„Hier rasten alle aus!“, schrie Reporter Danny Fritz am Mikrofon des BVB-Fanradios. Sekunden vor Schluss hatte Felipe Santana das 3:2-Siegtor für Borussia Dortmund im Champions-League-Viertelfinale erzielt. Für Dortmund ging es ins Halbfinale, Málaga versank im Tal der Tränen. Doch auch bei den Spaniern sollten bald alle ausrasten. Bis heute geht es um Schulden von 8,5 Millionen Euro und Haftstrafen von über zehn Jahren.

Nach dem Aus in der Königsklasse 2013 wurde es lange still um die „Himmelblau-Weißen“. Wobei „still“ dabei nicht annähernd den Turbulenzen gerecht wird, in die der Verein geriet. Abstieg in die zweite Liga 2018, Abstieg in die dritte Liga 2023, zweifelhafte Geschäfte mit Katar. Jetzt ist Málaga zurück in der ersten Liga. Und selbst die Aufstiegssaison lief alles andere als rund und passt perfekt in eine bemerkenswerte Chronologie, die weit über ein sportliches Scheitern hinausgeht.

La Liga: Rückkehr nach acht Jahren

Denn dass Málaga nach acht Jahren der Unterklassigkeit wieder entkommen würde, hatte vor der Saison wohl keiner so recht auf dem Zettel. Auf Platz 16 war man in der Vorsaison nur knapp dem Abstieg von der Schippe gesprungen.

Und auch in diesem Jahr sah es zunächst mehr nach Überlebenskampf als nach der Rückkehr zu glorreichen alten Zeiten aus. Am 14. Spieltag lag man gerade einmal ein Tor vor den Abstiegsrängen. In der Folge musste Trainer Sergio Pellicer seinen Hut nehmen. Mit Juan Francisco Funes Arjona, bis dato Trainer der Reservemannschaft, übernahm ein auf Profiebene unerfahrener Coach die Verantwortung beim Chaos-Klub. Das Risiko sollte sich auszahlen: 33 Spiele mit lediglich vier Niederlagen hievten den einstigen CL-Teilnehmer zurück in die erste Liga.

Zum ersehnten Aufstieg reichte am Ende sogar Platz vier in Liga 2. In den Aufstiegsplayoffs setzte sich Málaga zunächst gegen UD Las Palmas durch, ehe man in zwei Finalspielen auf UD Almería traf. Während das Hinspiel relativ schmucklos mit 0:0 verstrich, wurde es im Rückspiel deutlich hektischer.

Nach Zwei-Tore Führung, zwei Roten Karten in der Schlussphase und Rudelbildungen gewann Málaga schließlich 2:1. Ein Drama, das fast symbolisch für die vergangenen Jahre steht. „Malaga kehrt an den Ort zurück, von dem sie nie hätten gehen dürfen“, titelte die Marca.

Der Scheich übernimmt: Glanzzeiten mit Isco

Fahrt aufgenommen hatte diese denkwürdige Geschichte 2010. Für 36 Millionen Euro wanderte der stolze Klub aus Andalusien in die Hände des katarischen Investors und Mitglieds der Königsfamilie Abdullah bin Nasser Al Thani. Mit 150 Millionen Euro im Handgepäck schickte er sein Gefolge nach Spanien und drehte die Mannschaft mit bemerkenswerten Transfers auf links.

In den Folgejahren schnürten klangvolle Namen wie Roque Santa Cruz, Martín Demichelis, Ruud van Nistelrooy oder Santi Cazorla ihre Schuhe für die Südspanier. Mit Manuel Pellegrini kam dazu der Ex-Trainer von Real Madrid. Vom FC Valencia verpflichtete man mit Isco außerdem ein damals noch recht unbekanntes, aber vielversprechendes spanisches Talent. „Dieser Verein kann alles erreichen“, sagte Isco damals halb warnend, halb stolz.

Mit einem vierten Platz in der Saison 2011/12 und der anschließenden ebenso bekannten wie tragischen Reise durch die Königsklasse wurde Málaga schnell zu einem der spannendsten Projekte im europäischen Fußball. Ein Stadion für bis zu 65.000 Fans und eine Jugendakademie auf dem Niveau der berüchtigten La Masia des FC Barcelona waren nur einige Versprechen des Investors.

Da schien die Welt noch in Ordnung: Málagas Isco im Champions-League-Duell mit dem BVB (Mario Götze)
Da schien die Welt noch in Ordnung: Málagas Isco im Champions-League-Duell mit dem BVB (Mario Götze)Da schien die Welt noch in Ordnung: Málagas Isco im Champions-League-Duell mit dem BVB (Mario Götze)© IMAGO/Fotostand

Drohende Insolvenz statt Champions League

Große Ankündigungen in Verbindung mit sportlichem Erfolg ließen eine ganze Fußball-Region lechzen. Doch dem Rausch folgt bekanntermaßen der Kater. Die Millionen von Al Thani sollten sich schnell als falsche Fährte entpuppen.

