Hat das Leiden endlich ein Ende? Geht es jetzt wieder nach oben? Das wird sich so mancher Anhänger, Verantwortlicher oder Sympathisant von Girondins Bordeaux gefragt haben, als öffentlich wurde, dass Titan Oliver Kahn in Erwägung gezogen hatte, beim französischen Traditionsklub einzusteigen.
Vor einem Jahr war das, Bordeaux stand damals am Abgrund – heute sieht es noch weit dramatischer aus. Der Absturz in Richtung sechste französische Spielklasse ist besiegelt. Die Entfernung zum Profifußball ist weiter denn je.
Kahn hatte angestrebt, den Klub mit einer Investorengruppe zu übernehmen – war sogar zu Verhandlungen in der Stadt nahe der Atlantikküste. Ein erstes Angebot hatte Girondins-Besitzer Gérard López abgelehnt. Kahn nahm wenig später Abstand von den Investmentplänen mit einem Umfang von rund 50 Millionen Euro.
Zu sagen, dann kam es, wie es kommen musste, ist wohl zu hart. Schließlich bringt nur ein Blick in die Glaskugel die Wahrheit darüber, ob Kahns Einstieg den Klub hätte retten können. Ein Blick zu Kahns einstigem Stadtrivalen 1860 München zeigt, dass ein Investorendeal auch zum Albtraum für alle Beteiligten werden kann.
Girondins Bordeaux geht es nun sogar noch schlechter als dem Traditionsklub aus dem Münchner Stadtteil Giesing. Der sechsmalige Meister, viermalige Pokalsieger und Jugendklub der Bayern-Legende Bixente Lizarazu wurde aus allen nationalen Ligen verbannt.
Das ist gleichbedeutend mit dem Abstieg in die R1, einer Ansammlung regionaler Ligen, die das sechsthöchste Level im Ligasystem darstellen. 10 Millionen Euro hätte Bordeaux aufbringen müssen, um die Entscheidung abzuwenden.
Dass der Traditionsklub überhaupt in der sechsten Liga an den Start gehen kann, ist derweil noch nicht mal sicher. Schließlich muss der Fußball-Verband der Region Nouvelle-Aquitaine dem noch zustimmen. Wegen der Finanzprobleme steht aber sogar die Liquidation des Vereins im Raum. Die letzte Entscheidung trifft das Handelsgericht.
Vor Bordeaux-Absturz: Kahn blickt zurück
Es ist das finsterste Kapitel des Traditionsklubs, der 1996 im UEFA-Pokalfinale gegen den FC Bayern verlor (1:3). Kahn selbst, war Teil des Geschehens und erinnerte sich nur zu gerne daran zurück. In einer Instagram-Nachricht nach dem geplatzten Bordeaux-Deal blickte der Ex-Weltklasse-Keeper in die Vergangenheit:
„Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen. Die Atmosphäre im Parc Lescure stand der von 65.000 Fans im Münchner Olympiastadion in nichts nach. Unter der Führung von Franz Beckenbauer und an der Seite von Legenden wie Matthäus, Klinsmann, Kostadinov und Ziege hatten wir das Privileg, gegen Ikonen wie Zinedine Zidane, Bixente Lizarazu und Christophe Dugarry zu spielen. Dieser Moment hat sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt.“
In der Saison 2009/10 verpassten die Girondins dem deutschen Rekordmeister sogar zwei Champions-League-Niederlagen und schrammten nur knapp am Halbfinale vorbei.
Vom Bayern-Bezwinger zum (im besten Falle) Sechstligisten. Wie konnte es so weit kommen?
Ein schleichender Absturz nach 87 Jahren
Grund für den Absturz waren vor allem die jahrelangen Finanzprobleme des Klubs, der zeitweise mehr als 100 Millionen Euro Schulden anhäufte. In der Saison 2021/22 stieg Bordeaux schließlich als Schlusslicht aus der Ligue 1 ab und wurde aufgrund der Probleme zunächst sogar in die dritte Liga zwangsversetzt.
Erst drei Tage vor dem Saisonstart wurde ein Schlichtungsangebot des Nationalen Olympischen Komitees akzeptiert, sodass der Verein doch noch in der Ligue 2 starten durfte.
Auch dort verbesserte sich die Situation in den folgenden zwei Spielzeiten nicht. Nach der Saison 2023/24 kämpfte Bordeaux immer noch mit finanziellen Problemen und stürzte, nachdem Verhandlungen mit einem Investor gescheitert waren, endgültig ab. Nach 87 Jahren musste der Klub endgültig seine Profilizenz aufgeben und den Neuanfang als Viertligist wagen.
Transfersperre verschärft Bordeaux-Krise
Statt eines Neuanfangs in Liga 4 nahm die Talfahrt ihren Lauf.
Die FIFA trug auch einen Teil dazu bei. Sie hat gegen den Klub eine Transfersperre verhängt, die in den kommenden drei Transferperioden bis einschließlich Sommer 2027 gilt und verhindert, dass sich neue Spieler dem Klub anschließen können. Nur Spieler aus der eigenen Jugend oder dem bisherigen Kader dürfen eingesetzt werden.
Laut übereinstimmenden Medienberichten aus Frankreich wird die Sperre mit einem finanziellen Streit in Zusammenhang mit dem Transfer von Pedro Diaz im Jahr 2023 begründet. Der Spanier wurde von Sporting Gijón geholt, eine Zahlung von 1,5 Millionen Euro sei allerdings weiterhin fällig.
Bordeaux-Einspruch kann Absturz nicht verhindern
Klubanwalt Matthieu Barandas schilderte im Gespräch mit Sud Ouest jedoch, dass Bordeaux weiterhin ruhig bleibe, und sagte: „Wir sind mit der rechtlichen Analyse nicht einverstanden, denn wir sind der Auffassung, dass die Beurteilung der FIFA den nationalen Vorschriften über Insolvenzverfahren widerspricht. Diese Vorschriften sind zwingender Natur und können nicht umgangen werden.“
Der Grund für diese Auffassung ist demnach ein genehmigter Sanierungsplan, nach dem die zu zahlenden Verbindlichkeiten des Klubs reduziert werden sollen – zum Nachteil von Gläubigern wie Gijón, die das Verfahren bei der FIFA eingeleitet haben.
„Wir halten es für unzulässig, dass die FIFA über dem französischen Insolvenzrecht steht“, erklärte Barandas und begründete damit die Entscheidung von Bordeaux, Rechtsmittel beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) und vor dem nationalen Gericht einzulegen. „Wir sind dennoch relativ zuversichtlich und glauben, juristisch im Recht zu sein.“
Sportlich kam der Prozess für das Team zur Unzeit, denn es war noch mitten im Aufstiegsrennen, hatte sechs Punkte Rückstand auf Spitzenreiter La Roche – am Ende der Saison fehlten lediglich drei Zähler.
Nun muss die Mannschaft aus der französischen Weinstadt hoffen, dass der freie Fall erstmal gebremst wird und es der Klub zumindest die Spielberechtigung für Liga sechs erhält.
Die Rückkehr zu glorreichen Zeiten, in denen Stars wie Zinédine Zidane oder Bixente Lizarazu das Trikot der Girondins trugen, bleibt aber für lange Zeit eine Wunschvorstellung.