Es gibt einen dreckigen Spruch, der unter Politik-Experten manchmal zitiert wird, wenn es um das Wirken von Donald Trump geht: Es passiert überall auf der Welt, dass Leute ins Schwimmbad pinkeln – es vom Drei-Meter-Brett zu tun, ist aber nochmal eine andere Geschichte.
Zum „Fall Balogun“, der gerade die Fußball-Welt bewegt, passt der Satz sehr gut. Schmutzige und anrüchige Dinge passieren in der Politik zwar immer und überall – aber wenige zelebrieren es so, wie Trump es tut. Es ist die unverblümt dreiste Offenheit, mit der der US-Präsident fragwürdigen Einfluss auf die FIFA und ihren Regenten Gianni Infantino ausübt, die so bemerkenswert macht, was hier gerade passiert ist.
Fall Balogun: Plötzlich gelten klare Regeln nichts mehr
Inmitten des wichtigsten Fußball-Ereignisses der Welt wirft der zuständige Weltverband einfach mal so die eigenen, klar definierten und immer wieder streng durchgesetzten Regeln über den Haufen und verzerrt damit den Wettbewerb zu Gunsten des Gastgeberlands.
Der Grund dafür, dass US-Stürmer Folarin Balogun trotz einer Roten Karte gegen Bosnien-Herzegowina im Achtelfinale gegen Belgien plötzlich wieder spielen darf, obwohl eine automatische Sperre laut Regelwerk zwingend ist – egal, wie umstritten die Entscheidung war? Allem Anschein nach eine persönliche Intervention Trumps bei Infantino. So berichten es übereinstimmend internationale Leitmedien wie die New York Times, der englische Guardian und die französische Nachrichtenagentur AFP.
Trump und sein Umfeld haben sich offensichtlich keine große Mühe gegeben, ein Geheimnis aus ihrer Einflussnahme zu machen. Im Gegenteil: Sie sonnen sich darin. Die Regeln, das bin ich – so wie man es von Trump auch in anderen Zusammenhängen kennt. Der offizielle X-Account des Weißen Hauses kommentierte die Entscheidung mit den Worten „USA-USA-USA“ und einem Emoji des Nationaladlers. Die Satire kommt mit der Realität längst nicht mehr mit.
So öffnet die FIFA der Willkür Tür und Tor
Über den Kern des Problems braucht man nicht viele Worte verlieren: Ein Sportverband, der sein eigenes Regelwerk und damit die Integrität des Spiels so offensichtlich politischen Machtspielen ausliefert, macht sich vor den Augen der Welt zur Clownshow, verspielt jeden Rest an Autorität und öffnet Willkür und Chaos Tür und Tor.
Die entscheidende Frage ist: Was tun?
Vonseiten der europäischen Verbände kamen immerhin schnelle Reaktionen. Die UEFA spricht von „einer roten Linie, die überschritten wurde“ und brandmarkt den Fall Balogun als „beispiellose, unverständliche und nicht zu rechtfertigende Entscheidung“.
Der im FIFA-Council sitzende Präsident Bernd Neuendorf fordert derweil in einem Statement, die FIFA solle sich zu den Berichten „rasch erklären“: „Der Eindruck, dass es hier eine aktive Einflussnahme der Politik auf den Sport gegeben hat, muss zügig und schlüssig ausgeräumt werden. Es geht um die Integrität des Wettbewerbs und die Glaubwürdigkeit der FIFA.“
Schöne Worte, nur leider völlig ohne Belang für den wahrscheinlichen Fall, dass es bei diesem Thema keinen falschen Eindruck auszuräumen gibt – sondern alles schlicht genauso ist, wie es scheint.
Trump und Infantino: Besorgte Worte des DFB reichen nicht
Das Problem der klebrigen Nähe zwischen FIFA-Präsident Infantino und FIFA-Friedenspreisträger Trump hat einen Punkt erreicht, an dem das Vor-Sich-Hertragen entschlossener Floskeln nichts mehr hilft. Es unterstreicht im Gegenteil nur die eigene Macht- und Hilflosigkeit.
Für alle Kräfte des Fußballs, denen Integrität und Glaubwürdigkeit wirklich noch etwas bedeuten, ist es an der Zeit, konkrete Gegenwehr zu leisten und Infantinos neue Dimension der Prinzipienlosigkeit aktiv zu bekämpfen.
Wie aussichtsreich die ist im trüben Dickicht des speziellen Ökosystems FIFA? Schwer abzuschätzen. Sicher ist aber: Die Dreistigkeit im „Fall Balogun“ schafft neuen Handlungsdruck, es zumindest glaubwürdig zu versuchen.
Wer zusieht, dass ihm vom Drei-Meter-Brett ins Becken gepinkelt wird und weiter drin schwimmt, macht sich selbst lächerlich. Auch wenn er vorher kurz über den Geruch meckert.