Das DFB-Sorgenkind Nick Woltemade
"Unglaublich": Klopp von DFB-Neuling schwer begeistert
Nick Woltemade vergibt gegen Serbien eine Riesen-Chance – und wartet weiter auf einen erlösenden Moment. Langsam wird es Zeit für einen Knotenlöser. Denn bleibt der aus, dürften die Rufe nach einem anderen Stürmertyp schon bald wieder lauter werden.
Am liebsten hätte er sich wohl hinter der Werbebande verkrochen.
Knapp eine Stunde war gespielt, als Nick Woltemade das 2:0 für Deutschland auf dem Fuß hatte. Vielleicht hätte er es nicht nur machen können, sondern machen müssen. Philip Treu brachte den Ball scharf vors Tor, Woltemade stand drei Meter vor dem gegnerischen Tor eigentlich goldrichtig – und setzte das Leder über das serbische Gehäuse. Eine Szene, die ziemlich genau zusammenfasste, was dem 24-Jährigen derzeit fehlt: Selbstvertrauen, Leichtigkeit und diese Selbstverständlichkeit, mit der ein Stürmer solche Bälle irgendwie über die Linie drückt.
Auch abseits dieser Großchance wirkte Woltemade in seinen Aktionen immer wieder schwerfällig (SPORT1-Note 5). Der Juve-Stürmer sucht derzeit nicht nur nach Toren, sondern auch nach seinem Rhythmus. Und langsam drängt die Zeit.
Ohne Havertz hat die DFB-Elf ein Problem
Denn platzt der Knoten nicht bald, dürften die Rufe nach einem klassischen Mittelstürmer wieder lauter werden. Aktuell zeichnet sich ein Problem ab: Kann Kai Havertz, der sich im ersten Spiel unter Klopp verletzte und abreisen musste, nicht spielen, fehlt Deutschland in der vordersten Spitze eine überzeugende Lösung.
Woltemade konnte diese Lücke bislang nicht schließen. Aber auch seine Konkurrenten drängten sich nicht gerade auf. Younes Ebnoutalib enttäuschte bei seinem ersten Startelf-Einsatz gegen Griechenland, Jonathan Burkardt blieb nach seinen Einwechslungen ebenfalls ohne nennenswerte Akzente.
Auch im Verein ist Woltemade noch nicht an seinem Top-Niveau angekommen.
Dass er sich nach seinem Sommer-Wechsel von Newcastle United zu Juventus Turin erst in die Stammelf kämpfen muss, ist deshalb noch kein Alarmsignal. Zumal die Konkurrenz prominent ist: Mit Ex-Frankfurter Randal Kolo Muani kämpft Woltemade um Einsatzzeit. Immerhin: Bei seinem bislang einzigen Startelf-Einsatz für die Alte Dame in der Europa League gegen NEC Nijmegen steuerte er einen Treffer bei.
DFB-Spiel läuft an Woltemade vorbei
Dabei bringt Woltemade eigentlich ein außergewöhnliches Paket mit. Mit 1,98 Metern besitzt er Gardemaß für einen Mittelstürmer, ist für seine Größe technisch überraschend stark und kann Bälle nicht nur festmachen, sondern sich auch ins Kombinationsspiel einschalten. Das klappte am Donnerstagabend aber viel zu selten. Einmal blitzte es auf: Nach einem Zusammenspiel mit Florian Wirtz nach rund einer halben Stunde leitete er eine gute Gnabry-Chance ein.
Doch insgesamt lief das Spiel zu oft an ihm vorbei.
Gerade einmal 33 Ballkontakte standen bei seiner Auswechslung (76. Spielminute) zu Buche. Zum Vergleich: Die zeitgleich ausgewechselten Tom Bischof (83) und Derry Scherhant (54) waren deutlich häufiger am Ball – und prägten das deutsche Spiel entsprechend stärker.
Natürlich liegt das nicht allein an Woltemade. Klopps 4-3-3 sieht viele Angriffe über die Außenbahnen vor. Doch genau deshalb braucht es im Zentrum einen Stürmer, der da ist, wenn es darauf ankommt. Einen, der nicht zehn Chancen benötigt. Einen, der die Dinger verwertet.
Und genau da liegt derzeit Woltemades Problem.
Was man ihm bei seiner vergebenen Riesen-Chance zugutehalten muss: Er erkannte den freien Raum, startete im perfekten Moment und brachte sich damit überhaupt erst in die Position. Zudem setzte der Ball unmittelbar vor ihm noch einmal auf.
Füllkrug scharrt mit den Hufen
Trotzdem bleibt der Eindruck: Ein Woltemade in Topform drückt diesen Ball über die Linie. Irgendwie. Und hätte er das getan, würde die Diskussion um ihn vermutlich gar nicht erst geführt. So aber bleibt sie.
Und sie dürfte lauter werden, sollte Woltemade seinen Knoten nicht bald lösen. Denn hinter ihm warten Kandidaten auf ihre Chance. Allen voran Niclas Füllkrug, der im DFB-Trikot schon häufig gezeigt hat, was er als klassischer Neuner liefern kann – und bei den deutschen Fans lange zu den Publikumslieblingen zählte.
Noch hat Woltemade die Chance, die Debatte selbst zu beenden.