Erst Neymar, dann Cristiano Ronaldo – und bald Kevin De Bruyne? Diese Weltmeisterschaft könnte auch für den großen Belgier der letzte Auftritt auf internationaler Bühne im Nationaltrikot sein. Sein Vater Herwig hatte die Fußball-Nation vor ein paar Tagen schon einmal darauf vorbereitet.
„Wenn er weiterhin einen wichtigen Beitrag leisten kann, wird er ein ‚Roter Teufel‘ bleiben“, sagte De Bruyne Senior der Zeitung Het Belang van Limburg: „Aber wenn er das Gefühl hat, dass das nicht mehr der Fall ist, wird er seine Länderspielkarriere nicht verlängern und selbst entscheiden, dass es Zeit ist, aufzuhören.“
Nach dem umjubelten 4:1-Sieg gegen Co-Gastgeber USA sieht es danach aus, als ob die Zeit des Abschieds tatsächlich näher gerückt ist. Denn einen wichtigen Beitrag konnte De Bruyne zum Einzug ins Viertelfinale nicht leisten. Um genau zu sein, hat er überhaupt keinen Beitrag geleistet. Zumindest nicht auf dem Platz. Denn der 35-Jährige saß die kompletten 90 Minuten gegen die US-Amerikaner auf der Bank.
Pfaff: „Eine Mannschaft lebt nicht nur von einem Namen“
In Belgien fragt man sich seitdem, ob die Auswahl ohne den 123-maligen Nationalspieler wirklich besser ist. Immerhin hat De Bruyne das Nationalteam 2018 auf Platz drei und damit zum bislang besten WM-Ergebnis der Verbandsgeschichte geführt.
„Das klingt fast unmöglich, wenn man weiß, was dieser Junge alles geleistet hat“, antwortete Belgiens Torwart-Ikone Jean-Marie Pfaff bei SPORT1. „Aber eine Mannschaft lebt nicht nur von einem Namen. Früher haben vielleicht alle den Ball gesucht und gedacht: Kevin löst es. Jetzt muss jeder ein bisschen Kevin sein. Das kann eine neue Energie bringen.“
Als Nationaltrainer Rudi Garcia nach dem Achtelfinale seine Entscheidung begründen sollte, versuchte der Franzose gar nicht erst, um den heißen Brei herumzureden. „Wir haben Kevin nicht gebraucht. Wir haben Tore geschossen“, sagte der 62-Jährige.
Mehr musste er auch gar nicht sagen. Denn so überraschend die Ausbootung De Bruynes vor dem Spiel auch gewesen sein mag, desto einleuchtender war sie im Nachhinein.
De Bruyne absolvierte nie die komplette Spielzeit
In allen vier Spielen vor dem Achtelfinale stand De Bruyne in der Startelf – überzeugen konnte der Rotschopf aber kaum. Den Schlusspfiff erlebte er nie auf dem Platz. Auch nicht, als ihm gegen Neuseeland sein einziges Tor der WM gelang. Und die erfolgreiche Aufholjagd im Sechzehntelfinale gegen den Senegal gelang den „Roten Teufeln“ auch erst, nachdem De Bruyne schon längst ausgewechselt war.
Dabei waren es nicht die offensiven, sondern die defensiven Schwächen, die Garcia im Endeffekt dazu gezwungen haben, auf De Bruyne zu verzichten. Im Spiel gegen die USA ging der Schachzug des Trainers vollumfänglich auf.
So agierte Belgien ohne Kevin De Bruyne
Mit Youri Tielemans, der für De Bruyne auf der Zehnerposition spielte, waren die Belgier defensiv viel stabiler als in den Spielen zuvor. Außerdem ließen sie die US-Amerikaner durch gezielte Bälle hinter die erste Angriffsreihe nie in deren gefürchtetes Offensiv-Pressing kommen.
Ob Garcia diese Strategie auch gegen die taktisch noch etwas flexibleren Spanier im Viertelfinale (Fr. ab 21 Uhr im LIVETICKER) anwendet, bleibt abzuwarten. Mit dem Sieg gegen die USA im Rücken hat er aber kaum Gründe, De Bruyne wieder zurück in die Startelf zu holen.
Und so könnte bei dieser WM eine weitere große internationale Karriere zu Ende gehen.