Dieses Fußball-Märchen ist nur noch Formsache! Der FC Thun kann am Samstag erstmals Schweizer Meister werden – und das als Aufsteiger.

Für die Vollendung des Wunders braucht der Aufsteiger einen Heimsieg gegen Lugano (ab 20:30 Uhr im LIVETICKER), um schon vier Spieltage vor dem Saisonende Meister zu werden. Dass Thun den ersten großen Titel der Vereinsgeschichte holt, ist aber so gut wie sicher. Insgesamt hat man fünf Matchbälle.

Die No-Name-Truppe des FC Thun ist die große Sensation in der Schweiz
Die No-Name-Truppe des FC Thun ist die große Sensation in der SchweizDie No-Name-Truppe des FC Thun ist die große Sensation in der Schweiz© IMAGO/Pius Koller

Im kleinen Thun ist auf jeden Fall schon alles bereit für die große Meistersause. Die Sperrstunde ist aufgehoben, der Termin für die Pokalübergabe steht, jetzt muss nur noch der FC mitspielen.

Es wäre ein Novum: In 128 Jahren hat der Verein aus dem Berner Oberland keinen einzigen Titel gewonnen. Nun wird sich das ändern. Erinnerungen an den Titelgewinn des 1. FC Kaiserslautern als Aufsteiger 1998 werden wach.

Thun kämpfte sich nach Jahren in der Zweitklassigkeit zurück

Vergleiche wie diese begleiten den FC Thun seit Wochen, und nein, inzwischen wehren sie sich in der 40.000-Einwohnergemeinde kaum noch dagegen. Denn aus dem einst herbeigesehnten Märchen wird langsam Wirklichkeit.

Der kleine Klub vom Thunersee war erst im Sommer nach fünf Zweitliga-Jahren wieder aufgestiegen. Mit der dominanten Saison 2024/25 durchbrach man eine lange Zeit des Leidens.

2020 war Thun aus der ersten Liga abgestiegen und hatte jahrelang erfolglos versucht, wieder aufzusteigen. 2021 und 2024 war man nah dran, scheitertet bei beiden Anläufen aber bitter in der Relegation.

Im vergangenen Sommer folgte die Erlösung, auf die in dieser Saison wiederum völlig überraschend die absolute Krönung folgte.

Thun deklassiert Giganten aus Bern, Basel und Zürich

Ambitioniert war der Aufsteiger mit dem zweitniedrigsten Etat der Liga vor dieser Spielzeit schon. Das erklärte Ziel war nicht der Klassenerhalt, sondern das Erreichen der Top-6 und damit die Meisterrunde.

Dieses Ziel wurde schon früh erreicht und mittlerweile längst übertroffen. Stolze 14 Punkte liegt der FC Thun vor St. Gallen, 21 vor Noch-Meister FC Basel, 26 vor dem großen Nachbarn Young Boys Bern, sogar 47 vor Rekordmeister Grasshopper Club Zürich.

Der FC Thun spielt aktuell in einer eigenen Liga
Der FC Thun spielt aktuell in einer eigenen Liga Der FC Thun spielt aktuell in einer eigenen Liga © IMAGO/Geisser

Auch der Marktwert des Kaders hat sich durch die Erfolge gesteigert. Mittlerweile hat man den fünfthöchsten Wert. Der gesamte Kaderwert liegt aber weiter nur bei 22,43 Millionen Euro und damit deutlich unter dem von Bern (65,78) oder Basel (57,40).

„Geld schießt keine Tore“: Dieser Spruch hat im modernen Fußball viel vom ursprünglichen Wahrheitsgehalt verloren. In der Schweiz jedoch trifft er noch zu – zumindest in dieser Saison. Mit 75 Toren erzielte Thun in 33 Spielen mit Abstand die meisten Tore und überzeugt auch sonst mit begeisterndem Offensivfußball.

Fischer-Vertrauter führt Thun zum Titel

Architekt des Erfolges ist Trainer Mauro Lustrinelli, der seit 2022 als Nach-Nachfolger von Urs Fischer (2013 bis 2015) die Zügel in der Hand hält. Lustrinelli stand einst selbst als Spieler beim FC Thun unter Vertrag.

Zum jetzigen Mainzer Coach Fischer hat er eine ganz besondere Beziehung. Er war einst sein Co-Trainer. Zudem sammelte er Erfahrungen als U21-Trainer der Schweiz.

Ein Erfolgsrezept in Thun ist die Beständigkeit. Nach dem Aufstieg hielt der Verein den Kern der Mannschaft weitestgehend zusammen und setzte auch in der ersten Liga auf die Aufstiegshelden – mit großem Erfolg.

Zu den Leistungsträgern zählen Kapitän und Verteidiger Marco Bürki, Bruder des ehemaligen Dortmund-Keepers Roman Bürki, oder Michael Heule. Dem Verteidiger attestierte der Blick unlängst „Torjäger-Qualitäten wie Harry Kane und Sprinter-Fähigkeiten wie Usain Bolt“.

Der FC Thun steht vor größten Erfolg der Vereinsgeschichte
Der FC Thun steht vor größten Erfolg der VereinsgeschichteDer FC Thun steht vor größten Erfolg der Vereinsgeschichte© IMAGO/Sports Press Photo

Sexskandal und fast bankrott! Thun lange als Chaos-Verein bekannt

Und so wächst in der Gemeinde nahe Spiez, wo sich 1954 das deutsche Nationalteam auf das Wunder von Bern einschwor, der Stolz auf die Kicker. Das ist besonders bemerkenswert, da der FC Thun bislang eher für Negativschlagzeilen bekannt war.

2007 etwa waren mehrere Spieler in einen Sexskandal verwickelt. Zwei Profis wurden in der Folge wegen sexueller Handlungen mit einer Minderjährigen verurteilt. 2016 dann der nächste Schock: Gegen drei Spieler wurden damals Vorwürfe wegen Vergewaltigung erhoben, die später aber fallengelassen wurden.

Im selben Jahr geriet der FC Thun dann auch in anderer Hinsicht in negative Schlagzeilen. Der Verein ging fast bankrott. Seither sammelt der von Fans geführte Verein „Härzbluet“ jedes Jahr Spenden. 1,6 Millionen Euro sind damit schon eingenommen worden.

Trotzdem plagen den Klub auch aktuell finanzielle Sorgen. Um die Lizenz für die kommende Saison vorzeitig abzusichern, bräuchte der Verein aktuell einen Überbrückungskredit, den man womöglich über die Stadiongenossenschaft einholen will. Eigentlich waren die Gelder für die Renovierung der Stockhorn Arena gedacht.

Thun will erneut in der Champions League überraschen

Die finanziellen Sorgen könnten sich aber bald in Luft auflösen. Als Meister würde Thun an der zweiten Qualifikationsrunde zur Champions League teilnehmen. Schon 2005/06 hatte es der Klub als Vizemeister nach einem Sieg gegen Malmö in der Qualifikation in die Gruppenphase geschafft.

In Erinnerung blieb von damals vor allem ein Traumtor von Nelson Ferreira gegen den FC Arsenal im Highbury-Stadion. Eine Verbindung zum aktuellen Erfolgsteam gibt es auch: Auf dem Rasen in der Königsklasse stand kein Geringerer als der aktuelle Trainer Lustrinelli.

Die erste Trophäe der Vereinsgeschichte gab es aber auch dafür nicht. Am Samstag könnte sich das ändern. Historisch wäre der Durchmarsch zum Titel, allerdings nicht einmalig. In der Schweiz war dies 1952 bereits dem Grasshopper Club Zürich gelungen.

mit Sport-Informations-Dienst (SID)

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