Die Schiedsrichter der Weltmeisterschaft halten sich nicht an das aktuelle Regelwerk: Diesen Vorwurf hat der ehemalige Bundesliga-Referee Thorsten Kinhöfer im ZDF erhoben. Der heutige TV-Experte warnte vor fatalen Folgen einer neuen Regelauslegung für den Fußball.

Es geht um die Behandlung der Torhüter bei Standardsituationen, die auch beim Aus der deutschen Nationalmannschaft gegen Paraguay im Sechzehntelfinale eine große Rolle gespielt hatte.

Pierluigi Collina hat die Regeln angepasst - zum Unverständnis vieler Experten
Pierluigi Collina hat die Regeln angepasst – zum Unverständnis vieler ExpertenPierluigi Collina hat die Regeln angepasst – zum Unverständnis vieler Experten© IMAGO/Xinhua

Ein vermeintliches Tor durch Jonathan Tah war nach einer VAR-Intervention wegen eines minimalen Kontakts von Waldemar Anton mit dem Torwart Paraguays zurückgenommen worden.

„Was Collina sagt, ist dann Gesetz“

Wie sich erst nach der Partie herausstellte, lag der Entscheidung eine Vorgabe von Pierluigi Collina, dem Schiri-Chef der FIFA, zugrunde: „Ich kenne die Medienpolitik der FIFA nicht, aber die Auslegung der FIFA ist natürlich schon sehr fatal“, befand Kinhöfer.

Es habe sich im Deutschland-Spiel „nie und nimmer“ um ein Foul gehandelt: „Collina macht im Endeffekt seine eigenen Regeln beziehungsweise seine eigenen Anweisungen.“

Und es sei nur verständlich, dass die eingesetzten Unparteiischen den neuen Vorgaben Folge leisteten: „Wenn der Chef morgen sagt, wir pfeifen kein Handspiel mehr, dann pfeifen wir kein Handspiel mehr. “ Er wolle nicht von „Hörigkeit“ reden, „aber was Collina sagt, ist dann Gesetz.“

Collina hatte in einem Statement erklärt, dass selbst kleine Bewegungen, mit denen die Bewegung des gegnerischen Torhüters eingeschränkt werden könnten, zu überprüfen seien: „Trainer und Spieler wurden darüber informiert, daher sollte es keine Überraschung sein, dass die Schiedsrichter diese Fouls ahnden werden.“

Nutzen die Torhüter die neuen Anweisungen bald aus?

Der breiteren Öffentlichkeit waren die Veränderungen im Vorfeld der WM nicht mitgeteilt worden. Kinhöfers eindeutiges Urteil: „Das, was wir gesehen haben, gibt das Regelwerk im Moment gar nicht her. Es ist eine Auslegungssache der FIFA.“ Mit seiner Kritik steht er dabei nicht alleine da. Patrick Ittrich äußerte sich bei MagentaTV irritiert, Manuel Gräfe schimpfte vehement.

Kinhöfer warnte auch vor weitreichenden Folgen. Schon die Einführung des VAR habe dazu geführt, dass sich Spieler auf dem Platz anders verhalten: „Die sind verletzt, dann kommt die heilige Fatima, auf einmal Wunderheilung. Als der VAR nichts mehr sieht, stehen die auf und können weiterspielen.“

Auch die Torhüter würden die WM-Begebenheiten schnell für sich nutzen: „Der Torwart weiß, ich muss nur leicht berührt werden, dann schmeiße ich mich auf den Boden, drehe mich noch dreimal, schaus dir an, Videobeweis, das Tor wird aberkannt.“

Kramer denkt an Arsenal – und sieht Skandalentscheidung

Erneut sprach Kinhöfer von einer „fatalen Entwicklung für den Fußball“.

TV-Experte und Ex-Profi Christoph Kramer zeigte sich ebenfalls ablehnend: „Ich verstehe es gar nicht.“ Er verwies auf die viel diskutierte Spielweise des FC Arsenal, der die bisher regelkonforme Behinderung des Torhüters für zahlreiche Tore genutzt hatte.

Kramers Meinung zum aberkannten DFB-Tor: „Das war schon – es darf niemals eine Entschuldigung sein – eine Skandalentscheidung.“

Übrigens: Kinhöfer erklärte noch, dass die UEFA und auch der DFB Collinas Vorgaben für die kommende Saison nicht zwingend übernehmen müssen, sollte es zu einer tatsächlichen Regeländerung kommen.