Der verrückte Zirkus der Hochspringerinnen

Der verrückte Zirkus der Hochspringerinnen

Ein Versuch dauert nur wenige Sekunden. Bis zum nächsten können Minuten vergehen. Für den Kampf gegen das Warten haben die weltbesten Hochspringerinnen ihre ganz eigenen Lösungen.

WM-Finale Tokio 2025. Weltrekordhalterin Yaroslava Mahuchikh liegt stoisch in ihrem Schlafsack, Weltmeisterin Nicola Olyslagers kritzelt akribisch in ihr grünes Notizbuch. Szenen, die zunächst wenig danach aussehen, als kämpften hier gerade die weltbesten Hochspringerinnen um den Weltmeistertitel.

Zwei Hochspringerinnen, zwei Routinen – und zwei unterschiedliche Antworten auf dasselbe Problem: das Warten.

Ihre Disziplinen sind Adrenalin-Achterbahnen. Minutenlanges Ausharren, um dann für ein paar Sekunden hundertprozentig zu funktionieren. Der Hochsprung verlangt Konzentration auf Knopfdruck. Und für diese Herausforderung haben die Athletinnen ihre ganz eigenen Lösungen gefunden.

„Manchmal kann ich die Wolken beobachten“

Längst ist der Schlafsack ein Markenzeichen von Weltrekordhalterin Yaroslava Mahuchikh geworden – neben ihren geflochtenen Zöpfen und dem Augen-Makeup in den ukrainischen Landesfarben. Wer die Olympiasiegerin zwischen ihren Versuchen beobachtet, der sieht sie meist so: Auf einer dünnen Iso-Matte, ein Rucksack als Kopfkissen und mit geschlossenen Augen in ihrem Schlafsack liegend.

Ihre Trainerin Tetiana Stephanova hatte ihr vom langen Sitzen abgeraten – das Blut würde sich in den Beinen ansammeln. Also fing Mahuchikh 2018 an, sich zwischen den Versuchen in einen Schlafsack zu legen. Jede Saison muss sie einen neuen besorgen: Die spitzen Spikes zerkratzen ziemlich zuverlässig den Polyesterstoff.

Das bunte Stadiontreiben versucht Mahuchikh bewusst auszublenden
Das bunte Stadiontreiben versucht Mahuchikh bewusst auszublendenDas bunte Stadiontreiben versucht Mahuchikh bewusst auszublenden© IMAGO/AFLOSPORT

Mahuchikh schläft nicht, wenn sie isoliert in ihrem Schlafsack liegt und um sie herum das Stadiontreiben braust – auch wenn das manchmal so aussieht. Sie entspannt.

„Ich fühle mich wohl, wenn ich liege. Und manchmal kann ich die Wolken beobachten“, erklärte die Ukrainerin gegenüber der TIME. „Manchmal zähle ich, 1, 2, 3, 4, oder ich atme ein, ich atme aus. Es ist wie Entspannung – und dass ich nicht daran denke, dass ich im Stadion bin.“

DEINE MEINUNG

Abschalten, Runterfahren. Ganz vielleicht auch ein bisschen träumen. Im Vergleich zu Mahuchikh spielt ihre australische Konkurrentin Nicola Olyslagers ein Kontrastprogramm ab.

Das berühmte Notizbuch von Nicola Olyslagers

Die Australierin ist eine akribische Protokollantin. Das grüne Notizbuch von Nicola Olyslagers ist ähnlich bekannt wie Mahuchikhs Schlafsack.

Immer wieder fokussieren die Kameras die leicht zerknitterten Papierseiten, die Olyslagers nach jedem Sprung beschriftet. „Ich sollte sie vermarkten”, scherzte die Weltmeisterin von 2025 über die Popularität ihrer Notizen. Was sie notiert, ist längst kein Geheimnis mehr. Nach jedem ihrer Sprünge eilt sie zu Stift und Notizbuch und bewertet ihren Sprung anhand von neun Kategorien.

