehen und auch mal nein sagen zu müssen.“

Daran wird Langerwisch sich wohl gewöhnen müssen. Spätestens seit ihrem Berlin-Auftritt ist sie endgültig in der nationalen Marathon-Spitze angekommen. In der Zukunft möchte sie sich jedoch auch auf den anderen Langstreckendistanzen ausprobieren.

Dass Langerwisch im nächsten Jahr erneut nach 42 Kilometern durch das Brandenburger Tor läuft, sollte nach dem euphorischen Rennen von Sonntag jedoch relativ sicher sein: „Es war das erste Mal und es hätte nicht besser laufen können. Deswegen würde ich mich auf jeden Fall sehr freuen, nächstes Jahr wieder an den Start zu gehen.“