Als Dejan Milosavljev die Mixed Zone der Kölner Arena verließ, waren die meisten seiner Teamkollegen längst in der Kabine verschwunden. Der Torhüter der Füchse Berlin musste sich nach dem 40:35-Sieg im Champions-League-Halbfinale gegen den SC Magdeburg einem regelrechten Interview-Marathon stellen. Dabei hatte bis zur Schlussphase kaum etwas darauf hingedeutet, dass ausgerechnet er zur Schlüsselfigur des Abends werden würde.

Sechs Paraden bei 25 Würfen standen am Ende in der Statistik des Serben – eine Quote, die normalerweise kaum für Schlagzeilen sorgt. Doch Statistiken erzählen nicht immer die ganze Geschichte.

Denn als die Füchse rund zehn Minuten vor Schluss einen Unterschiedsspieler brauchten, war Milosavljev plötzlich da. Ausgerechnet jener Mann, der den Verein nach sieben Jahren im Sommer verlassen wird.

Seine Paraden ebnen den Weg zum Finale

Vier Paraden innerhalb weniger Minuten ebneten den Weg zum Berliner Einzug ins Endspiel des Final Four: Der SCM blieb fast zehn Minuten ohne eigenen Treffer, die Füchse setzten sich mit einem 6:0-Lauf entscheidend ab.

„Beide Mannschaften haben auf Torhüterparaden gewartet. Der große Unterschied war, dass Dejan in den letzten zehn Minuten einige extrem wichtige Bälle gehalten“, lobte Füchse-Trainer Nicolej Krickau im Anschluss.

Auch Geschäftsführer Bob Hanning machte den Torwart als entscheidenden Faktor aus: „Das war der Unterschied. Matthes Langhoff findet den Zugriff im Deckungszentrum und dann hält Dejan im Tor. Wir hatten dann gute Möglichkeiten, das Spiel in unsere Richtung zu lenken.”

Selbst Magdeburgs Trainer Bennet Wiegert erkannte den Einfluss des Serben an: „Kleine Details haben den Unterschied zugunsten von Berlin gemacht. Am Ende hat Dejan einige wichtige Paraden gezeigt.“

Torwart Dejan Milosavljev wurde für Füchse Berlin zum Helden im CL-Halbfinale
Torwart Dejan Milosavljev wurde für Füchse Berlin zum Helden im CL-HalbfinaleTorwart Dejan Milosavljev wurde für Füchse Berlin zum Helden im CL-Halbfinale© IMAGO/Philipp Stevens

„Milo, Milo“: Füchse-Keeper in Köln gefeiert

Der Mann des Tages selbst blieb dagegen bemerkenswert gelassen. „Ich probiere, ruhig und konzentriert zu bleiben. Es gab viele Emotionen und viel Druck“, sagte Milosavljev mit Blick auf die entscheidenden Momente des Spiels.

Kurz bevor er sich den Medien stellte, hatte er noch ausgelassen mit den Berliner Fans gefeiert. Bereits während der Schlussphase hallten immer wieder „Milo, Milo“-Rufe aus dem Füchse-Fanblock. Nach dem Schlusspfiff wurden die Sprechchöre noch lauter.

Selbst ein Kopftreffer kann ihn nicht stoppen

Schließlich zeigte Milosavljev, der zwischenzeitlich für Lasse Ludwig auf der Bank Platz genommen hatte, nach seiner Rückkehr auf die Platte maximalen Einsatz. Bei einem freien Wurf von Albin Lagergren bekam Milosavljev den Ball mit voller Wucht ins Gesicht – und verhinderte so den Treffer. Der Torhüter ging zwar zu Boden, rappelte sich aber schnell wieder auf und spielte weiter.

„Der Kopf schmerzt doll“, gab der 30-Jährige später zu. Aber: „Heute hätte ich auch zehn Bälle gegen den Kopf kriegen können. Scheißegal, Hauptsache Parade.“

Paraden waren zudem nicht das Einzige, was Milosavljev beisteuerte: Mit einem Wurf ins verwaiste Magdeburger Tor erzielte er auch noch den letzten Treffer der Partie persönlich.

Füchse-Keeper Milosavljev auf Abschiedstour

Für den Serben war es der nächste emotionale Höhepunkt seiner Abschiedstour. Nach sieben Jahren bei den Füchsen verlässt er den Verein im Sommer und wechselt zum polnischen Spitzenklub Industria Kielce.

Bereits am vergangenen Sonntag hatte Milosavljev im Mittelpunkt gestanden. Nach dem 38:33-Heimsieg gegen die SG Flensburg-Handewitt wurde er neben Lasse Andersson, der den Klub ebenfalls verlassen wird, von den Berliner Fans verabschiedet und zeigte sich dabei sichtlich bewegt.

Kein Wunder. Seit seinem Wechsel 2019 ist Berlin für Milosavljev weit mehr geworden als nur eine sportliche Station. Seine Familie lebt in der Hauptstadt, beide Kinder wurden dort geboren und sprechen Deutsch. Erst vor wenigen Tagen bezeichnete Milosavljev seinen Wechsel zu den Füchsen als „die beste Idee meiner Karriere“.

Milosavljev wäre gerne bei Berlin geblieben

Umso schwerer fiel ihm die Entscheidung, den Verein nach dieser Saison zu verlassen. Oder vielmehr: Die Entscheidung wurde ihm teilweise abgenommen.

„Der Plan war vor zwei Jahren schon, dass wir verlängern. Ich habe dann gewartet, gewartet, gewartet“, erzählte Milosavljev vor dem Final Four bei handball-world.

Er habe lange auf ein konkretes Angebot der Berliner gehofft. Als dieses ausblieb, entschied er sich für einen Wechsel zu Kielce und unterschrieb dort einen Vertrag bis 2030. Erst danach habe Milosavljev von den Füchsen ein „gutes Angebot“ unterbreitet bekommen: „Aber es war zu spät. Ich hatte schon eine Entscheidung getroffen.“

Historischer Titelgewinn im letzten Spiel?

Jetzt erwartet ihn das größtmögliche Abschiedsspiel: das Finale der Champions League. Gegner am Sonntag (18 Uhr im LIVETICKER) ist Rekordsieger Barcelona, der sich im zweiten Halbfinale mit 37:32 nach Verlängerung gegen Aalborg durchsetzte.

„Wir nehmen, was kommt“, hatte Milosavljev unmittelbar nach dem Berliner Sieg gesagt, noch bevor der Finalgegner feststand. Unabhängig vom Gegner sei aber klar: „Wir sind hundertprozentig bereit für morgen.“

Und so könnte Milosavljev nicht nur seinen eigenen Abschied vergolden, sondern den Füchsen auch noch den ersten Champions-League-Titel der Vereinsgeschichte bescheren. Es wäre der perfekte Schlusspunkt einer siebenjährigen Erfolgsgeschichte.