Ein 100-Meter-Goldcoup, der zum Schandmal wurde
Ihre Karriere liest sich wie ein Drehbuch - viel mehr Tragik passt kaum in eine sportliche Biographie. Und viel dunkler könnten die Kapitel kaum sein, die der Fall Marion Jones den Leichtathletik-Chroniken hinzugefügt hat.
Der dumpfe Schuss der Startpistole verhallte gerade erst in den letzten Rängen des Stadions, da war Marion Jones ihrer Konkurrenz schon uneinholbar enteilt – und das mit einer Kompromisslosigkeit, die man selten so gesehen hatte. Nach 10,75 Sekunden war sie Olympiasiegerin.
Vor 26 Jahren elektrisierte die US-Amerikanerin das Olympiastadion in Sydney und stürmte in sensationeller Manier zu Gold über 100 Meter. Sieben Jahre später war klar, dass diese 10,75 Sekunden vor allem eines waren: Teil eines großen Betrugs.
Jones sprintete sich bei den Spielen von 2000 in einen regelrechten Medaillenrausch. Über 200m und in der 4x400m-Staffel gewann sie ebenfalls Gold, im Weitsprung und in der 4x100m-Staffel holte sie Bronze. Ein olympischer Traum, der zu schön und zu erfolgreich war, um wahr zu sein.
Ein Finale ohne Kompromisse
Das 100m-Finale war nicht weniger als eine kompromisslose Machtdemonstration. Schon vor dem Start war Jones kaum zu übersehen. Ihre auffallend ausgeprägte Muskulatur ließ sie aus dem Feld der Finalistinnen herausstechen. Der Startschuss fiel, Jones schoss energisch aus den Blöcken. Nach rund 30 Metern zog sie mit kraftvollen Schritten vorbei, setzte sich Meter um Meter ab und ließ ihren Konkurrentinnen nicht den Hauch einer Chance.
Sie sprintete mit 37 Hundertstel Vorsprung auf die zweitplatzierte Griechin Ekaterini Thanou über die Ziellinie. Fast vier Meter lagen zwischen Gold und Silber. Eine gewaltige Lücke für ein olympisches 100m-Finale. Jones war damals das überragende Maß der Dinge, die schnellste Frau der Welt.
In der Geschichte ihrer Spezialdisziplin war sie bis dahin nur übertroffen von der früh verstorbenen und von vielen Dopingverdachtsmomenten umwitterten Florence Griffith-Joyner.
Sydney jubelte. Noch ahnte kaum jemand, dass auch Jones‘ Goldlauf Jahre später zu einem Sinnbild für die dunkle Seite des Spitzensports werden sollte. Erst drei Jahre später führte die Spur eines Whistleblowers zu einem unscheinbaren Labor am westlichen Ufer der Bucht von San Francisco.
Ein erschütternder Sommer
Der Sommer 2003 sollte ein Sommer werden, der die Welt des Spitzensports erschütterte – und der einen der größten Betrugsfälle der Sportgeschichte aufdecken sollte. Und mittendrin die dreifache Olympiasiegerin Marion Jones.
Im Juni schlug die US-Anti-Doping-Agentur Alarm. Ihr war anonym eine Spritze mit Rückständen des Designer-Steroids Tetrahydrogestrinon zugeschickt worden – das kannte man dort noch nicht. Diese Spritze sollte das systematische Doping-Netzwerk des BALCO-Labors entlarven.
Das Bay Area Laboratory Co-operative vertrieb jahrelang illegale Dopingmittel, die für damalige Testverfahren nicht erkennbar waren. Am 3. September stürmten schwer bewaffnete Bundesagenten das Gebäude des Unternehmens. Sie beschlagnahmten Blutwerte und Kundenlisten, auf denen der Name von Marion Jones und Dutzenden anderen Top-Athleten standen.
Der Whistleblower, der die Spritze verschickt hatte, war kein Unbekannter: Es war Jones‘ Trainer Trevor Graham. Seine Beweggründe entsprangen keinem plötzlichen moralischen Wandel: Er wollte die Doping-Konkurrenz ausschalten, da seine Athleten zunehmend gegen andere Sportler aus dem BALCO-Netzwerk verloren. Zudem versuchte er, sich im Nachhinein als heldenhafter Whistleblower zu inszenieren, um von seinen eigenen Doping-Aktivitäten abzulenken.
Die Ironie des Schicksals: Grahams Plan ging nach hinten los. Die Ermittler stießen in den beschlagnahmten Unterlagen schnell auf Beweise, dass er selbst tief in Doping-Geschäfte verstrickt war und seine Athleten jahrelang versorgt hatte. Er wurde wegen Meineids verurteilt und lebenslänglich gesperrt.
Ein folgenschwere Aussage
Im November 2003 traf Jones die Aussage, die sie vier Jahre später ihrer Freiheit berauben sollte. Sie schwor unter Eid, nie gedopt zu haben und die BALCO-Substanzen nicht zu kennen.
Im Dezember sorgte dann ein TV-Interview für Furore. BALCO-Chef Victor Conte behauptete, dass er persönlich neben Jones gesessen habe, als diese sich Dopingmittel injizierte. Und Jones? Die verklagte Conte daraufhin wegen Verleumdung auf 25 Millionen Dollar. „Ich habe niemals leistungssteigernde Mittel genommen. Was ich erreicht habe, habe ich meinen von Gott gegebenen Fähigkeiten und harter Arbeit zu verdanken“, sagte sie damals.
Ihr erster Ehemann C.J. Hunter war noch vor den Spielen von Sydney positiv auf Nandrolon getestet worden. Er belastete Jones Jahre später selbst schwer. Und auch der spätere Partner und Vater ihres ersten Kindes, der Ex-Sprinter Tim Montgomery, geriet tief in den BALCO-Skandal. Seine eigenen Aussagen vor der Grand Jury und die Ermittlungen gegen ihn erhöhten den rechtlichen Druck auf Jones massiv.
Das Internationale Olympische Komitee leitete ein offizielles Untersuchungsverfahren gegen Jones ein.
Die Vorwürfe reißen nicht ab
Im August 2006 schlug eine A-Probe positiv auf Erythropoetin (EPO) an, die B-Probe im September fiel jedoch negativ aus. Jones entging einer Sperre und beteuerte erneut ihre Unschuld. Doch die Anfeindungen und Indizien verdichteten sich.
2007 brach das Lügenkonstrukt endgültig in sich zusammen. Jones konnte dem juristischen und moralischen Druck nicht mehr standhalten und legte am 5. Oktober vor dem US-Bundesgericht ein vollständiges Geständnis ab. Am selben Tag verkündete sie unter Tränen ihren Rücktritt aus der Leichtathletik. „Ich log, um all das zu schützen, wofür ich in meinem Leben und meiner Karriere so hart gearbeitet hatte“, erklärte die US-Amerikanerin.
Vom Medaillenrausch ins Gefängnis
Die Sensationsrennen von 2000 demaskierten sich damit als trauriger Höhepunkt eines Dopingverbrechens. Jones gab zu, ab 1999 das Steroid THG genommen zu haben, das für damalige Testverfahren unsichtbar war. Laut ihrer Aussage tarnte Trainer Graham das Dopingmittel als „Leinsamenöl“. Graham befahl ihr, das Mittel geheim zu halten. Nach der Einnahme habe sie eine leistungssteigernde Wirkung verspürt. „Für das, was ich getan habe, kann ich niemandem außer mir die Schuld geben“, räumte Jones ein.
Im Dezember 2007 erkannten das Olympische Komitee und der Leichtathletik-Weltverband ihr nachträglich sämtliche olympischen Medaillen, Titel und Resultate ab September 2000 ab.
Doch Jones sollte noch viel tiefer fallen. Das goldene Märchen von Sydney fand ihr tragisches Ende in einem texanischen Frauengefängnis. 2008 wurde Jones wegen Falschaussage unter Eid zu sechs Monaten Gefängnisstrafe verurteilt. Damit war sie die erste professionelle Athletin, die wegen eines solchen Vergehens mit einer Haftstrafe sanktioniert wurde.
Von dem goldenen Märchen in Sydney war nichts mehr übrig geblieben. Und das 100m-Finale erzählt heute eine andere Geschichte als noch im September 2000.
Ein dopingverseuchtes Finale
Jones war nicht die einzige Sprinterin dieses Finales, deren Karriere mit Doping in Berührung kam. Die Jamaikanerin Merlene Ottey hätte ursprünglich gar nicht in Sydney starten dürfen, weil sie 1999 positiv auf Nandrolon getestet und zwei Jahre gesperrt wurde. Erst wenige Monate vor den Spielen hatte allerdings ein Einspruch der damals 40 Jahre alten Veteranin Erfolg: Mutmaßliche Mängel bei der Laborauswertung weckten Zweifel an ihrer Schuld.
Die zweitplatzierte Ekaterini Thanou war bei Olympia 2004 in Athen Hauptdarstellerin des spektakulären Skandals, in dem sie und Landsmann Konstantinos Kenteris einen Motorradunfall vortäuschten, um einem Dopingtest zu entgehen. Thanou wurde zwei Jahre gesperrt und wie Jones wegen Meineids verurteilt.
Auch Zhanna Block, damals Fünfte, wurde später wegen eines Dopingverstoßes sanktioniert – ihre Sperre bezog sich allerdings auf einen Zeitraum nach Sydney. Wie sauber dieses Finale tatsächlich war, lässt sich deshalb bis heute nicht vollständig beantworten.
Auch die Ergebnisliste erinnert daran. Jones verlor ihre Goldmedaille, Thanou behielt Silber – sie wurde nach Jones‘ Disqualifikation aber nicht zur Olympiasiegerin erklärt. Ausgerechnet Ottey rückte auf den Bronzerang vor.
Das Finale von Sydney fand nie eine Siegerin.