Für Mexikos Präsidentin steht der Sieger des mit Spannung erwarteten WM–Achtelfinales schon fest: „Wir werden gewinnen“, sagte Claudia Sheinbaum vor dem Duell des Co-Gastgebers Mexiko gegen England selbstbewusst.
Sie gibt damit wieder, was ihre rund 100 Millionen Landsleute vom Duell in der Nacht zum Montag (2 Uhr MESZ im LIVETICKER) erhoffen. Für „El Tri“ ist es wohl das wichtigste Spiel des Jahrhunderts, die Restaurants und Bars sind ausgebucht, die Sicherheitskräfte haben ihre Anstrengungen erhöht, damit nicht erneut bereits wegen Überfüllung geschlossene Public Viewing Plätze gestürmt werden.
WM 2026: England kämpft in Mexiko gegen ein altes Trauma
Für die Gäste von der Insel geht es nicht nur ums Weiterkommen. Es gilt auch ein Trauma der Vergangenheit zu bewältigen. Denn vor 40 Jahren kassierten die „Three Lions“ im berüchtigten Aztekenstadion die vielleicht legendärste WM-Niederlage ihrer Geschichte. Beim 0:2 gegen den späteren Weltmeister Argentinien erzielte Diego Maradona erst sein mythisches Handtor, dann folgte vier Minuten später sein Jahrhundertsolo durch die britische Hintermannschaft.
Revanchegelüste wischt England-Trainer Thomas Tuchel allerdings vom Tisch: „Wir wollen unsere eigene Geschichte schreiben.“ Und die könnte es in sich haben.
Tuchel spricht von „enormem Nachteil“
Denn das fünfte und letzte Heimspiel der Mexikaner bei dieser WM hat so seine Eigenheiten. Gespielt wird wieder auf 2240 Metern Höhe. Das ist für nicht akklimatisierte Sportler durchaus ein Nachteil. Ein Gesuch der Engländer, erst unmittelbar vor Spielbeginn anzureisen, weil dies physiologisch ein Vorteil gewesen wäre, lehnte die FIFA ab.
„Die Empfehlung lautet, entweder zehn Tage vorher anzureisen – was für uns zu lang ist – oder in letzter Minute, was nicht erlaubt ist“, sagte Tuchel und nennt es „einen enormen Nachteil“. Wer den täglichen Verkehrsinfarkt in Mexiko-Stadt kennt, weiß, dass das FIFA-Nein aus organisatorischen Gründen allerdings durchaus Sinn ergibt.
Hunderttausende im Stadtzentrum
Auf die Engländer kommt zudem eine euphorische Stimmung der Gastgeber zu. Das Aztekenstadion wird fest in mexikanischer Hand sein. Im Stadtzentrum werden wieder mehrere Hunderttausende Menschen erwartet. Kurz bevor Trainer und Spieler auf den Platz gehen, bitten sie in einer Art kleiner Kapelle die Heilige Jungfrau von Guadalupe um Unterstützung. Sie ist die Nationalheilige, zu deren Basilika jedes Jahr im Dezember mehrere Millionen Menschen pilgern.
Weil die Feierlichkeiten nach dem Sieg in der Runde der letzten 32 über Ecuador außer Kontrolle gerieten, hat die US-Botschaft in Mexiko eine Sicherheitswarnung für herausgegeben: „US-Bürger sollten in großen Menschenmengen äußerste Vorsicht walten lassen, da es bei den jüngsten Versammlungen zum Verfolgen von Veranstaltungen und Feierlichkeiten zu Verletzungen und Todesfällen gekommen ist“. Tatsächlich wurden vier feiernde Fans von den Massen quasi erdrückt, zudem kam es immer wieder zu Schlägereien.
England nimmt die Underdog-Rolle gern an
Die ganzen Begleitumstände dürften allerdings die Sinne der Engländer eher schärfen. Beim hart erkämpften 2:1-Arbeitssieg über die DR Kongo waren die Briten im Vorfeld klarer Favorit. Diesmal nehmen die Gäste die Außenseiterrolle gerne an.
„Ich würde sagen, sie sind so etwas wie die Favoriten. Sie spielen zu Hause und kennen die Umgebung viel besser. Sie haben bisher noch kein Gegentor kassiert und eine perfekte Bilanz vorzuweisen“, sagte Innenverteidiger Marc Guéhi von Manchester City.
Der Druck lastet diesmal auch auf den Schultern der Mexikaner, die den Traum eines ganzen Landes erfüllen müssen.