Ganze sechs Minuten benötigte Mikel Merino, um zum Helden zu werden. Oder zum Albtraum. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man diese Szene aus der ersten Minute der Nachspielzeit betrachtet.

Da führte der Joker der Spanier im WM-Achtelfinale gegen Portugal einen an ihm selbst verschuldeten Freistoß schnell aus. Über Rodri und Ferran Torres gelangte der Ball wieder zu Merino, der im Strafraum mit links einschob und sein Team damit ins Viertelfinale der WM schoss.

Mikel Merino wird in Spanien gefeiert
Mikel Merino wird in Spanien gefeiertMikel Merino wird in Spanien gefeiert© IMAGO/Xinhua

WM: Mikel Merino wird für Spanien wieder zum Helden

„Mikel Merino versagt nie, er ist ein sicherer Wert“, jubelte Spaniens Nationaltrainer Luis de la Fuente nach dem Spiel über seinen Matchwinner: „Er ist in den entscheidenden Momenten immer zur Stelle.“

Ganz anders die Stimmungslage beim Gegner. „Cristiano Ronaldo verabschiedet sich unter Tränen von der Weltmeisterschaft: Der Kapitän weinte nach Portugals Niederlage“, schrieb die portugiesische Zeitung Record.

CR7 selbst erklärte nach der 0:1-Niederlage, dass es „höchstwahrscheinlich“ seine letzte Weltmeisterschaft gewesen sei. Die große internationale Karriere des mittlerweile 41-Jährigen sollte damit endgültig vorbei sein. Beendet von einem, der nicht zum ersten Mal eine Ikone in den Ruhestand verabschiedet.

Merino der „Henker von Legenden“

Zum „Henker von Legenden“ erhob ihn die Sportzeitung Marca daher auch martialisch und erinnerte noch einmal an die Folgen des deutschen Viertelfinal-Dramas bei der Heim-EM vor zwei Jahren.

Denn Merino war es auch, der Deutschland 2024 als Joker leiden ließ. In der 80. Minute eingewechselt, traf er in der vorletzten Minute der Verlängerung per Kopf zum 2:1-Sieg der Spanier im Viertelfinale und schickte damit gleich mehrere DFB-Stars in ihre Länderspiel-Rente: Toni Kroos, Thomas Müller und Ilkay Gündogan spielten danach nie wieder für Deutschland.

„In jener Nacht in Stuttgart beendeten drei Legenden des deutschen Fußballs ihre Zeit in der Nationalmannschaft. Nun markierte Mikels Tor in Dallas Cristiano Ronaldos letztes Spiel bei einer Weltmeisterschaft“, hieß es in der Marca.

Kroos hatte sich vom damaligen Bundestrainer Julian Nagelsmann vor der EM zu einem Comeback überreden lassen. Umso enttäuschter war er im Moment des Ausscheidens darüber, dass es nichts werden würde mit dem EM-Triumph. „Heute sind wir extrem traurig. Wir hatten ein großes Ziel, dieser Traum ist jetzt geplatzt. Wenn man so nah dran ist, ist das extrem bitter“, sagte er damals.

"Er ist der G.O.A.T." - Fans zollen Ronaldo Tribut

„Er ist der G.O.A.T.“ – Fans zollen Ronaldo Tribut

Deutschland hadert, Spanien jubelt

Während sich die deutschen Medien nach dem EM-Aus aber fast ausschließlich auf den verweigerten Elfmeter nach dem Handspiel von Marc Cucurella stürzten, feierten die Spanier Merino – damals wie heute.

„Mikel Merino hat sich mit Spanien als Held verkleidet. Vom Kopfball gegen Deutschland im Viertelfinale der Euro 2024 bis zum flachen, weichen und platzierten Linksschuss gegen Portugal im Achtelfinale der WM 2026. Zwei Tore, zwei Momente der Ekstase und ein und derselbe Protagonist: Mikel Merino“, huldigt die Sport dem 29-Jährigen.

„Vor einigen Monaten war es noch undenkbar“

Und wie es sich für eine echte Heldengeschichte gehört, stand lange Zeit gar nicht fest, ob Merino überhaupt rechtzeitig für die WM fit werden würde. „Vor einigen Monaten war es noch undenkbar, hier zu sein, und jetzt stehe ich ganz oben und genieße einen der glücklichsten Momente meiner Karriere“, sagte Merino, der einst auch eine Saison für Borussia Dortmund spielte.

Ende Januar verletzte sich der Profi des FC Arsenal im Spiel gegen Manchester United schwer am Fuß. Eine Operation wurde nötig. Die WM war in diesen Momenten weit weg. Insgesamt 28 Partien verpasste der Mittelfeldakteur, ehe er am letzten Spieltag der Premier League beim 2:1-Sieg gegen Crystal Palace sein Comeback – und den englischen Meistertitel feiern konnte.

Schickt Merino jetzt auch De Bruyne in Rente?

„Jetzt denke ich an all die Menschen, die mich unterstützt und angespornt haben, selbst als ich selbst kaum glauben konnte, dass ich hier sein könnte“, sagte Merino nach dem Spiel gegen Portugal: „Jeder Tag voller Anstrengung und jeder Moment des Zweifels hat sich gelohnt.“

Im Viertelfinale wartet nun Belgien – und für Merino die Chance, die nächste große internationale Karriere zu beenden. Wie man hört, könnte Kevin De Bruyne nach der WM seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklären.