Es war immer das gleiche Muster. Orlando Gill klatschte in die Hände, tänzelte über die Linie und suchte jede noch so kleine Möglichkeit, die deutschen Schützen aus dem Takt zu bringen. Der Plan ging bemerkenswert oft auf. Zunächst beförderte der paraguayische Nationalkeeper Kai Havertz und Nick Woltemade in die Verzweiflung. Beide scheiterten vom Punkt am Schlussmann von CA San Lorenzo und verschafften Paraguay im Kampf um den Achtelfinaleinzug einen entscheidenden Vorteil.
Nachdem beide Teams bereits fünf Elfmeterschützen nach vorne geschickt hatten und das Momentum allmählich auf die deutsche Seite zu kippen drohte, schlug Gill dann ein letztes Mal zu. Mit allen psychologischen Tricks, die ein Torhüter in solchen Momenten auspacken kann, brachte er auch Jonathan Tah so sehr aus dem Konzept, dass dessen Elfmeter deutlich über die Latte segelte und im Himmel über Massachusetts verschwand. Die Frage lag anschließend auf der Hand: War das bloß Instinkt oder das Ergebnis sorgfältiger Vorbereitung?
„Ich habe jeden Spieler, jeden Aspekt und jedes Detail analysiert. Gott sei Dank konnte ich zwei Elfmeter halten – das war am Ende entscheidend für unser Weiterkommen“, gab Gill nach dem sensationellen Sieg Paraguays gegen Deutschland im Gespräch mit der Zeitung ABC zu. Doch während in seiner Heimat Tausende Menschen ausgelassen den Einzug ins Achtelfinale feierten, richtete sich der von der FIFA zum Spieler des Spiels gekürte Keeper mit einer sehr persönlichen Botschaft an seine Landsleute.
Paraguay ist erstmals seit 2010 wieder bei einer WM dabei
Diese Auszeichnung gehöre seinem Neffen, betonte Gill: „Er liegt schwer krank im Krankenhaus. Ich hoffe, dass es ihm bald besser geht. Ich habe ihm versprochen, dass ich ihm den Titel als Spieler des Spiels widmen werde, falls ich ihn gewinnen sollte.“ Nähere Angaben zur Erkrankung machte der Torhüter nicht. Aber sein Versprechen habe ihn durch den gesamten Abend begleitet.
Gill hatte seinen großen Auftritt dabei keineswegs erst im Elfmeterschießen. Lange Zeit zwar kaum geprüft, war der Schlussmann immer dann zur Stelle, wenn die deutsche Mannschaft doch einmal den Weg in seinen Strafraum fand. Mit zunehmender Spieldauer wurde er zu einem der Garanten dafür, dass Paraguay überhaupt die Chance auf die Sensation erhielt. „Es war wie ein Horrorfilm“, scherzte der Matchwinner später mit einem Lächeln: „Die Deutschen waren gefühlt überall. Ich kann selbst kaum fassen, was wir erreicht haben. Für diesen Moment gibt es eigentlich keine Worte – ich spüre einfach unheimlich viele Emotionen.“
Für Paraguay war alleine schon die Teilnahme an der WM 2026 ein kleiner Triumph. Nach dem Verpassen der letzten drei Turniere war die Nationalmannschaft erstmals wieder auf der großen Bühne vertreten. Der Start verlief allerdings ernüchternd: Gegen den Gastgeber USA kassierte man eine deutliche 1:4-Niederlage, es folgte ein 1:0 gegen die Türkei und schließlich reichte ein torloses Unentschieden gegen Australien, um als Gruppendritter in die K.-o.-Phase einzuziehen. Dort gelang schließlich der große Coup gegen Deutschland, obwohl die DFB-Elf in nahezu allen Statistiken überlegen war. Doch am Ende zählte eben nur das Ergebnis. Und das brachte die Südamerikaner in die nächste Runde.
„Jetzt, mit klarem Kopf, werde ich mich hinsetzen und analysieren, was wir gegen eine starke deutsche Mannschaft mit ihren Stars erreicht haben. Wir konnten bis zur 120. Minute durchhalten und das Elfmeterschießen erzwingen, was so gewollt war, und Gott sei Dank hatten wir das Glück auf unserer Seite”, so Gill weiter: „Das ist das Ergebnis all der Opfer, die wir Tag für Tag im Training gebracht haben. Die Wahrheit ist, dass in den letzten Tagen viel geredet wurde: dass einige das Weiterkommen schon sicher hätten. So ist das nun mal im Fußball; man sollte nicht voreilig urteilen. Heute hat sich gezeigt, dass Paraguay zu Großem fähig ist.“ Und er selbst auch.
Die emotionale Geschichte hinter Paraguays Held
Denn dass Gill heute als Nationaltorhüter Paraguays auf der größten Fußballbühne der Welt steht, war vor wenigen Jahren kaum vorstellbar. Vor wenigen Jahren stand der heutige Nationaltorhüter Paraguays noch vor existenziellen Problemen. Als sein Sohn Lautaro Daniel zur Welt kam und gesundheitliche Schwierigkeiten hatte, geriet die Familie in eine finanzielle Notlage. Krankenhauskosten, laufende Rechnungen und die alltäglichen Ausgaben überstiegen die Möglichkeiten des damals noch weitgehend unbekannten Keepers. Um über die Runden zu kommen, verkaufte Gill nahezu alles, worauf er verzichten konnte: Kleidung, Schuhe und persönliche Erinnerungsstücke.
Öffentlich sprach Gill lange kaum über diese Zeit. Bekannt wurde die Geschichte erst, als seine Frau Melissa nach der erfolgreichen WM-Qualifikation einen emotionalen Beitrag in den sozialen Netzwerken veröffentlichte. Darin erinnerte sie an die schwierigen Monate nach der Geburt ihres Sohnes und an die Entbehrungen, die die Familie auf sich nehmen musste. Orlando habe sogar die Ausrüstung seines früheren Vereins verkauft, schrieb sie, während ihr Kind um sein Leben kämpfte. Trotz aller Rückschläge sei er immer an der Seite seiner Familie geblieben. Der Beitrag verbreitete sich rasch im Internet und wurde nach Gills Heldentaten bei dieser WM erneut vielfach geteilt.
Sportlich hat sich Gills Leben inzwischen grundlegend verändert. Der Schlussmann ist zur unumstrittenen Nummer eins Paraguays aufgestiegen und zählt zu den Garanten des überraschenden WM-Laufs. Dabei begann seine Fußballkarriere auf einer ganz anderen Position. Als Jugendlicher stürmte der fast zwei Meter große Gill zunächst im Angriff, bis ihn einer seiner Trainer vor die Wahl stellte: Torwart oder Ersatzbank. Gill entschied sich für das Tor – eine Entscheidung, die seine Laufbahn nachhaltig veränderte. Die Lust auf Treffer hat er trotzdem nie verloren. Manchmal, erzählt er schmunzelnd, bitte er seinen Trainer noch heute darum, selbst einen Elfmeter schießen zu dürfen.
Mit Paraguay träumt Gill nun von der Fortsetzung des ohnehin schon außergewöhnlichen Turniers. Die „Albirroja“ hatte die letzten drei Weltmeisterschaften verpasst und galt vor Beginn des Turniers als Außenseiter. Der bislang größte Erfolg der Nationalmannschaft war das Erreichen des Viertelfinales bei der WM 2010, und es bleibt offen, ob die aktuelle Generation dieses Kapitel übertreffen kann. Denn: Nächster Gegner ist Frankreich. Dann brauchen Gill und seine Teamkollegen ein weiteres Wunder.