Zwischen zwei Sprüngen vertieft sich Nicola Olyslagers in ihr Notizbuch
Zwischen zwei Sprüngen vertieft sich Nicola Olyslagers in ihr NotizbuchZwischen zwei Sprüngen vertieft sich Nicola Olyslagers in ihr Notizbuch© IMAGO/Bildbyran

Wie gut hat sie ihren Körper im Anlauf Richtung Latte verlagert? Wie fühlte er sich technisch an? Wie war die Flugphase? Die Landung? „Die Reflektionsphase ist so wichtig für mich“, sagte sie. Jede Kategorie bewerte sie auf einer Skala von eins bis zehn. „Ein 10/10 Sprung erfüllt alles, an dem ich technisch arbeite. Und das ist für mich wertvoller als eine persönliche Bestleistung“, sagte sie bei The Athletic.

Zusätzlich notiert die gläubige Christin die Korrekturen ihres Trainers Matthew Horsell. Manchmal auch Motivationssprüche und Bibelzitate. Oder sie beschreibt, wie sich die Tartanbahn unter den Spikes angefühlt hat. Und hin und wieder kritzelt sie auch ein paar bunte Zeichnungen in ihren Notizblock.

„Sobald ich es auf ein Blatt Papier schreibe, muss ich mich gedanklich nicht mehr damit beschäftigen und kann über andere Dinge nachdenken“, sagte Olyslagers. „Der eigentliche Wert liegt nicht in den Notizen selbst, sondern im Vorgang des Aufschreibens und Bewertens.“

Von null auf hundert in wenigen Sekunden

Zwischen zwei Versuchen können im Hochsprung mehrere Minuten liegen – zwischen Anlauf, Absprung und Landung nur wenige Sekunden. Wie lange eine Athletin auf ihren nächsten Einsatz warten muss, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wer überspringt die aufgelegte Höhe? Wie viele scheitern? Wer lässt sie aus?

Das macht den Wettkampf zeitlich ziemlich unberechenbar. Und vor allem forciert er einen radikalen Wechsel im Aktivierungsniveau: Die Hochspringerinnen müssen zwischen zwei Versuchen runterfahren, ohne den Fokus zu verlieren. Der Körper wartet, der Kopf darf nicht abschweifen.

Bis zu zwei oder drei Stunden kann ein Wettkampf dauern. Und für die Zwischenzeit muss eine Beschäftigung her.

Der große Kampf gegen das Warten

So unterschiedlich die Routinen aussehen – aus sportpsychologischer Sicht sollen sie alle dasselbe Hochsprung-Problem bekämpfen: das Warten. Mahuchikh und Olyslagers geben den Minuten zwischen zwei Sprüngen eine Aufgabe.

Dass beides funktionieren kann, passt zu Erkenntnissen von Sportwissenschaftlern der Qufu Normal University. Sie analysierten, was Warten im Sport mit Athleten macht. Denn gerade dann kann der Kopf zum Problem werden: Die Aufmerksamkeit wandert, Anspannung steigt, ein Fehlversuch läuft noch einmal vor dem inneren Auge ab. Aus Erholung wird Grübeln.

Mahuchikh setzt genau dort an. Augen zu, hinlegen, ruhig atmen, zählen. Atem- und Entspannungstechniken können laut den Forschern die körperliche Aktivierung senken und helfen, einen stabilen mentalen Zustand zu halten. Statt über die gerissene Latte oder den nächsten Versuch nachzudenken, versucht die Ukrainerin zeitweise sogar zu vergessen, dass sie überhaupt im Stadion ist.

Wie Routinen gegen das Grübeln helfen

Olyslagers lässt den vergangenen Sprung dagegen bewusst noch einmal zu – aber nur kontrolliert. Sie zerlegt ihn in einzelne Kategorien, vergibt ihre Punkte und schreibt auf, was beim nächsten Versuch anders werden muss. Gerade bei Fehlversuchen könne eine solche Neubewertung wichtig sein, schreiben die Forscher. Der Fehler bekommt ein Ventil auf dem Papier, statt minutenlang im Kopf herumzukreisen.

So wird aus dem vermeintlichen Leerlauf das, was die Wissenschaftler einen „Psychological preparation process“ nennen. Oder einfacher gesagt: Der Wettkampf läuft auch dann weiter, wenn gerade niemand springt. 

Während Mahuchikh im Schlafsack liegt oder Olyslagers über ihrem Notizbuch sitzt, läuft ihr Wettkampf weiter – und beide bereiten längst den nächsten Sprung vor.