Das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale der WM sorgt weiterhin für intensive Diskussionen. Nun hat sich auch Torwart-Legende Oliver Kahn dazu geäußert. Besonders eine Szene hat den 57-Jährigen bei der Niederlage gegen Paraguay (4:5 nach Elfmeterschießen) verärgert.
„Als das Elfmeterschießen in die Verlängerung ging, sah man, wie Joshua Kimmich nach Schützen suchte. Für mich war das der aufschlussreichste Moment dieses Ausscheidens. Eine Spitzenmannschaft sucht in diesem Augenblick keine Freiwilligen. Sie hat Spieler, die den Ball verlangen“, schrieb Kahn bei LinkedIn.
Nachdem Antonio Sanabria mit seinem Fehlschuss die deutschen Hoffnungen wieder hatte aufkeimen lassen, fingen die Kameras DFB-Kapitän Joshua Kimmich ein, wie er bei seinen Teamkollegen die Bereitschaft abfragte. Unter anderem Routinier Leon Goretzka weigerte sich dabei, einen Elfmeter zu schießen. Mit einem Kopfschütteln reagierte er auf die Frage seines Kapitäns: „Oder Leon, du?“
Kahn: Trainer-Debatte „führt am Kern vorbei“
Kahn erklärte weiter: „Deutschland hat kein Talentproblem. Diese Mannschaft verfügt über außergewöhnliche Fußballer. Was ihr fehlt, ist die Selbstverständlichkeit, im größten Moment Verantwortung zu übernehmen. Wer sie nicht übernimmt, schützt sich vielleicht vor dem Scheitern. Gleichzeitig verzichtet er aber auf die Chance, Geschichte zu schreiben.“
Derweil werden nach dem DFB-Debakel Rufe nach einer Veränderung auf der Trainerposition laut. Doch Kahn will sich auf diese Diskussion nicht einlassen.
„Die Debatte über den nächsten Bundestrainer führt am Kern vorbei. Drei Bundestrainer sind am selben Punkt gescheitert: Joachim Löw, Hansi Flick und Julian Nagelsmann. Drei unterschiedliche Spielideen. Drei unterschiedliche Führungsstile. Derselbe Ausgang“, urteilte der frühere Nationaltorhüter. „Wenn drei Trainer mit unterschiedlichen Ansätzen immer am selben Punkt scheitern, liegt die Ursache tiefer.“
Kahn: Problem beginnt schon in der Jugend
Für den 57-Jährigen beginnt das grundlegende Problem schon in der Entwicklung der zukünftigen Nationalspieler. „Wer als junger Spieler immer wieder lernt, schwierige Entscheidungen zu treffen, Fehler auszuhalten und trotzdem den nächsten Ball zu fordern, entwickelt genau das, was große Turniere entscheidet“, unterstrich Kahn: „Wer das nie gelernt hat, wird es im Nationaltrikot nicht plötzlich beherrschen.“
„Talent bringt dich zur Weltmeisterschaft. Verantwortung entscheidet, wie lange du dort bleibst“, brachte Kahn seine Kritik auf den Punkt. „Wir wollen Weltklasse möglichst ohne maximalen Druck. Außergewöhnliche Ergebnisse möglichst ohne Verzicht“, schrieb er weiter weiter und kritisierte auch die Organisationsebene: „Dort wird Verantwortung nicht dem Zufall überlassen. Dort wird sie eingeübt, vorgelebt und zur Gewohnheit gemacht. Dort ist Leistung wichtiger als Status, der Anspruch größer als die Bequemlichkeit und die Mannschaft wichtiger als das Ego des Einzelnen.“
Der DFB mache seit Jahren den Fehler, dieselben Muster zu wiederholen. „Wir tauschen Gesichter aus und nennen das Veränderung. Die eigentliche Frage vermeiden wir: Sind wir überhaupt noch bereit, den Preis zu bezahlen, den Spitzenleistung immer verlangt?“, schloss Kahn: „Der entscheidende Moment beginnt nicht im Nationaltrikot. Er beginnt viele Jahre früher, in dem Augenblick, in dem ein junger Spieler lernt, dass Verantwortung nichts ist, was man weitergibt, sondern etwas, das man übernimmt.“