Calmund über Daum-Drama: „Tut der sich nichts an?“

Nach Daums Tod: Ein ergreifender Dopa-Moment
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Nach Daums Tod: Ein ergreifender Dopa-Moment

Reiner Calmund blickt auf einen der dramatischsten Momente seiner gemeinsamen Zeit mit Christoph Daum zurück. Im SPORT1-Podcast Deep Dive spricht er über den folgenschweren Kokain-Test – und die große Sorge um seinen engen Freund.

Es war einer der größten Skandale der Fußballgeschichte – und Reiner Calmund erlebte ihn hautnah. 26 Jahre später hat der langjährige Manager von Bayer Leverkusen im SPORT1–Podcast Deep Dive mit Host Lenny Peteanu noch einmal ausführlich über die Kokain-Affäre um Christoph Daum gesprochen – und offenbarte, wie groß die Sorge um seinen engen Freund in den dramatischen Stunden danach war.

Im Frühherbst 2000 schien Daums Karriere eigentlich unmittelbar vor ihrem nächsten Höhepunkt zu stehen: Der damalige Leverkusen-Trainer war als künftiger Bundestrainer vorgesehen. Doch dann nahm die Geschichte eine dramatische Wendung.

Die Freundschaft von Reiner Calmund und Christoph Daum überdauerte auch einen der größten Fußballskandale
Die Freundschaft von Reiner Calmund und Christoph Daum überdauerte auch einen der größten FußballskandaleDie Freundschaft von Reiner Calmund und Christoph Daum überdauerte auch einen der größten Fußballskandale© IMAGO/Mika Volkmann

„Da habe ich gesagt: Bist du bekloppt?“

Spätestens als Uli Hoeneß im Interview mit der Münchner Abendzeitung vom „verschnupften Daum“ sprach, wurden die Drogen-Gerüchte um Christoph Daum unüberhörbar laut. Darum entschied sich dieser dazu, seine Unschuld mit einer Haarprobe beweisen zu wollen.

Calmund konnte die Entscheidung seines Trainers kaum nachvollziehen. „Dann sagte er am Montag: Ich lasse mir einen Haartest machen nach dem Spiel. Da habe ich gesagt: ‚Ja, bist du bekloppt!? Was ist da los?‘“, berichtete der 77-Jährige bei SPORT1. Daum habe ihm entgegnet: „Ich will meine Unschuld beweisen.“

Daum war zu diesem Zeitpunkt offenbar selbst davon überzeugt, dass die Untersuchung ihn entlasten würde – doch die freiwillig abgegebene Haarprobe wies Kokainkonsum nach. Ausgerechnet Calmund bekam das Ergebnis als einer der Ersten zu Gesicht. Für den Fall, dass Daum das Gutachten nicht persönlich entgegennehmen konnte, hatte dieser drei Personen hinterlegt: Franz Beckenbauer, den damaligen DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder – und Calmund.

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„Ich musste das abholen. Ich habe das erst gar nicht verstanden. Ich denke: Positiv? Das hat er freiwillig gemacht? Der war überzeugt, er war clean“, erzählte Calmund.

Noch am selben Abend berief der damalige Bayer-Manager eine Sitzung ein. Für Calmund bedeutete das Ergebnis eine besonders schwierige Situation: Er musste nicht nur über die Zukunft eines erfolgreichen Trainers entscheiden, sondern über die eines engen Freundes.

„Dann sage ich zu Christoph: ‚Wir müssen dich beurlauben, wir können dich mit diesem Gutachten jetzt nicht weiter beschäftigen.‘“

Calmund fürchtet um Daum: „Tut der sich nichts an?“

Damit war nicht nur Daums Zeit als Bayer-Trainer Geschichte, sondern auch die geplante Übernahme des DFB-Trainerpostens. Für Calmund standen in den Stunden danach allerdings nicht die sportlichen Konsequenzen im Vordergrund.

Calmund überredete seinen Freund mitten in der Nacht zur Abreise in die USA, um ihn aus dem Fokus der deutschen Medienöffentlichkeit zu nehmen. „Du fliegst morgen in die USA, ich lass dich von einem abholen“, habe er seinem Freund gesagt.

„Ich habe gedacht, wenn er jetzt außer Landes, raus aus Europa, in die USA geht – da muss ich auch gucken: Wer holt den am Flughafen ab? Tut der sich nichts an?“, sagte Calmund. „Du musst diese ganzen Szenarien ja mitsehen. Der fliegt da aus dem höchsten Stock vom Hochhaus runter und schlägt unten auf dem Asphalt auf. So habe ich das gesehen.“

Calmund wollte Daum in dieser Situation deshalb nicht sich selbst überlassen. Er organisierte, dass sein Freund nach der Ankunft in den USA abgeholt wurde und dort nicht allein war.

Daum hielt sich eine Zeit lang in den USA auf, wo er sich „wieder berappelte und stabilisierte“. Später kehrte er in den Fußball zurück: Seine Trainerkarriere führte ihn unter anderem zu Austria Wien, Fenerbahce, Eintracht Frankfurt und erneut zum 1. FC Köln.

Das persönliche Verhältnis zwischen Calmund und Daum wurde durch die dramatischen Ereignissen „zunächst sehr“ beeinflusst. Dennoch überdauerte die Freundschaft auch den wohl schwierigsten Moment der gemeinsamen Zeit.

Gemeinsam beim größten Bayer-Triumph

Mehr als zwei Jahrzehnte später erlebten beide sogar noch gemeinsam den bis dato wohl größten Tag der Leverkusener Vereinsgeschichte. 2024 verfolgten Calmund und Daum im Stadion, wie Leverkusen unter Xabi Alonso erstmals Deutscher Meister wurde.

„Ich habe geheult, als wäre ich verantwortlich“, erinnerte sich Calmund. Wenig später feierten beide auch den Pokalsieg.

Während der Europameisterschaft machten sie gemeinsam Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff. Dass es eines ihrer letzten gemeinsamen Erlebnisse werden würde, ahnte Calmund damals nicht. „Und dann kriegte ich plötzlich den Anruf: Schluss“, berichtete Calmund.

Daum starb im August 2024 im Alter von 70 Jahren. Auch der DFB würdigte ihn anschließend als einen Trainer, der den deutschen Fußball geprägt habe und fähig gewesen sei, „aus seinen Fehlern zu lernen“.