Auch Tage nach dem blamablen Aus gegen Paraguay ist Fußball-Deutschland weiterhin auf Spurensuche: Wo liegen die größten Probleme? Wie lassen sie sich beheben? Es sind schwierige Fragen, auf die die Verantwortlichen jetzt Antworten finden müssen.
Fakt ist: Es ist Zeit für grundsätzliche Gedanken und klare Entscheidungen. Kein Larifari, keine Ausreden. Der bereits beschlossene Rücktritt von Julian Nagelsmann als Bundestrainer ist ein Anfang. Fußball-Deutschland steht ein Erdbeben bevor, nach dem alles anders sein dürfte.
„Wir waren Fußball-Deutschland. Um wieder Fußball-Deutschland zu werden, müssen wir jetzt ran an die Nummer, und zwar richtig“, sagte Noch-TV-Experte Jürgen Klopp nach der Partie bei Magenta TV. Gut möglich, dass er den Sprung ins Amt des Bundestrainers wagt. Wer sonst?
Deutschland und die Suche nach der DNA
Seit Jahren ist Deutschland auf der Suche nach einer neuen DNA. Die Identität ist am Montagabend in Foxborough endgültig verloren gegangen. Deutschland sei „heute keine furchterregende Mannschaft mehr“, stellte der langjährige DFB-Boss Oliver Bierhoff im SPORT1-Interview klar.
Jahrzehntelang konnte man durch Physis und Willen überzeugen – die Erfolge sprachen für sich. In der Zeit zwischen 1966 und 1990 kam die DFB-Elf nur einmal nicht ins Halbfinale einer WM. Man war stolz darauf, von der ganzen Fußballwelt gefürchtet zu werden.
„Früher hatten die Gegner großen Respekt vor uns. Sie wollten nicht gegen Deutschland spielen. Wir haben vielleicht nicht immer schön gespielt – aber wir waren extrem effektiv, knallhart und zielstrebig“, blickte Bierhoff zurück.
Bierhoff: „Diese Mannschaft hat den Weltfußball geprägt“
Nach den Jahren des „Rumpelfußballs“ rund um die Jahrtausendwende wollte niemand mehr diesen Sport „arbeiten“, Kunst sollte nun zu sehen sein. Bundestrainer Joachim Löw gelang es tatsächlich, der deutschen Mannschaft ein filigranes Antlitz zu verleihen. Von elf „deutschen Panzern“ – so eine Bezeichnung aus Italien – war keine Rede mehr. Der Lohn: Der WM-Titel 2014. Allerdings nicht nur mit Zauberern, sondern auch mit harten, knorrigen Abwehrspielern. Zur Erinnerung: Beim Turnier in Brasilien ließ Löw zeitweise mit vier Innenverteidigern spielen. Die Mischung stimmte.
„Ab 2010, kam eine außergewöhnliche spielerische Qualität hinzu“, erklärte Bierhoff: „Ich durfte die wunderbare Zeit von 2006 bis 2017 begleiten. Diese Mannschaft hat den Weltfußball zeitweise geprägt. Erst 2018 kam dann der Bruch. Heute fehlt ein Stück weit dieses Selbstverständnis.“
Nach WM-Debakel: Wer stiftet neue Identität?
Damit trifft der frühere Manager der Nationalmannschaft den Kern: Aktuell ist keine Identität in Sicht. Keine Kämpfer, keine Künstler, schon gar keine Helden. „Wir haben junge und talentierte Spieler. Aber es braucht Zeit, bis sie große Dinge erreichen können. Wenn man große Dinge ändert, benötigt man Zeit“, erklärte Julian Nagelsmann auf der Pressekonferenz nach dem WM-Aus. Das klang fast so, als erbitte sich der Noch-Bundestrainer eine weitere Gnadenfrist.
Dass er aber eine neue Identität stiften kann, daran glaubte letztlich auch die DFB-Spitze nicht mehr und legte ihm nahe, durch einen selbstbestimmten Abschied erhobenen Hauptes zu gehen.
Als Nagelsmann im Herbst 2023 eine ähnlich in Trümmern liegende Nationalmannschaft übernahm, hatte er viele Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten. Eine klare Idee, wie der deutsche Fußball der Zukunft aussehen sollte, hatte aber auch er nicht.