Mit dem Namen Bianchi verbinden die meisten Motorsport-Fans heutzutage den tragischen Tod des ehemaligen Formel-1-Fahrers Jules Bianchi, doch auch sein Großvater Mauro und sein Großonkel Lucien waren bekannte Rennfahrer, die ebenfalls tragischerweise verunglückten.
Und so liegt vermeintlich ein Fluch auf der Familie Bianchi, der heute vor 57 Jahren einen ersten traurigen Höhepunkt erreichte, als Lucien Bianchi in Le Mans verunglückte und verstarb.
Es war einer von drei Schicksalsschlägen, die die Bianchis in den vergangenen Jahrzehnten im Motorsport-Kontext erleben mussten. Zunächst verunglückte Mauro 1968 bei den 24-Stunden von Le Mans, zog sich dabei schwere Brandverletzungen, überlebte aber.
So viel Glück hatte sein Bruder ein Jahr später nicht, genauso wenig wie Jules mehrere Jahrzehnte später, als er nach einem F1-Rennunfall verstarb.
Bianchi-Brüder Mauro und Lucien sorgen im Motorsport für Furore
Vor ihren schweren Unfällen zählten Lucien und sein jüngerer Bruder Mauro zu den größten Motorsport-Stars der 60er-Jahre. Die Begeisterung für Autos war den Söhnen eines Alfa-Romeo-Mechanikers quasi in die Wiege gelegt.
Bereits mit 16 Jahren bestritt Lucien bei der Österreichischen Alpenfahrt sein erstes großes Rennen. In der Folge arbeitete er sich über die Formel 2 bis 1959 in die Formel 1, wo er auch für Furore sorgen konnte und in seinem zweiten Jahr beim Heimspiel in Spa Sechster wurde.
Bis zu seinem ersten Podest in der Königsklasse sollte es dann aber noch ein paar Jahre dauern. Zunächst kämpfte er sich über verschiedene kleine Teams 1968 zum Cooper-Werksteam und erhielt auch erstmals einen Vertrag für eine ganze Saison. In Monaco fuhr er dann als Dritter aufs Podium.
Sein Bruder Mauro hatte zwischenzeitlich längst auch mit dem Motorsport begonnen und sich in der Szene einen Namen gemacht. Für die Formel 1 reichte es trotz seiner Erfolge im Monoposto-Bereich aber nie. Dafür zählte er zu den absoluten Top-Piloten in der Sportwagen-Szene.
Einen seiner größten Erfolge feierte er an der Seite seines Bruders Lucien. Die beiden gewannen 1965 das 500-Kilometer-Rennen auf der Nordschleife des Nürburgrings.
Erst verunglückt Mauro im Rennen, dann stirbt Lucien bei Trainingsunfall
In den folgenden Jahren sollte sich dann das Glück von der Familie Bianchi aber abwenden. Sportlich lief zunächst noch alles nach Plan: 1968 gewann Lucien mit dem Mexikaner Pedro Rodriguez (der nur drei Jahre später auf dem Norisring ums Leben kam) die 24 Stunden von Le Mans.
Für Mauro wurde dasselbe Rennen aber zum Horror-Erlebnis. Er verunglückte und entkam bei einem schweren Feuerunfall mit schweren Brandverletzungen nur knapp dem Tod.
So viel Glück hatte Lucien dann am 30. März 1969 nicht. Bei einem Le-Mans-Test prallte er auf der Mulsanne-Geraden gegen einen Telegrafenmast und starb. Insgesamt startete er bis zu seinem Tod in 17 Formel-1-Rennen.
Infolgedessen entschied sich Mauro, der eigentlich nach seiner schweren Verletzung an einem Comeback arbeitete, seine Karriere zu beenden. Dem Motorsport blieb er trotzdem treu. Er arbeitete in der Folge als Entwicklungsingenieur bei Venturi.
Mauro Bianchis Enkel Jules starb an den Folgen eines Formel-1-Unfalls
In den Jahrzehnten danach wurde es zunächst ruhiger um den Namen Bianchi im Motorsport, doch das änderte dann Mauros Enkel Jules, der erst im Kartsport begeisterte und 2007 in den Formelsport wechselte.
2013 schaffte er dann den Schritt in die Formel 1, fuhr in der Folge für Marussia und eiferte so als zweiter Bianchi in der Formel 1 seinem Großonkel Lucien nach. Tragischerweise ereilte ihn 2014 dann auch das gleiche Schicksal wie seinen Großonkel.
Beim Suzuka-GP 2014 kam Bianchis Marussia bei heftigem Regen von der Strecke ab, der Bolide raste unter ein Abschleppfahrzeug, Bianchi erlitt schwerste Kopfverletzungen. 285 Tage lang bangte die Motorsport-Welt anschließend um sein Leben.
Am 17. Juli 2015, nach mehr als neun Monaten im Koma, verlor der Körper des damals 25-Jährigen seinen härtesten Kampf. Es war der schwärzeste Moment der jüngeren Formel-1-Geschichte, der eine kurze, aber heftige Schockstarre auslöste.
Tod von Jules Bianchi veränderte Formel 1 für immer
Die Verantwortlichen der Königsklasse zogen im Anschluss eine wichtige Konsequenz, die seitdem womöglich mehr als nur ein Leben gerettet hat. Ein zentraler Entschluss: die Einführung des Halo-Systems, dessen Entwicklungsgeschichte auch mit dem lebensgefährlichen Unfall von Felipe Massa 2009 und dem Tod von Formel-2-Pilot Henry Surtees im selben Jahr zusammenhing – sowie auch dem tödlichen Crash von IndyCar-Pilot Justin Wilson im Jahr nach Bianchis Unfall.
Zu Beginn als „hässlichste Modeerscheinung in der Formel-1-Geschichte“ verunglimpft, ist das Halo-System mittlerweile selbst von den größten Kritikern des Cockpit-Schutzes akzeptiert.
Unter anderem änderte Charles Leclerc, ein enger Freund von Bianchi, seine Meinung 2018, als Fernando Alonsos McLaren in Spa über den Alfa Romeo des Monegassen schoss: „Ich war nie ein großer Halo-Fan, aber ich muss sagen, dass ich unglaublich froh bin, ihn in diesem Fall über meinem Kopf gehabt zu haben.“ 2022 war dies auch bei Guanyu Zhou der Fall, für den der Titanring bei seinem Unfall in Silverstone lebensrettend war.
Für Jules Bianchi kam diese Reform zu spät. Sein Tod war das nächste Kapitel in einem kaum zu glaubenden Familien-Fluch, der heute vor 57 Jahren seinen traurigen Anfang nahm.