Schon mehr als 24 Stunden vor dem Anpfiff herrschte in Mexiko Ausnahmezustand. Im ganzen Land wurde gefeiert, besonders in Mexiko-Stadt ging bereits in den frühen Morgenstunden kaum noch etwas. Straßen wurden gesperrt, Menschen drängelten sich vor die unzähligen Videoleinwände, die Vorfreude war grenzenlos.

Mit dem bitteren Aus gegen England endet diese unvergleichliche Euphorie – und die WM verliert ihren emotionalsten Gastgeber.

Armando Gonzalez beweint das WM-Aus von Mexiko gegen England
Armando Gonzalez beweint das WM-Aus von Mexiko gegen EnglandArmando Gonzalez beweint das WM-Aus von Mexiko gegen England© IMAGO / Xinhua

Mexiko-Fans prägen die Stimmung der WM

Denn wenn es um Fußballbegeisterung geht, stand Mexiko bei diesem Turnier konkurrenzlos an der Spitze. Weder die USA noch das bereits ausgeschiedene Kanada können da ansatzweise mithalten.

Und was sich in der Nacht auf Montag im legendären Aztekenstadion abspielte, war Gänsehaut pur: Rund 70.000 der insgesamt etwas mehr als 80.000 Zuschauer in Grün-Weiß-Rot standen über weite Strecken, sangen, schrien und peitschten ihre Mannschaft unermüdlich nach vorne. Selbst Jude Bellingham und Dan Burn schwärmten von der besten Stadion-Atmosphäre ihrer bisherigen Karriere.

Auch wenn dieses Achtelfinale ohnehin das letzte WM-Spiel in der geschichtsträchtigen Arena war – diese Atmosphäre wird dem Turnier fehlen.

Mexiko überzeugt nicht nur mit Herzblut

Doch nicht nur die Fans begeisterten. Auch die Mannschaft machte diese Weltmeisterschaft zu etwas Besonderem. Nicht nur mit unfassbarem Herzblut, Einsatz und Leidenschaft, sondern vor allem auch mit spielerischer Qualität spielte sich „El Tri“ in die Herzen der Fußballwelt.

Selbst gegen das favorisierte England war Mexiko über weite Strecken die bessere und spielbestimmende Mannschaft – und das nicht erst nach der Überzahl. In den vier Spielen zuvor kassierte das Team kein einziges Gegentor, überzeugte mit mutigen, selbstbewussten Auftritten und begeisterte unter anderem beim Erfolg gegen Deutschland-Bezwinger Ecuador.

Spieler wie Routinier und Kopfballmonster Raúl Jiménez, Supertalent Gilberto Mora, der längst auf den Wunschlisten europäischer Topklubs stehen dürfte, oder Taktgeber Erik Lira verkörperten diese Mannschaft perfekt. Sie hat dieser WM ihren Stempel aufgedrückt. Danke dafür!

Tuchel-Elf beweist Widerstandsfähigkeit

Bei aller Wehmut gehört der Respekt aber auch England. Im Aztekenstadion auf über 2200 Metern Höhe muss man gegen Mexiko erst einmal gewinnen. Zum Vergleich: Der höchste Berg Englands liegt nicht einmal auf 1000 Metern.

In Mexikos Wohnzimmer hatte seit der WM 1966 überhaupt erst zum dritten Mal eine Gastmannschaft gewonnen. Die Elf von Thomas Tuchel überstand schwierige Phasen, zeigte Nervenstärke und darf mit diesem Erfolg viel Selbstvertrauen für das Viertelfinale gegen Norwegen mitnehmen. Genau solche Siege braucht es auf dem Weg zum Titel.

Für diese Weltmeisterschaft bleibt trotzdem festzuhalten: Sie verliert mit Mexiko nicht nur eine Mannschaft, sondern ihre lauteste Stimme, ihr emotionales Zentrum, ihr Herz.