Was im Juni 2025 in Italien verkündet wurde, klang wie das Ende einer Epoche. Brescia Calcio – der Klub von Roberto Baggio, Andrea Pirlo und Pep Guardiola – stand vor dem Abgrund. Wenige Tage später war es Gewissheit: Ein Traditionsverein mit 114 Jahren Geschichte verschwand aus dem Profifußball.

Heute, nicht einmal ein Jahr später, steht Brescia plötzlich wieder an der Schwelle zur Rückkehr. Der Name ist ein anderer, doch die Emotionen sind geblieben. Und die Geschichte von einem bitteren Abschied bekommt eine unerwartete Fortsetzung.

Nach dem Triumph über Salernitana war der Jubel bereits riesig
Nach dem Triumph über Salernitana war der Jubel bereits riesigNach dem Triumph über Salernitana war der Jubel bereits riesig© IMAGO/IPA Photo

Denn der Klub, der heute Union Brescia heißt, kämpft ein Jahr nach dem Absturz um die Rückkehr in die Serie B. Im Finale der Aufstiegsrunde heißt der Gegner Ascoli Picchio, heute steigt das Hinspiel.

Ex-Klub von Luca und Guardiola verschwindet

Wer verstehen will, wie außergewöhnlich das ist, muss ein Jahr zurückblicken. Im Frühsommer des vergangenen Jahres überschlugen sich die Schlagzeilen: Schulden, nicht gezahlte Gehälter, Streit mit Behörden. Am Ende blieb nur noch ein nüchterner, kalter Satz: Brescia verliert die Lizenz.

Es war das abrupte Ende eines Traditionsvereins, der über ein Jahrhundert lang zum festen Inventar des italienischen Fußballs gehört hatte.

Einst hatten Weltmeister wie Baggio, Pirlo, Alessandro Altobelli und der spätere Bayern-Stürmer Luca Toni für Brescia gespielt. Fußball-Legende Gheorghe Hagi kam in den 90er-Jahren von Real Madrid und wurde nach Barcelona weiterverkauft. Anfang der 2000er kam Pep Guardiola von Barca zu den Biancazzurri. Auch als Talentschmiede war der Klub eine etablierte Hausnummer.

Und doch war es letztlich ein Absturz mit Ansage. Bereits sportlich war die Saison 2024/25 entgleist. Ein Punktabzug wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten hatte den Klub, der sich eigentlich gerettet hatte, nachträglich in die Abstiegszone der Serie B gedrückt.

Auf den Absturz folgt eine bizarre Wende

Doch das sportliche Scheitern war nur das Symptom, die eigentliche Krise lag tiefer. Präsident Massimo Cellino, einst Hoffnungsträger, ließ entscheidende Fristen verstreichen, offene Verbindlichkeiten – darunter teure Gehälter – wurden nicht beglichen.

Als Anfang Juli 2025 schließlich der italienische Verband FIGC eingriff und Brescia aus dem Profifußball verbannte, war es kein Schock mehr. Es war die logische Konsequenz.

Game over? Von wegen!

Am 17. Juli 2025 wurde ein neuer Verein gegründet: Union Brescia. Verändert wurde unter anderem das Logo, einige Dinge blieben aber auch erhalten: Die Farben, das Stadion und die von den Fans gelebte Identität.

Trainer Eugenio Corini führte das Team bis ins Playoff-Finale
Trainer Eugenio Corini führte das Team bis ins Playoff-FinaleTrainer Eugenio Corini führte das Team bis ins Playoff-Finale© IMAGO/Giuseppe Maffia

Der Neustart folgte einem typisch italienischen Muster, wenn auch in ungewöhnlichem Tempo: Union Brescia übernahm die Lizenz des Drittligisten Feralpisalò und konnte so direkt in der Serie C antreten.

In anderen Fällen dauert ein solcher Wiederaufbau Jahre. Brescia musste nicht durch die Tiefen der Amateurklassen. Der Fußball war sofort wieder da – und mit ihm der Anspruch.

Brescia gewinnt Duell der abgestürzten Traditionsvereine

Von Beginn an zeigte die Mannschaft eine Stabilität, die man bei einem neu zusammengestellten Team kaum erwarten konnte. Die Defensive war kompakt, die Ergebnisse konstant. Spiel für Spiel arbeitete sich das Team nach oben, bis am Ende der Saison ein bemerkenswertes Fazit stand: Platz zwei in der Serie‑C‑Tabelle, nur das dominante Vicenza war besser – das allerdings auch um 20 Punkte.

Die Konsequenz hieß Playoffs. Ein zäher, unberechenbarer Wettbewerb, in dem die Saison jederzeit kippen kann. Vielleicht passte genau das zu Brescia. Ein Klub, der gerade erst gefallen war, musste sich seinen Weg zurück erkämpfen.

Im Halbfinale trafen die Lombarden auf die Salernitana. Ein Duell zweier Traditionsvereine, die beide den Weg zurück suchen. Das Hinspiel endet 1:1. Im Rückspiel im Stadio Rigamonti, das erstmals seit langer Zeit wieder komplett gefüllt war, zeigte Union Brescia, wozu diese Mannschaft fähig ist. Ein frühes Tor brachte sie auf Kurs, ein spätes machte alles klar: 2:0.

Zwischen Widerspruch und Fußball-Romantik

Brescia ist nicht mehr Brescia Calcio. Und doch erkennt man es sofort wieder. In den Gesängen der Fans. In der Kulisse des Rigamonti. In dem stillen Trotz einer Stadt, die ihren Verein nicht aufgeben wollte.

Der neue Klub ist nicht frei von Widersprüchen. Puristen mögen einwenden, dass diese schnelle Rückkehr in den Profifußball nur durch ein System möglich war, das Identitäten verschiebt und Regularien ausreizt.

Sie hätten nicht ganz Unrecht. Und doch hätte die Rückkehr des gefallenen Giganten etwas durchaus Romantisches.