Viel anfangen können mit dem AFC Bournemouth wohl eher nur die absoluten Premier-League-Kenner. Zu selten tauchten die Cherries in der deutschen Medienlandschaft auf. Doch im Schatten von „Drama-Klubs“ wie Manchester City, FC Arsenal, FC Liverpool, Manchester United oder dem FC Chelsea schrieb Bournemouth Vereinsgeschichte und ließ einen Top-Fünf-Rekord dahinschmelzen.

Im Gegensatz zur breiten deutschen Öffentlichkeit schaute Marco Rose ganz genau auf den Klub aus dem Südwesten Londons und war schließlich wohl so angetan, dass er sich dem AFC in der kommenden Saison anschließen wird. In der Küstenstadt tritt der Ex-Coach von RB Leipzig, Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund als neuer Cheftrainer in ganz gewaltige Fußstapfen.

Der scheidende Andoni Iraola führte Bournemouth sensationell erstmals in die Europa League und übertraf die Erwartungen meilenweit. Der Verein, der vor vier Saisons noch in der zweiten englischen Spielklasse aktiv war und vor 16 Jahren viertklassig gekickt hat, absolvierte die beste Spielzeit seiner Vereinsgeschichte und lieferte schier unglaubliche Zahlen.

Bournemouth bricht internationalen Rekord

In der Premier League verließen die Cherries zuletzt am 20. Spieltag mit leeren Händen das Feld (2:3-Niederlage gegen den FC Arsenal). Es folgten ganze 18 Spiele ohne Ligapleite in Serie – die längste Erfolgsstrecke in Europas Top-Fünf-Ligen. Meisterteams wie der FC Bayern, Inter Mailand, Barcelona, Arsenal oder PSG können neidisch nach Bournemouth blicken.

Dabei mussten die Cherries auch Nackenschläge einstecken. Im vergangenen Sommer verlor Bournemouth beinahe seine komplette Abwehrkette. Illia Zabarnyi (zu PSG), Dean Huijsen (Real Madrid) und Milos Kerkez (FC Liverpool) sind nur drei der prominenten Abgänge, die die Briten kompensieren mussten.

Trainer Andoni Iraola führt Underdog nach Europa

Iraola kam 2023 aus Spanien in die Ferienstadt an der englischen Südküste. Von einer Erfolgsgeschichte dieses Ausmaßes hätte der 43-Jährige nicht zu träumen gewagt. „Ich hatte keine Ahnung. Ehrlich. Ich wusste, dass es fast unmöglich sein würde, Europa zu erreichen. Aber es stimmt, dass der Besitzer (Geschäftsmann Bill Foley, Anm. d. Red.) mir von Anfang an etwas gesagt hat. Er meinte: Ok, wir wollen in der Premier League bleiben. Das ist das Wichtigste. Aber ich will Europa“, verriet der Übungsleiter The Athletic.

Gesagt, getan. Die Cherries punkteten wie am Fließband und beendeten die Saison auf Platz sechs. Dabei griffen sie gleichzeitig noch entscheidend in den Meisterschaftszweikampf zwischen Arsenal und ManCity ein. Das Privatduell der beiden Topteams, das im Saisonendspurt zum Kopf-an-Kopf-Rennen um die Spitze mutierte. Da die Iraola-Elf ManCity am vorletzten Spieltag noch einen Zähler abtrotzte (1:1), schwang sich Bournemouth zum Königsmacher auf und ließ die Gunners auf der Couch jubeln.

Dass der 51. der ewigen Premier-League-Tabelle, dessen Stadion mit einer Kapazität von 11.307 Sitzplätzen das kleinste in der gesamten Liga ist, so starke Resultate erzielte, blieb natürlich auch der namhaften Konkurrenz nicht verborgen.

Trainer Iraola wird den Verein verlassen und sich wohl einem internationalen Großkaliber anschließen – wohin genau es ihn zieht, ist noch unklar.

Was erwartet Rose in Bournemouth?

Also: Bühne frei für Rose, der nun vor einer Mammutaufgabe steht und in Fußstapfen tritt, die viel größer gar nicht sein können. Am 20. April unterschrieb der Ex-Bundesligatrainer sein Arbeitspapier in Bournemouth. Damals belegten die Cherries Rang acht und träumten bereits berechtigterweise von der Europa League.

Steht bei Bournemouth vor einer kniffligen Aufgabe: Marco Rose
Steht bei Bournemouth vor einer kniffligen Aufgabe: Marco Rose Steht bei Bournemouth vor einer kniffligen Aufgabe: Marco Rose © IMAGO/Sven Simon

Und nun? Schreibt Rose mit den Cherries das nächste Kapitel dieses modernen Fußball-Märchens? Geht es nach seinem Vorgänger, dann spricht wenig dagegen. „Ich glaube, der Verein ist bei ihm in sehr guten Händen. Er ist ein großartiger Trainer. Ich habe ihn schon vor ein paar Jahren gelobt, ich mochte seine Mannschaften schon immer und hoffe, dass er das fortsetzt“, lobte Iraola seinen Nachfolger.

Bournemouth: Jedes Jahr, drei Plätze rauf

Es ist Roses erste Station im nicht deutschsprachigen Ausland (2017-2019 Trainer von RB Salzburg). Wie die Uhren auf der Insel ticken, wird der 49-Jährige schnell herausfinden müssen. Schließlich dürfte die Erwartungshaltung in Bournemouth keine geringe (mehr) sein.

Seit dem Aufstieg 2021/22 geht es in Bournemouth nämlich stetig bergauf – mit einer beeindruckenden Regelmäßigkeit. 2022/23 stand Platz 15 nach der Spielzeit auf der Endabrechnung, eine Spielzeit später beendeten die Cherries die Saison auf Platz zwölf. Nach Platz neun im vergangenen Jahr ist es nun der sechste Platz. Die Cherries arbeiteten sich also konsequent in Dreierschritten die Tabelle hoch.

Wie kommt Rose in Bournemouth an?

Ganz sicher wird Rose deshalb nicht Platz drei als Ziel vorgeben. Aber sein Verein läuft auf internationalem Parkett auf, baut das Stadion nach UEFA-Richtlinien um und sorgt dafür, dass bald 20.000 Zuschauer Platz im Vitality Stadium finden werden. Bournemouth bewegt sich also ein Stück weit aus der Underdog-Rolle, um mit den Großen zu spielen.

Alles Dinge, die von Rose ein gesundes Erwartungsmanagement fordern. Schließlich kennt Bournemouth die Zusatzbelastung durch einen internationalen Wettbewerb noch nicht – die Fans aber sind den stetigen Erfolg aus den letzten Jahren gewöhnt.

Wird es Rose gelingen, seinen mutigen, vertikalen und schnellen Spielstil auf die Insel zu transportieren? Nicht nur die englische Presse wird den deutschen Trainer dabei genau ins Visier nehmen. Auch an der deutschen Medienlandschaft wird Bournemouth nun nicht mehr vorbeifliegen. Ein weiterer Schritt aus dem Schatten der „Drama-Klubs“.