Ursprünglich war es als lockerer Formtest geplant. Am 25. Mai 1996 – heute vor genau 30 Jahren – machte sich Jan Zelezny gemeinsam mit seiner Familie auf den Weg zu einem vergleichsweise kleinen Leichtathletik-Meeting in Jena. Aber vor Ort passte an diesem Tag alles zusammen: angenehme frühsommerliche Temperaturen und ein leichter Rückenwind sorgten für optimale Bedingungen. So wurde aus dem erst recht unscheinbaren Wettkampf plötzlich ein historischer Moment.

Der ehemalige tschechische Speerwerfer setzte zum Anlauf an und katapultierte seinen gelben Speer mit voller Wucht in den Himmel. Das Gerät zog eine nahezu perfekte Flugbahn, ehe es sich tief in den Rasen bohrte. Unmittelbar nach dem Wurf riss Zelezny die Arme nach oben, wenig später erschien die unglaubliche Weite auf der Anzeigetafel: 98,48 Meter. Ein neuer Weltrekord, selbst gestandene Experten kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Zuschauer im Stadion gerieten aus dem Häuschen.

Jan Zelezny bei den Olympischen Spielen in Atlanta
Jan Zelezny bei den Olympischen Spielen in AtlantaJan Zelezny bei den Olympischen Spielen in Atlanta© IMAGO/HJS

Es war der schon vierte Weltrekord des Ausnahmesportlers, der nur wenige Wochen danach bei den Olympischen Spielen in Atlanta seinen zweiten von insgesamt drei Olympiasiegen feiern sollte. Aber es war der speziellste. Denn auch seine Familie wurde an diesem Tag Zeuge eines außergewöhnlichen Augenblicks der Sportgeschichte. Bis heute hat kein Athlet diese Marke jemals übertroffen. Seit mittlerweile drei Jahrzehnten bleibt der Wurf von Jena unerreicht und zählt damit zu den langlebigsten Rekorden der modernen Leichtathletik.

Leichtathletik: So erinnert sich Zelezny an seinen Weltrekord

Zelezny befand sich damals in bestechender Verfassung und knackte regelmäßig die Marke von 90 Metern. Seinen Rekordwurf hielt trotzdem niemand für möglich. Hintergrund war eine Regeländerung einige Jahre zuvor: 1986 wurde ein schwererer Speer eingeführt, der deutlich kürzere Flugweiten als Konsequenz hatte. Zuvor hatte Uwe Hohn 1984 mit 104,80 Metern eine bis dahin unvorstellbare Distanz erreicht – ein Wurf, der den Weltverband zum Handeln zwang. Aus Sicherheitsgründen wurde der Schwerpunkt des Speers verändert, um solche Extremweiten künftig zu verhindern.

In der Folge schien selbst die Annäherung an die 100-Meter-Marke für viele unerreichbar. Doch in Jena griffen bei Zelezny alle Zahnräder ineinander: Seine herausragende Technik, das hohe Tempo im Anlauf und die äußeren Verhältnissen ergaben die Mischung für den legendären Versuch. „Es war warm, wir hatten 2,5 bis drei Meter pro Sekunde Wind, fürs Speerwerfen ideale Bedingungen“, erinnerte sich Zelezny 2021 im Gespräch mit der Bild an seinen magischen Abend.

Dass es ausgerechnet an jenem Abend dazu kommen würde, hatte der Tscheche im Vorfeld allerdings nicht erwartet. „Das war Zufall. Es waren einfach der richtige Tag, die richtige Form und das richtige Wetter. Zudem warf Raymond Hecht früh im Wettbewerb über 90 Meter, das war meine Motivation, das auch zu schaffen“, erklärte er. Besonders emotional blieb ihm dabei ein Detail im Gedächtnis: „Für mich war das ein sehr bedeutender Tag, denn zum ersten Mal war meine ganze Familie im Stadion. Jena hat somit einen besonderen Platz in meinen Erinnerungen.“

Zelezny knackte die 100-Meter-Marke nie

War es also der perfekte Wurf? Aus seiner Sicht nicht ganz. „Ich dachte damals, irgendwann kommen noch Würfe, die besser sind, aber die kamen nicht mehr. Bei so einem Resultat ist man aber tatsächlich nicht weit vom perfekten Wurf entfernt“, sagte Zelezny rückblickend. Eine ideale Kombination aus verschiedenen Bestleistungen hätte für ihn das Optimum dargestellt: „Wenn ich diesen Wurf mit meinem Weltrekord von 1993 in Sheffield (95,66 Meter; Anm. d. Red.) kombinieren würde, wäre das der perfekte Versuch. In Sheffield hatte ich einen schnelleren Anlauf, in Jena wiederum die rohe Kraft für diese Weite.“

Zelezny war dennoch selbstbewusst aufgetreten. Er fühlte sich stark genug für einen Rekord und hatte sich im Vorfeld sogar bei den Veranstaltern über die ausgelobte Prämie von 10.000 Mark informiert. Anschließend reichte sein Blick sogar noch weiter: Die magische Grenze von 100 Metern wollte er ins Visier nehmen. „Die 100 Meter sind mein Traum, und ich glaube, dass ich sie demnächst in Ostrava schaffen kann“, kündigte der damals 29-Jährige nicht von ungefähr an. Sein Trainer Bernd Bierwisch betitelte ihn als „den Mann mit dem Urknall im Arm“. 

Speerwurf-Legende Jan Zelezny arbeitete nach seiner Karriere als Trainer
Speerwurf-Legende Jan Zelezny arbeitete nach seiner Karriere als TrainerSpeerwurf-Legende Jan Zelezny arbeitete nach seiner Karriere als Trainer© IMAGO/Camera 4

Doch eine weitere Steigerung seiner Bestmarke aus Jena blieb verwehrt. Ihm und allen anderen. Weder verbesserte Trainingsmethoden noch technische oder medizinische Entwicklungen konnten den Rekord aus dem Jahr 1996 bis heute ins Wanken bringen – ein eindrucksvoller Beleg für seine außergewöhnliche Qualität. Hochkarätige Konkurrenten wie Seppo Räty oder Steve Backley scheiterten ebenso an dieser Marke. Am nächsten kam ihm Johannes Vetter, der 2020 starke 97,76 Meter erreichte, sich aber dennoch knapp unter der Bestleistung einreihte.

Zelezny selbst beendete seine aktive Karriere 2006. Physische Probleme, insbesondere im Rückenbereich, spielten dabei eine entscheidende Rolle. Dem Speerwurf hielt er allerdings die Treue und ist heute als Trainer aktiv.