20. Juli 1984, Ludwig-Jahn-Sportpark in Ost-Berlin. Uwe Hohn, 22 Jahre jung, 1,98 m groß und rund 115 Kilo schwer, tippelt kurz von einem Bein auf das andere, nimmt 18 Schritte Anlauf, stemmt sich ab und schleudert seinen Speer mit brachialer Kraft in die Luft.

Die 800 Gramm schwere Metallstange fliegt und fliegt – erst nach 104,80 Metern bohrt sie sich in den Rasen. Hohn wusste sofort, dass er Historisches geschafft hatte: Nie zuvor war in der Leichtathletik ein Speer so weit geflogen. Und nie wieder sollte ein Speer so weit fliegen.

Der heute vor 42 Jahren vollbrachte Fabelrekord der DDR-Legende gilt heute nicht mehr – denn er verursachte Probleme, die die Verantwortlichen nur mit einer Änderung der technischen Regularien zu lösen wussten.

DDR-Ass Uwe Hohn warf den Speer 1984 auf über 100 Meter

Bis die aufgeregten Zuschauer am international besetzten „Olympischen Tag“ in der heutigen Bundeshauptstadt erfuhren, was für ein Meilenstein sich vor ihren Augen abgespielt hatte, dauerte es etwas – auch aus technischen Gründen.

Die Anzeigetafel war nur auf vier Stellen ausgelegt, „04,80“ stand dort schwarz auf weiß. Erst der Stadionsprecher sorgt für Aufklärung: „Es war genau 19.54 Uhr im zweiten Versuch – Uwe Hohn aus Potsdam. Und er hat nicht nur die 100 Meter gekitzelt, er hat 104 Meter und 80 Zentimeter erreicht.“

Uwe Hohn stellte im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark einen Fabel-Weltrekord auf
Uwe Hohn stellte im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark einen Fabel-Weltrekord aufUwe Hohn stellte im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark einen Fabel-Weltrekord auf© IMAGO/Werner Schulze

Die damals wie heute unglaubliche Leistung sorgte allerdings auch für einen Moment der Angst, denn sein Speer landete fast auf der Tartanbahn. Den Hochspringern, die sich in der Nähe auf ihren Wettkampf vorbereiten, stand der Schreck ins Gesicht geschrieben.

Hohn selbst nahm seinen Fabelweltrekord derweil gelassen auf: „Ist schon eine schöne Weite. Zuerst frontal gegen den Wind, das gab ihm Höhe, und dann hat er sich hinten schön lang gemacht“, sagte der Athlet vom ASK Vorwärts Potsdam, nachdem er kurz in die Hände geklatscht und seine Arme in den Himmel gestreckt hatte.

Leichtathletik-Verband änderte die Regeln

Der Fabelwurf des in Neuruppin bei Potsdam geborenen Hohn pulverisierte die vorherige Bestmarke des US-Amerikaners Tom Petranoff aus dem Jahr zuvor um fast fünf Meter – brachte den Weltverband IAAF allerdings in eine Zwickmühle.

Hohns Wurf trieb eine Entwicklung auf die Spitze, die zur Folge hatte, dass die Stadien zu klein für die Speerflüge von damals wurden – was die Sicherheit der Zuschauer gefährdete. Der Verband wusste sich nicht anders zu helfen, als dem Speerwurf eine umstrittene Regeländerung zu verordnen: Die Speere wurden ab 1986 durch eine Schwerpunktveränderung technisch so verändert, dass sie steiler und damit nicht mehr so weit flogen.

Der Weltrekord wurde durch die Neuerung zunächst um rund 20 Meter zurückgeworfen. In den Neunzigern trieb der tschechische Ausnahmewerfer Jan Zelezný den Rekord wieder bis auf 98,48 m. Damit allerdings scheint das Limit erreicht. Hohns 104-Meter-Wurf dürfte bis in alle Ewigkeit einzigartig bleiben.

Hohn spricht ungern über seinen Wurf

Persönliches Glück hat der große Wurf Hohn nur bedingt gebracht: Zwar durfte der schüchterne Hüne danach live im DDR-Fernsehen zur Unterhaltung der Zuschauer Streichhölzer durch die Luft schmeißen (30,68 m), auch der Vaterländische Verdienstorden wurde ihm verliehen – doch mit der Karriere ging es danach bergab.

Olympiagold 1984 in Los Angeles blieb Hohn wegen des Boykotts der Spiele durch den Ostblock verwehrt. Er musste tatenlos zusehen, wie der Finne Arto Härkönen mit lediglich 86,76 Metern Gold holte.

Hohn, Europameister von 1982, gewann 1985 noch den Welt- und den Europacup, nach zahlreichen Operationen und Bandscheibenproblemen musste er aber schon 1987 seine Laufbahn beenden – mit gerade mal 25 Jahren.

Nach dem Zusammenbruch der DDR taucht neben vielen anderen auch der Name Uwe Hohn im Zusammenhang mit dem Staatsdoping auf.

Dem Familienvater wurde Oral-Turinabol verabreicht. Auch deshalb ist es Hohn heute unangenehm, über seinen Wurf zu sprechen. „Am liebsten will ich gar nicht reden darüber, auch wegen der aktuellen Dinge“, sagte er einmal.

Uwe Hohn im Jahr 2019
Uwe Hohn im Jahr 2019

Hohn trainierte zeitweise Olympiasieger Chopra

Hohn, der am 16. Juli 64 Jahre alt geworden ist, arbeitete nach der Wende bei der Bundeswehr und als Trainer-Weltenbummler unter anderem in Katar, Australien, China und Indien.

Unter anderem coachte er zeitweise Neeraj Chopra, den Olympiasieger von 2021.
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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)