Norwegen ist im Fußball-Rausch! Nach dem historischen Sieg im WM-Achtelfinale gegen Brasilien greift die Mannschaft von Superstar Erling Haaland nach den Sternen. Aus dem einstigen Außenseiter ist ein Team geworden, das plötzlich vom ganz großen Coup träumen darf.

Einer, der den norwegischen Fußball wie kaum ein anderer kennt, ist Jörn Andersen. Der frühere Bundesliga-Torschützenkönig spricht im SPORT1-Interview vor dem Viertelfinale gegen England (Sa., ab 23 Uhr MEZ im LIVETICKER) über Haalands Macht, die neue Stärke seines Heimatlandes – und verrät, warum diese Mannschaft mehr ist als nur ihr Superstar.

Jörn Andersen kennt Norwegens Erfolgsrezept
Jörn Andersen kennt Norwegens Erfolgsrezept Jörn Andersen kennt Norwegens Erfolgsrezept © IMAGO/NurPhoto

WM 2026: Andersen über Norwegens Erfolgsrezept

SPORT1: Herr Andersen, Norwegen steht im WM-Viertelfinale – hätten Sie diesem Team vor dem Turnier einen solchen Lauf zugetraut oder überrascht Sie die Reife dieser Mannschaft?

Jörn Andersen: Viele haben Norwegen schon vor der WM als einen Geheimfavoriten gesehen. Für mich hatte diese Mannschaft alle Voraussetzungen: einen starken Torwart, eine richtig gute Offensive und einen hervorragenden Trainer. Deshalb habe ich gehofft, dass diese norwegische Mannschaft für eine Überraschung gut sein kann. Aber die Art und Weise, wie reif und selbstbewusst sie auftritt, ist trotzdem beeindruckend.

SPORT1: Der Sieg gegen Brasilien hat international für Aufsehen gesorgt. Was war aus Ihrer Sicht der Schlüssel: Mut, Taktik, Mentalität – oder einfach die neue Qualität dieser Generation?

Andersen: Diese Mannschaft hat eine enorme Mentalität. Sie glaubt an sich und ist taktisch sehr flexibel. Sie kann verschiedene Systeme spielen und sich an Situationen anpassen. Gegen Brasilien waren für mich besonders die beiden Wechsel zur Halbzeit entscheidend. Das war taktisch sehr stark und hat die Mannschaft noch besser gemacht. Am Ende war es eine Mischung aus Qualität, Mut und Mentalität.

„Norwegen ist nicht nur Erling Haaland“

SPORT1: Viele sprechen natürlich über Erling Haaland. Wie sehr hat sich Norwegen durch ihn verändert – sportlich, aber auch vom Selbstverständnis her?

Andersen: Es ist natürlich enorm wichtig, dass Norwegen einen Weltklasse-Stürmer wie Erling Haaland hat. Durch ihn ist die Mannschaft offensiv unglaublich gefährlich. Jeder Gegner weiß, dass er jederzeit ein Spiel entscheiden kann. Aber Norwegen ist nicht nur Haaland. Ödegaard hat gegen Brasilien eine überragende erste Halbzeit gespielt, Nyland hat mit seinen Paraden die Mannschaft im Spiel gehalten, und das gesamte Team hat taktisch sehr gut gearbeitet. Genau das macht diese Mannschaft aktuell so stark.

SPORT1: Haaland ist der Superstar, aber gegen Brasilien standen auch andere Spieler im Mittelpunkt. Ist genau diese Breite im Team der große Unterschied zu früheren norwegischen Mannschaften?

Andersen: Ja, absolut. Ich glaube, Norwegen hatte noch nie so viele Spieler, die bei europäischen Topklubs spielen. Das ist ein riesiger Unterschied zu früher. Diese Spieler sammeln jede Woche Erfahrung auf höchstem Niveau – und genau das sieht man jetzt auch in der Nationalmannschaft.

