Klopp und Guardiola feierten ihn – nun ist er am Boden
"Er ist eine großartige Verpflichtung für uns"
Roberto De Zerbi war vor einigen Jahren der Shootingstar unter den Premier-League-Coaches und auch beim FC Bayern im Gespräch. Nun ist er mit Tottenham Hotspur an einem vorläufigen Tiefpunkt angekommen.
Es ist nicht sehr lange her, dass Roberto De Zerbi wie das nächste große Ding auf dem europäischen Trainermarkt schien.
Als „einzigartig“ lobte Pep Guardiola das Wirken des damaligen Coachs von Brighton & Hove Albion. Der Italiener sei „einer der einflussreichsten Trainer der letzten 20 Jahre“, schwärmte der damalige Manchester-City-Coach. Auch der seinerzeit noch beim FC Liverpool aktive Jürgen Klopp nannte De Zerbi „unglaublich“ und hielt fest: „Ich respektiere so sehr, was er tut.“
Es war das Jahr 2023. De Zerbi führte den Klub aus der malerischen Hafenstadt erstmals in den Europapokal. Das Team, in dem damals neben Pascal Groß auch Deniz Undav aktiv war, hatte eine klare Handschrift mit ballbesitzorientiertem und passsicherem Spiel. Mehrere Topvereine wurden hellhörig. De Zerbi war als Klopps Erbe in Liverpool im Gespräch – und wurde zwischenzeitlich auch beim FC Bayern gehandelt, ehe Vincent Kompany bei der Nachfolgersuche für Thomas Tuchel den Zuschlag bekam.
Inzwischen ist der 47-Jährige stattdessen über den Umweg Olympique Marseille bei Tottenham Hotspur an der Seitenlinie – und befindet sich mit den Spurs in trostloser Lage: Er steht sieglos auf dem letzten Platz der Premier League.
Roberto De Zerbi mit Tottenham am Boden
„Es ist schwer zu erklären, denn in meiner 14-jährigen Karriere als Trainer habe ich noch nie eine Mannschaft wie die unsere gesehen. So anfällig, so unbeständig“, fällte der 47-Jährige nach der jüngsten 2:3-Niederlage gegen Aston Villa ein hartes Urteil. Es war die dritte Niederlage im fünften Spiel – in den vier vorherigen blieb Tottenham torlos.
De Zerbi, der 2024 zeitweise mit Bayern in Kontakt war („Es gab da etwas“, berichtete er später auf Nachfrage), hatte im März die Geschicke in Nordlondon übernommen und dort zunächst erfolgreich als Feuerwehrmann fungiert.
Er führte den Klub mit drei Siegen und zwei Remis aus den letzten sieben Spielen nach einer desaströsen Saison doch noch zum Klassenerhalt – und wollte in dieser Spielzeit eigentlich wieder groß angreifen.
In diesem Sommer legten die Spurs über 350 Millionen Euro auf den Tisch, um die Schmach des Beinahe-Abstiegs vergessen zu machen. Doch weder Sandro Tonali (108 Mio.), Mateus Fernandes (99 Mio.) noch Sávio (87 Mio.) haben bislang die Erwartungen erfüllt.
Ewige Sorgenkinder wie der gegen Villa gar nicht mehr in den Kader berufene Ex-Bayer Mathys Tel finden ebenfalls nicht zu ihrer Form.
„Wir sind noch keine Mannschaft“
Zwei Punkte und 2:8 Tore sind eine ernüchternde Bilanz vor der ersten Länderspielpause – es war der schlechteste Premier-League-Saisonstart in der Vereinsgeschichte.
In der zweiten Runde des League Cups gelang zwar beim 5:1 gegen Zweitligist Charlton Athletic der bisher einzige Pflichtspielsieg, in der nächsten Runde war die Reise gegen den FC Liverpool dann aber doch schnell wieder beendet.
„Wir sind noch keine Mannschaft, aus verschiedenen Gründen“, hielt sich der Italiener nach dem erneut verpatzten Saisonstart mit Kritik an seiner Truppe nicht zurück. Und auch in den englischen Medien fallen die Analysen scharf aus.
Viele teure Transfers, bislang kein Ertrag
„Roberto De Zerbi mag bis zum Abschluss des Umbaus bei Tottenham Hotspur fast 400 Millionen Pfund ausgegeben haben – doch schon das erste Premier-League-Spiel seiner Mannschaft in dieser Saison hat gezeigt, dass selbst das ganze Geld der Welt kein garantiertes Heilmittel gegen eine Verlierermentalität ist“, hielt die BBC schon nach der 0:3-Auftaktniederlage in Brentford fest.
Mit Blick auf einen prominenten Stadiongast ergänzte die Online-Seite des traditionsreichen Rundfunksenders: „Rock-Superstar Jon Bon Jovi war als interessierter Zuschauer im Gtech Stadium zu Gast – und die Spurs lieferten ihm genug Stoff für mehrere Alben voller trauriger Powerballaden.“
In den darauffolgenden Spielen wurde es nicht besser – und aus den Aussagen von De Zerbi lässt sich schon jetzt eine gewisse Distanzierung zu seinem Team herauslesen: „Die Führungsspieler müssen Führungsspieler sein und das Team leiten“, sagte er nach der jüngsten Niederlage gegen Villa. Mit den Spielern soll er nach dem Spiel kein Wort gesprochen haben.
Spurs-Boss gibt noch Rückendeckung
De Zerbi selbst genießt derweil noch die Rückendeckung seiner Klubführung: CEO Vinai Venkatesham verteidigte De Zerbi jüngst bei einem Auftritt vor dem Fanbeirat des Klubs.
Venkatesham verwies darauf, dass Tottenham im Sommer nicht nur neue Stars gekauft, sondern auch viele Leistungsträger verloren hat – unter ihnen den von Bayern ausgeliehenen Joao Palhinha: „Der Klub hat im Sommer große Veränderungen auf und neben dem Platz vorgenommen – und ist sich bewusst, dass es Zeit brauchen wird, bis sich die ihre Wirkung voll entfalten werden.“
Wie viel Geduld der Europa-League-Finalist von 2024 mit seinem Trainer tatsächlich haben wird, ist Spekulation. De Zerbis Vorgänger Igor Tudor durfte sich seinerzeit jedoch schon nach 43 Tagen seine Papiere abholen. Bei dessen Vorgänger Thomas Frank waren es immerhin 225 Tage.
Unantastbar darf auch De Zerbi sich nicht fühlen, wenn nicht bald Besserung eintritt.