Fünf Tage lang war der FC Liverpool ohne Trainer. Dann beerbte Andoni Iraola den entlassenen Arne Slot an der Anfield Road, er soll die Reds nach einer dürftigen Saison wieder in die Spur bringen. Die Spielidee des Spaniers dürfte die Reds jedenfalls träumen lassen – das hat auch mit Jürgen Klopp zu tun.

Spätestens seit diesem Transfersommer ist der Name Iraola in aller Munde. Chelsea wollte ihn, Leverkusen wollte ihn, Liverpool bekam ihn. Mit dem AFC Bournemouth spielte er nicht nur sich, sondern eine ganze Mannschaft ins Rampenlicht. Aber was hat es mit dem Märchen-Macher auf sich?

Andoni Iraola ist neuer Trainer des FC Liverpool
Andoni Iraola ist neuer Trainer des FC LiverpoolAndoni Iraola ist neuer Trainer des FC Liverpool© IMAGO/Pro Sports Images

Trainerschmiede Baskenland

Geboren wurde Andoni Iraola in Usurbil im spanischen Baskenland. Schon mal gute Voraussetzungen für eine große Trainerkarriere: Die autonome Region in Nordspanien ist schließlich auch Heimat von Xabi Alonso, Unai Emery und Mikel Arteta. Als aktiver Spieler lernte er das Kicken dann logischerweise bei Athletic Bilbao und verbrachte dort auch fast seine gesamte Spielerkarriere.

In der spanischen Nationalmannschaft kam der Außenverteidiger von 2008 bis 2011 auf sieben Einsätze, konnte sich in der goldenen Generation jedoch keinen Stammplatz erspielen. Für die inoffizielle baskische Nationalmannschaft kommt er auf acht Einsätze.

Nach einem Intermezzo in New York, wo er gemeinsam mit Andrea Pirlo und Frank Lampard seine Karriere ausklingen ließ, begann er seine Trainerkarriere in Zypern bei AEK Larnaka. Nach sechs Monaten war auf der Mittelmeerinsel wieder Schluss und er heuerte in seiner spanischen Heimat bei CD Mirandés an. Er führte den Außenseiter in der zweiten Liga souverän zum Klassenerhalt (11. Platz) und sensationell bis in das Halbfinale der Copa del Rey.

Ein Jahr später folgte mit Rayo Vallecano das noch größere Ausrufezeichen, als er die Spanier nicht nur aus der zweiten Liga nach oben führte, sondern diese anschließend auch noch in der Liga etablierte. Genug Bewerbung für den AFC Bournemouth, wo er anschließend seine bislang größte Heldengeschichte schreiben sollte.

Unter seiner Führung landete der Klub erstmals überhaupt auf einem Europacup-Platz.

Den Verein aus Südengland verließ er nach der abgelaufenen Saison auf eigenen Wunsch. Sein Nachfolger wird der Deutsche Marco Rose.

Heavy-Metal-Fußball wie unter Klopp?

Die Basics, auf die der Coach setzt, dürften die Augen bei vielen Fans der Reds groß werden lassen. Iraola steht für Vollgasfußball. Keine Zeit zum Durchschnaufen. Nicht für den Gegner, nicht für die Fans und schon gar nicht für die eigenen Spieler. „Du bist ein Spieler der Premier League, und wenn du müde bist, ist das genau der Moment, in dem du den Gegner unter Druck setzen musst, wenn auch er müde ist, und versuchen musst, ihn zu knacken. Dazu musst du körperlich in Bestform sein“, sagte Iraola dem Guardian 2024.

Mit Bournemouth stürmte Iraola so zur besten Saison der Vereinsgeschichte und schließlich bis in die Europa League. Nur drei Punkte trennten ihn in der Abschlusstabelle von Liverpool.

Kurz vor Iraolas Amtsantritt 2023 hatte der LFC die Cherries mit einem satten 9:0 regelrecht aus Anfield geprügelt. Dann änderte der neue Coach fast alles: Mit aggressivem Anlaufen, hohem Gegenpressing und blitzschnellem Umschalten machte er aus den Südengländern eine Maschine, die mit ihrem geordneten Chaos die Liga eroberte.

Prinzipien, die nicht nur in Merseyside vor allem an einen Mann erinnern: Jürgen Klopp. Der Vereinsheilige, der die Reds von 2015 bis 2024 in fast 500 Spielen trainierte, baute mit seinem „Heavy Metal Fußball“ einst eine der gefürchtetsten Pressing-Maschinen Europas. Wird Iraola also der neue Klopp?

Klopp und Iraola bei einem Match zwischen Liverpool und Bournemouth
Klopp und Iraola bei einem Match zwischen Liverpool und BournemouthKlopp und Iraola bei einem Match zwischen Liverpool und Bournemouth© IMAGO/Shutterstock

Der Vergleich wurde umgehend in der englischen Presse bemüht. „Heavy-metal-Iraola dreht die Lautstärke in Anfield auf elf“, titelte die Sun und nannte den Trainer „einen echten Redbanger.“ Klopp selbst hielt mit seiner Begeisterung für seinen damaligen Kollegen früher auch nicht hinter dem Berg: „Ich muss wirklich anerkennen, was er hier geleistet hat. Wow, das ist echtes Coaching“, staunte er damals nach einem Duell zwischen Liverpool und Bournemouth.

Die Erwartungen in Liverpool sind hoch

„Man braucht nicht viele Dinge, um sich von Liverpool angezogen zu fühlen“, gestand Iraola bei seiner Vorstellung. Sollte er seine Spielidee auf den Platz bekommen, wird er auch nicht viel brauchen, um Liverpool für sich zu gewinnen.

Klar ist: Iraola wird seine Spielphilosophie an der Anfield Road nicht verändern. „Was mir die Möglichkeit gegeben hat, hier zu sein und in der Premier League zu trainieren, sind Ideen, an die ich von Anfang an geglaubt habe“, sagte er im Februar 2025: „Man muss sich zwar anpassen, aber wenn man sich die ersten Spiele ansieht, die ich in Zypern trainiert habe, dann war das, was die Mannschaft dort versucht hat, dem sehr ähnlich, was wir hier versuchen. Man lernt dabei dazu, aber die Grundidee ändert sich nicht wesentlich.“

Er habe auch die Möglichkeit, anders spielen zu lassen, „aber ich glaube, ich wäre ein schlechterer Trainer, wenn ich eine Spielweise praktizieren würde, an die ich nicht von ganzem Herzen glaube.“

Das Publikum an der Anfield Road ist für den anstehenden Spektakel-Fußball erfahrungsgemäß empfänglich. Der bringt aber auch Risiken mit. Mit 58 Treffern stellte Bournemouth vergangene Saison zwar die fünftbeste Offensive, mit 54 Gegentoren steht man in dieser Statistik allerdings auf Rang 14.

Bekommt er diese Defensiv-Probleme nicht in den Griff, könnte aus den Sympathien von den Rängen schnell Gegenwind werden. Das bekam auch sein Vorgänger Arne Slot zu spüren.

Arne Slot wurde nach zwei Spielzeiten in Liverpool entlassen
Arne Slot wurde nach zwei Spielzeiten in Liverpool entlassenArne Slot wurde nach zwei Spielzeiten in Liverpool entlassen© IMAGO/Shutterstock

Der Niederländer hatte den LFC in seiner ersten Saison nach der Ära Klopp direkt zum Meistertitel geführt. Im zweiten Jahr war von dieser Anfangsfrische jedoch nicht mehr viel zu spüren. Liverpool belegte zwar einen starken dritten Platz in der Champions League-Gruppenphase, blieb sonst aber eher blass. Gegen den späteren CL-Sieger aus Paris blieb man in beiden Viertelfinalen chancenlos und schied in Summe mit 0:4 aus. Im League Cup scheiterte man im Achtelfinale an Crystal Palace (0:3) und im FA Cup zeigte Manchester City ihnen im Viertelfinale mit 0:4 klar die Grenzen auf.

In der Premier League konnte man mit Platz fünf zwar immerhin noch die Champions League sichern, hinkt aber damit den Ansprüchen des Klubs weit hinterher. Auch weil der Ansatz Slots, das wilde Biest, das Liverpool unter Klopp zeitweise war, mit geordnetem, dominantem Ballbesitz etwas zu zähmen, am Ende eher Flaute statt neuen Wind brachte. Ende Mai zog der Verein schließlich die Reißleine und setzte den Niederländer vor die Tür.

Bekommt er Liverpool wieder in die Spur?

Einfach wird die Aufgabe beim 20-maligen Premier-League-Sieger also in jedem Fall nicht. Mit Mo Salah und Andrew Robertson verlassen zwei der prägendsten Gesichter der letzten zehn Jahre den Verein. Innenverteidiger Ibrahima Konaté geht ablösefrei und aus der 340-Millionen-Offensive um Florian Wirtz, Alexander Isak und Hugo Ekitiké konnte nur Letzter bis zu seinem Achillessehnenriss konstant überzeugen.

Gerade Wirtz hatte merklich Schwierigkeiten, sich in dem neuen Umfeld zurechtzufinden. Mit fünf Toren und vier Vorlagen ließ er zumindest hin und wieder das Talent aufblitzen, das auch Deutschland bei der WM weit bringen soll. Spannend wird sein, wie gut sich der Ex-Leverkusener im laufintensiven Spiel seines neuen Bosses einfügen wird.

Dass er Umbrüche kann, hat Iraola jedenfalls schon bewiesen. Mit Milos Kerkez (wechselte damals zu Liverpool und trifft wieder auf seinen Erfolgstrainer), Dean Huijsen und Ilya Zabarnyi hatte er letzten Sommer gleich drei Bestandteile seiner Viererkette abgeben müssen. Stammkeeper Kepa Arrizabalaga war nur ein Jahr geliehen und Top-Torjäger Antoine Semenyo zog es im Winter zu Manchester City weiter. Dennoch kletterten die Cherries im Vergleich zur Vorsaison um ganze drei Plätze.

Iraola wäre fast in Leverkusen gelandet

Eine Qualität, die sich durch die Trainerkarriere des 52-Jährigen wie ein roter Faden zieht. Mirandés hielt er in der Liga, Vallecano führte er zum Aufstieg. Bournemouth führte er erst auf den zwölften, dann auf den neunten und schließlich auf den sechsten Platz.

Der Spanier ist ein Bessermacher. Das hat man auch in Leverkusen genau beobachtet. Die Werkself wähnte sich lange in der Pole-Position und hätte den Spanier gerne als Nachfolger von Kasper Hjulmand präsentiert. Nachdem man sich angeblich schon einig war, grätschte Liverpool letztlich noch dazwischen. Stattdessen übernahm in Leverkusen dann Carles Martinez.

Der Job in Liverpool scheint für Iraola wie der logische nächste Schritt auf der Karriereleiter. „Ein großer Club, ein riesiger Club, einer der größten der Welt“, wird er auf der Vereinsseite zitiert. Maßstäbe, mit denen man in Leverkusen nicht mithalten kann.