Das steckt hinter dem Märchen von Melsungen

Das steckt hinter dem Märchen von Melsungen

Nun auch noch die Löwen: Die MT Melsungen mischt die DKB HBL weiter auf. Der Erfolg ist Ergebnis eines Langzeitprojekts - und besonderer Umstände.

Das ultimative Kompliment kam vom geschlagenen Tabellenführer.

„Die spielen bislang eine überragende Saison“, sagte Uwe Gensheimer, der Star der Rhein-Neckar Löwen, nach der 23:25 (14:12)-Niederlage bei den Überfliegern der MT Melsungen bei SPORT1: „Sie haben jedenfalls zu Recht gewonnen.“

Mit Kampf, Leidenschaft und 4300 euphorischen Fans im Rücken entzauberte das Überraschungsteam der DKB Handball-Bundesliga die bis zu diesem Tag verlustpunktfreien Löwen.

Was ist das Erfolgsrezept des Tabellenzweiten, das die Großen aus Kiel und Flensburg aktuell übertrumpft und auch auf den Tabellenführer nur noch zwei Punkte Rückstand hat?

Eine kontinuierliche Entwicklung

„Wir haben zwar keine Stars, aber sind trotzdem ein unglaublich starkes Kollektiv“, sagt MT-Coach Michael Roth bei SPORT1. „Wir ziehen alle an einem Strang, gehen gemeinsam den Weg“, ergänzt Nationalspieler Michael Müller.

Vor allem in der Defensive können die Melsunger jedem Gegner das Leben schwer machen. Nicht zuletzt dank Johan Sjöstrand: Der in Kiel mehr oder weniger ausgemusterte Keeper zeigte vor allem in der zweiten Hälfte gegen die Löwen seine Klasse.

Ein Zufall ist das aktuelle Hoch nicht, es ist das Ergebnis einer langen, kontinuierlichen Entwicklung.

Der Trainer überlebte den Krebs

Roth führt in Melsungen ein Langzeitprojekt: 2010 hat er den Klub als Abstiegskandidat übernommen, bis 2020 hat er kürzlich verlängert.

Der Ex-Nationalspieler das Team aus dem Luftkurort in Nordhessen (rund 13.000 Einwohner): Es wirkt, als hätten sich hier zwei gesucht und gefunden. „Wir haben gesehen, dass hier alles hervorragend zusammenpasst“, befand Manager Axel Geerken bei der Verlängerung im Februar.

Der 53 Jahre alte Roth ist auch einem breiteren Publikum bekannt geworden, als er 2009 gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Ulrich an Prostatakrebs erkrankte und beide die Erfahrung in einem gemeinsamen Buch verarbeiteten. Beide gelten als genesen.

Niedrige Belastung als Trumpf

Bis Ende des Jahrzehnts will Roth seinen Klub zum Champions-League-Anwärter formen – was nun früher als geplant klappen kann.

Ganz überraschend kommt es für ihn nicht: „Schon in den letzten zwei Jahren waren wir eine Mannschaft, die von allen gefürchtet war. Unterschätzt werden wir also von niemandem mehr.“

Besonders die Erfahrungen im EHF-Pokal im letzten Jahr hätten Spieler und Klub weitergebracht. Zu Gute kommt ihnen auch, dass sie anders als die Champions-League-Starter diesmal nicht international vertreten sind. Als Tabellensechster der Vorsaison hatten die Rot-Weißen die Teilnahme am europäischen Wettbewerb knapp verpasst.

In Kiel winkt nächster Coup

„Jetzt haben wir einen entzerrten Spielplan, können uns besser auf die Partien vorbereiten. Das sind Gründe dafür, dass wir im Moment so gut dastehen“, sagt Roth. Mit der Frische als X-Faktor ist sein Team nun vielleicht sogar ein Titelkandidat.

Dass die Melsungen in dieser Saison auswärts noch ungeschlagen sind, zeigt schließlich auch eine mentale Qualität. Auch in der heißen Schlussphase gegen die Löwen agierte der Underdog erstaunlich abgezockt. Den nächsten Kracher nehmen Müller und Co. daher ohne Furcht in Angriff.

„Hochmut kommt vor dem Fall“, sagt Müller zwar vor dem Gastspiel bei Rekordmeister Kiel am Mittwoch (ab 20 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM). Er sagt aber auch: „Wir werden wieder alles geben, um die zwei Punkte zu holen.“