SPORT1: Was beeindruckt Sie an Haaland neben seinen Toren am meisten – seine Präsenz, seine Mentalität oder die Wirkung, die er auf seine Mitspieler hat?

Andersen: Natürlich zuerst seine unglaubliche Physis und seine Präsenz. Aber auch seine Einstellung beeindruckt mich. Er hat diesen absoluten Willen, immer besser zu werden. Er gibt der Mannschaft Selbstvertrauen – und allein seine Präsenz verändert die Art, wie Gegner gegen Norwegen spielen.

Erling Haaland hat Norwegen bei der WM schon bis ins Viertelfinale geführt
Erling Haaland hat Norwegen bei der WM schon bis ins Viertelfinale geführtErling Haaland hat Norwegen bei der WM schon bis ins Viertelfinale geführt© IMAGO/Moritz Müller

SPORT1: Örjan Nyland war gegen Brasilien ein großer Rückhalt. Wie bewerten Sie seine Entwicklung – und wie wichtig ist ein erfahrener Torwart für eine Mannschaft, die plötzlich um den WM-Titel mitspielt?

Andersen: Ein starker Torwart ist bei so einem Turnier extrem wichtig. Nyland hat sich in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt und bringt viel Erfahrung mit. Wenn man bei einer WM weit kommen möchte, braucht man jemanden, der in den entscheidenden Momenten da ist. Gegen Brasilien hat er genau das gezeigt.

Andersen: Darum ist Norwegen jetzt so gut

SPORT1: Sie kennen den deutschen und internationalen Fußball seit Jahrzehnten: Was macht diese norwegische Generation besser als die Teams, die früher oft knapp an großen Erfolgen vorbeigeschrammt sind?

Andersen: Früher haben viele norwegische Profis im Ausland eher bei kleineren Vereinen gespielt. Heute ist die Situation anders. Viele stehen bei großen Klubs in Europa unter Vertrag und sind es gewohnt, Woche für Woche auf höchstem Niveau zu spielen. Das bringt Qualität, aber vor allem auch Selbstvertrauen.

SPORT1: Norwegen galt lange als Fußball-Außenseiter im Schatten großer Nationen. Erleben wir gerade den Moment, in dem sich ein ganzes Fußballland neu definiert?

Andersen: Ja, ich glaube schon. Norwegische Spieler hatten immer eine starke Mentalität und eine professionelle Einstellung. Jetzt kommt aber noch mehr individuelle Qualität dazu. Diese Kombination macht die Mannschaft so interessant. Man merkt, dass der Glaube im ganzen Land wächst.

WM 2026: Wie weit geht es für Norwegen?

SPORT1: Nach dem historischen Sieg gegen Brasilien: Wo liegt die Grenze für diese Mannschaft? Wie sehr glauben Sie an den ganz großen Wurf – ist für Norwegen sogar die Finalteilnahme oder der WM-Titel realistisch?

Andersen: Der Weg ist noch lang und steinig. Es sind immer noch Mannschaften wie England, Argentinien oder Frankreich dabei. Gegen solche Teams wird es natürlich extrem schwer. Aber Norwegen hat gezeigt, dass es niemanden fürchten müssen. Ich hoffe, dass diese Mannschaft weiter überraschen kann.

SPORT1: Sie haben selbst Geschichte als norwegischer Profi geschrieben und kennen den Fußball in Norwegen wie kaum ein anderer. Was bedeutet dieser WM-Lauf emotional für Sie persönlich – und was löst er gerade bei den Menschen in Norwegen aus?

Andersen: Für mich persönlich ist es eine große Freude, diese norwegische Mannschaft spielen zu sehen. Es ist beeindruckend, welche Entwicklung der norwegische Fußball genommen hat. Die Menschen in Norwegen sind sehr sportbegeistert, und im Moment entsteht eine riesige Euphorie. Fast das ganze Land fiebert mit dieser Mannschaft mit. Solche Momente können für eine Fußballnation sehr viel verändern.