Was war passiert? Bereits 2012, „Los Boquerones“ (Die Sardellen) waren noch gar nicht richtig ins Schwimmen gekommen, da hatte der Geschäftsmann den Geldhahn schon wieder zugedreht. Von jetzt auf gleich verweigerte er sämtliche Zahlungen. Deutsche Fans könnten sich hierbei an den Einstieg Hassan Ismaiks bei 1860 München erinnert fühlen.

Auch Al Thani stellte die Finanzhilfen ein und weigerte sich partout, seine Anteile zu verkaufen. Die Praktiken des Katarers sind jedoch weit skrupelloser, als man es etwa aus München kennt. Der Scheich machte den Klub schnell zu seinem persönlichen Geldgeber. Immobilien, Flugreisen oder Autos ließ er sich vom Verein als Spesen auszahlen. Bis heute schuldet er dem Verein Berichten zufolge mindestens 8,5 Millionen Euro.

Al Thani wegen Veruntreuung angeklagt

In Spanien wird in seine Richtung wegen des Verdachts der Geldwäsche ermittelt. Die Justiz fordert für Al Thani und seine Partner bis zu 14 Jahre Haft und ein anschließendes mehrjähriges Unternehmensverbot. Die Vorwürfe lauten Veruntreuung, ungetreue Geschäftsführung und Missbrauch von Vereinsgeldern.

Der Scheich selbst äußert sich zur Causa nicht. Jegliche Vereinsaktivitäten blockiert er. Bei Gerichtsverhandlungen lässt er sich durch seine Anwälte vertreten. Der Fall ist längst zu einem Politikum der EU-Justiz geworden.

Abdullah Bin Nasser Al-Thani sorgte beim FC Málaga für mächtig Wirbel
Abdullah Bin Nasser Al-Thani sorgte beim FC Málaga für mächtig WirbelAbdullah Bin Nasser Al-Thani sorgte beim FC Málaga für mächtig Wirbel© IMAGO/Marca

Málaga kämpft sich zurück

Angesichts des fehlenden Geldes waren die schillernden Namen in Málaga schnell wieder Geschichte. Isco ging 2013 für 30 Millionen Euro zu Real Madrid, Santi Cazorla machte Karriere bei Arsenal und die UEFA sperrte Málaga 2013 trotz sportlicher Qualifikation aufgrund von Verstößen gegen das Financial Fair Play sogar aus der Europa League aus.

Statt von europäischem Spitzenfußball waren die kommenden Jahre vom Abstiegskampf geprägt. 2018 geschah dann das Unausweichliche und das einstige Großprojekt musste den Gang in die Niederungen des spanischen Fußballs antreten. Der Neuanfang misslang, 2023 folgte sogar noch der tiefe Fall in die dritte Liga.

Immerhin: 2020 hat ein spanisches Gericht Al Thani offiziell entmachtet und einen Insolvenzverwalter an seiner Stelle installiert. Geld war so gut wie nicht mehr vorhanden. Doch aus der Not machten die Andalusier nun eine Tugend und emanzipierten sich vom einstigen Gönner. Dass Aufstiegstrainer Funes als Letztplatzierter der dritten Liga mit Málagas Reserve die erste Mannschaft übernehmen durfte, war ein gewagter Neuanfang – aber ein Wagnis mit System, das sich letztlich auszahlte.

Schulterschluss mit den Fans

14 Spieler aus der eigenen Nachwuchsabteilung stehen bei den Andalusiern mittlerweile im Kader. Ein Verdienst des Trainers. Die Toptorjäger Chupe (25 Tore) und David Larrubia (12 Tore) kamen einst zum Nulltarif vom Ausbildungsklub San Felix. Der dritte offensive Aufstiegsgarant Adrian Nino (12 Tore) kam vor der Saison für 380.000 Euro aus dem Nachwuchs Atlético Madrids.

Auch die Fans haben sie an der Costa del Sol wieder für sich gewonnen. Im Schnitt kamen in der vergangenen Saison über 25.000 Zuschauer ins Estadio La Rosaleda. So viele wie bei keinem anderen Verein in Liga 2.

Zum entscheidenden Auswärtssiel in Almeria waren nur etwa 340 Gästefans zugelassen. Über tausend Malagueños machten sich dennoch auf die 200 Kilometer lange Reise und verwandelten die Stadt in ein weiß-blaues Fahnenmeer.

13 Jahre nach der größten Nacht der Vereinsgeschichte in Dortmund feiert Málaga wieder. Nach turbulenten Jahren könnte nun Schluss sein mit der Achterbahnfahrt. Spitzenplatzierungen wie damals erwartet man in Andalusien heute nicht mehr. Man ist glücklich über den Aufstieg. Zumindest vorübergehend scheint der Name Abdullah bin Nasser al Thani vergessen.

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