Nach dem Gewinn ihrer zweiten Goldmedaille blickte Helen Kevric noch einmal zurück auf die dunklen Tagen, an denen sie beinahe den Glauben an ein erfolgreiches Comeback verloren hätte.
„Nur wenige Menschen können verstehen, wie schwierig solch eine Situation ist“, sagte sie. Für einen Moment schien es, als durchlebe die deutsche Turn-Hoffnung noch einmal die bitteren Stunden nach ihrer schweren Knieverletzung, die bangen Tage, an denen nichts voranging, an denen Kevric mühsam wieder laufen lernen musste.
Bei den „Finals“ in Hannover turnte sie sich frei, gewann zuerst mit einer Weltklasseübung (14,475 Punkte) den deutschen Meistertitel am Stufenbarren und legte dann mit dem Sieg am Schwebebalken (13,025) nach. „Ich bin sehr glücklich, wenn auch nicht zufrieden mit meiner Leistung. Ich weiß, dass ich es besser kann“, sagte Kevric in der ARD.
Auf Olympia-Highlight folgte lange Leidenszeit
Mit 18 Jahren hat die Stuttgarterin schon viel erlebt. 2024 in Paris war sie Deutschlands beste Olympia-Turnerin mit den Plätzen acht im Mehrkampf und sechs am Stufenbarren.
Bei der Heim-EM 2025 in Leipzig sollte sie das Gesicht der jungen deutschen Mannschaft sein und gewann tatsächlich mit der Riege Silber. Dann der Schock: Nach einer Landung beim Sprung ging es unter Schmerzen ins Krankenhaus. Dort wurde „der gerissene Streckapparat des Kniegelenkes wiederhergestellt und ein kleiner Knochen refixiert“.
Es folgte eine Leidenszeit, die Kevric an ihre Grenzen brachte. Die ist nun vorüber, bei der DM deutete Kevric an, was möglich ist. „Mein Ziel ist es, wieder zur alten Form zurückzukommen“, hatte sie vor den DM-Wettkämpfen im Podcast „Von Staub zu Gold“ des Deutschen Turner-Bundes (DTB) gesagt. Es laufe gut, „aber es gibt noch Potenzial nach oben“.
Kevric will bei Olympia 2028 angreifen
Die Saisonhöhepunkte stehen aber auch erst an. Zuerst finden in Zagreb die Europameisterschaften vom 13. bis 16. August statt. In Rotterdam geht es dann vom 17. bis 25. Oktober auf die WM-Bühne.
Zwei Gelegenheiten für Kevric, sich international zu zeigen und den Konkurrentinnen auch mit Blick auf die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles in Erinnerung zu rufen. „Das ist mein großes Ziel“, sagte sie, „es wäre auch ein Ziel, noch weiter vorne mitkämpfen zu können“ als damals bei ihrem Durchbruch in Paris.
Olympia an der Westküste der USA ist auch für eine andere deutsche Turnerin ein Traum, der seit dem Wochenende in Hannover wieder realistischer ist. „Mein Plan führt genau in diese Richtung“, sagte Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer-Betz. Die 29-Jährige aus Chemnitz, Spezialistin am Schwebebalken, holte nach diversen Verletzungen immerhin zwei DM-Medaillen: Silber an ihrem Paradegerät punktgleich mit Kevric und Bronze im Mehrkampf.