Frankreich. Allein der Name des Vize-Weltmeisters lässt den Puls vieler Marokkaner in die Höhe schnellen, vor dem Rendezvous mit der eigenen Geschichte wirkt das ganze Land elektrisiert. Favorit im ersten Viertelfinale sind die französischen Weltstars um Kylian Mbappé, klar. Doch Vorfreude und Zuversicht könnten bei Afrikas letzter verbliebener WM-Hoffnung vor dem Showdown mit der früheren Kolonialmacht größer kaum sein.
„Wir müssen daran glauben, Weltmeister werden zu können“, beschwört Marokkos Trainer Mohamed Ouahbi sein hungriges Team. Der Afrikameister sinnt am Donnerstagabend (ab 22 im LIVETICKER) auf Revanche für das verlorene WM-Halbfinale gegen die Franzosen 2022 und will beweisen, dass der bislang einmalige Coup keine Eintagsfliege war.
Marokko, warnte Frankreichs Coach Didier Deschamps dieser Tage eindringlich, sei „eines der besten Nationalteams der Welt“.
Marokkos WM-Entdeckung wurde in Frankreich ausgebildet
Es klingt verrückt, aber der marokkanische WM-Höhenflug anno 2026 trägt ausgerechnet das Gütesiegel „Made in France“. Gleich sechs Spieler der „Löwen vom Atlas“ stammen aus dem Land des zweimaligen Weltmeisters und könnten dem Titeltraum ihres Heimatlandes nun ein jähes Ende setzen.
Allen voran Ayyoub Bouaddi, eine der größten Entdeckungen bei der Endrunde 2026: Der Leistungsträger der nordafrikanischen Auswahl wurde in der Nähe von Paris geboren und in Frankreich ausgebildet.
Noch im März lief der Shootingstar vom OSC Lille als Kapitän der U21-Nationalmannschaft von Les Bleus auf – am Donnerstag soll der Hochbegabte nun tatkräftig mithelfen, Frankreichs Luxus-Offensive um Mbappé, Michael Olise und Ousmane Dembele zu stoppen.
„Der verlorene Schatz“, titelte die L’Équipe am Dienstag über Bouaddi, der sinnbildlich für die neue Generation marokkanischer Nationalspieler steht.
Bouaddi wird schon jetzt „Le Chef“ genannt
Wie schmerzhaft Frankreich der Verlust von Bouaddi treffen könnte, ließ sich schon beim ersten WM-Auftritt Marokkos gegen Brasilien beobachten. Der 18-Jährige war dort die prägende Figur auf dem Platz.
Selbst unter hohem Druck wirkte er bemerkenswert gelassen, spielte mit einer Passquote von mehr als 90 Prozent nahezu fehlerfrei und überzeugte vor allem mit seinem Gespür für Räume. In Marokko trägt er schon einen Spitznamen, der viel über seine Rolle verrät: „Le Chef“.
Mit seiner schmalen Statur und der markanten Lockenmähne wirkt Bouaddi auf den ersten Blick fast unscheinbar. Auf dem Platz jedoch gibt er bereits den Takt vor.
Die Tatsache, dass der Youngster auch unter Druck kaum den Ball verliert, erinnert Beobachter immer wieder an Toni Kroos.
Bouaddi im Élysée-Palast ausgezeichnet
„Er ist erst 18, aber sehr ruhig und ausgeglichen – jemand, der bereits enorm viel Erfahrung besitzt“, sagte Marokkos Nationaltrainer Mohamed Ouahbi: „Bei ihm muss man nichts ständig wiederholen. Er ist ein sehr intelligenter Junge.“
Was keineswegs nur als Floskel gemeint ist. Bouaddi legte mit 16 Jahren und Bestnoten sein Abitur ab, gewann einen landesweiten Rhetorikwettbewerb und wurde dafür im Élysée-Palast ausgezeichnet.
Parallel zu seiner Profikarriere studiert er Mathematik – ein Fach, das ihm nach eigener Überzeugung auch auf dem Fußballplatz hilft. „Wenn du nebenbei lernst, hält das deinen Geist wach. Mir kann Mathe helfen, das Spiel schneller zu verstehen, vor allem taktisch“, schilderte Bouaddi.
Bouaddis rasanter Aufstieg
Nun will das Wunderkind ausgerechnet jenes Land aus dem Turnier werfen, in dem seine Geschichte begann. Besonders bemerkenswert ist dabei: Bouaddi richtete seine sportliche Zukunft erst vor wenigen Wochen neu aus.
Der Mittelfeldspieler durchlief sämtliche Nachwuchsteams Frankreichs. Doch der Sprung in die A-Nationalmannschaft blieb ihm verwehrt. Nachdem Deschamps ihn nicht für die Weltmeisterschaft nominiert hatte, entschied sich der 18-Jährige für einen Verbandswechsel.
Dank seiner doppelten Staatsbürgerschaft konnte Bouaddi fortan für Marokko auflaufen – dem Heimatland seiner Familie. Dort fackelten die Verantwortlichen nicht lange und beriefen das Talent umgehend in den WM-Kader.
Für Wegbegleiter kam das ebenso wenig plötzlich wie sein rasanter Aufstieg generell. „Niemand ist von seiner Entwicklung überrascht. Er war ein Junge, bei dem man kaum Schwächen finden konnte“, sagte sein früherer Jugendtrainer Sofiane Khair.
„Auf dem Platz wirkt er wie ein Spieler über 20“
Seine fußballerischen Grundlagen legte Bouaddi in neun Jahren beim AFC Creil, ehe er 2021 in die Nachwuchsakademie des OSC Lille wechselte.
Seine Entwicklung ging dort in atemberaubendem Tempo weiter. Anfang Oktober 2023 feierte Bouaddi nur drei Tage nach seinem 16. Geburtstag sein Profidebüt – so jung wie kein Spieler zuvor in der Geschichte des OSC Lille.
Wenig später schrieb er auch international Geschichte: Bei seinem ersten Einsatz in der Conference League gegen Klaksvík wurde er zum jüngsten Debütanten des Wettbewerbs.
„Auf dem Platz wirkt er nicht wie ein 16-Jähriger, sondern wie ein Spieler über 20“, schwärmte Lilles damaliger Trainer Paulo Fonseca anschließend.
Nach der WM: Was passiert mit Bouaddi auf Klubebene?
Kein Wunder also, dass zahlreiche europäische Spitzenklubs den Mittelfeldspieler bereits seit Längerem intensiv beobachten. In den vergangenen Monaten wurde er unter anderem mit dem FC Bayern, dem FC Arsenal, dem FC Chelsea, Paris Saint-Germain, Real Madrid und Manchester United in Verbindung gebracht.
Die laufende WM samt seiner starken Leistungen dürfte nur noch mehr Interessenten angelockt haben.
Noch besitzt allerdings Lille die besten Karten. Erst im Dezember verlängerte Bouaddi seinen Vertrag bis 2029, eine Ausstiegsklausel wurde nicht vereinbart.
Setzt der 18-Jährige seinen beeindruckenden Lauf aber bei diesem Turnier fort, dürfte das Werben der Topvereine intensiver werden.