Auf dem Papier lief alles deutlich besser als in diesem Jahr – empfunden haben es aber nur wenige so.

Heute vor 32 Jahren endete für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der erste WM-Ausflug in die Vereinigten Staaten. Ein damals völlig unerwartetes Viertelfinal-Aus gegen Außenseiter Bulgarien am 10. Juli 1994 stürzte den damals noch amtierenden Weltmeister in eine tiefe Sinnkrise.

Es war der bittere Schlusspunkt einer legendär chaotischen WM-Mission, in der einer der am stärksten besetzten Kader der deutschen Fußballhistorie noch spektakulärer Schiffbruch erlitt als Julian Nagelsmanns DFB-Team in diesem Jahr – unter teils nicht unähnlichen Umständen.

Die sehr sehenswerte ARD-Dokuserie „11 Helden, ein Albtraum“ hat erst vor kurzem ein neues Licht auf die damaligen Ereignisse und die Rollen ihrer prominenten Protagonisten geworfen: Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann, Stefan Effenberg und Mario Basler, der zum Buhmann der Nation gewordene Bundestrainer Berti Vogts – und als Schattenfigur im Hintergrund auch die Lichtgestalt Franz Beckenbauer.

Lothar Matthäus und Co. erlebten bei der WM 1994 ein böses Erwachen
Lothar Matthäus und Co. erlebten bei der WM 1994 ein böses ErwachenLothar Matthäus und Co. erlebten bei der WM 1994 ein böses Erwachen© IMAGO / Laci Perenyi

WM 1994: Die deutsche Mission lief schon vorab aus dem Ruder

Das Chaos begann schon bei der Vorbereitung. Nationaltrainer Vogts beorderte seine Mannschaft ins abgeschiedene Malente. Es war eine romantische Idee des Weltmeister-Verteidigers von 1974 – ein Verehrer von Sepp Herberger und Helmut Schön, dem traditionelle Werte wichtig waren: Elf Freunde müsst ihr sein, Zusammenhalt, Entbehrung, Besinnung aufs Wesentliche.

Der 1946 geborene Vogts war in der Nachkriegszeit in seiner niederrheinischen Heimatstadt Korschenbroich altmodisch geprägt worden. Was er seinen Schützlingen – unter ihnen noch zahlreiche Weltmeister von 1990 – in der Sportschule vermitteln wollte, war jedoch schon damals aus der Zeit gefallen. Die weltläufigen Stars hielten wenig von der Einöde. Der heutige SPORT1-Experte Basler bezeichnete das Trainingslager in der ARD-Doku als „Vollkatastrophe“.

Schon in Malente begannen zahlreiche Disziplinprobleme und Egoismen Vogts‘ Kollektiv auseinanderzutreiben. Schlagzeilenträchtiger Höhepunkt: Torhüter Bodo Illgner, ein Zögling des früheren DFB-Jugendcoachs Vogts, bestellte seine Frau und Beraterin Bianca ins Quartier – woraufhin diese unfreundlich herausgeschickt wurde.

Die Illgners waren erbost, Bianca warf dem DFB in einem Spiegel-Interview Frauenfeindlichkeit vor. Die Stimmung war schon vor der Abreise angespannt, die öffentliche Unruhe groß.

Bodo und Bianca Illgner sorgte schon vor der WM 1994 für Gesprächsstoff
Bodo und Bianca Illgner sorgte schon vor der WM 1994 für GesprächsstoffBodo und Bianca Illgner sorgte schon vor der WM 1994 für Gesprächsstoff© IMAGO/teutopress

Vor Ort in den USA wurde es danach nicht besser. Der riesige Erwartungsdruck und das schwere Erbe von Weltmeister-Teamchef Beckenbauer taten ihr Übriges.

Franz Beckenbauer bürdete Nachfolger Berti Vogts ein schweres Erbe auf

Schon am Tag des WM-Triumphs 1990 in Rom hatte Beckenbauer die Schwierigkeit der ohnehin undankbaren Aufgabe, ihm zu folgen, noch potenziert: Im Siegesrausch verkündete der „Kaiser“ bei der Pressekonferenz nach dem Finale, dass die deutsche Auswahl durch die noch größere personelle Auswahl nach der Wiedervereinigung „auf Jahre hinaus nicht zu besiegen“ sei.

Die Erwartungshaltung war von diesem Punkt aus schwer herunterzudimmen. Auch Vogts – im ersten Großturnier danach mit Deutschland immerhin Vize-Europameister 1992 – ließ sich darauf ein: Beim berühmt-berüchtigten Auftritt der DFB-Auswahl in einer Sonderausgabe der TV-Show „Wetten dass“ (mit Gesangs- und Rapeinlage an der Seite der Village People) ließ er sich vom Moderatoren-Dreigestirn Thomas Gottschalk, Günther Jauch und Harald Schmidt ein Weltmeister-Versprechen abringen.

Skepsis, ob der spröde Vogts der richtige Mann dafür sei, gab es schon damals – unter anderem auch bei Beckenbauer. Wenige Wochen vor der WM verunglimpfte der damalige Interimstrainer des FC Bayern Vogts vor versammelter Reporterschar beiläufig als „Pfeife“.

Franz Beckenbauer hatte Nachfolger Berti Vogts als TV-Experte stets im Auge
Franz Beckenbauer hatte Nachfolger Berti Vogts als TV-Experte stets im AugeFranz Beckenbauer hatte Nachfolger Berti Vogts als TV-Experte stets im Auge© IMAGO/Sven Simon

Stefan Raab setzt dem Spott die Krone auf

Im damaligen WM-Quartier in Chicago geriet Vogts von allen Seiten unter Druck. Der als TV-Experte für Sky-Vorgänger Premiere mitgereiste Beckenbauer kritisierte seinen Nachfolger bei jeder Gelegenheit öffentlich. Boulevardpresse und Fernsehen nahmen den „Bundes-Berti“ mit noch härterer Gangart als heute unter Dauerfeuer.

Und dann war da noch der junge Stefan Raab, der mit einem Team des Musiksenders VIVA nach Chicago reiste – und mit seiner Guerilla-Comedy auf Kosten des DFB-Teams und vor allem von Vogts groß herauskam.

Als Krönung kreierte der spätere TV- und ESC-Zampano einen Charthit mit dem derben Spottlied „Böörti Böörti Vogts“. Das junge Publikum amüsierte sich köstlich. Vogts – ein ernster Mann, der als Kind beide Elternteile verloren hatte – lachte nicht. Er war schwer getroffen.

Stefan Raab nahm auch eine "Shalala Version" von "Böörti, Böörti Vogts" auf
Stefan Raab nahm auch eine „Shalala Version“ von „Böörti, Böörti Vogts“ aufStefan Raab nahm auch eine „Shalala Version“ von „Böörti, Böörti Vogts“ auf© IMAGO/United Archives

„Für ihn persönlich ist das natürlich ein absoluter Frontalangriff auf alles, was er ist, war und wie er lebte“, erinnerte sich der heutige Doppelpass-Experte Effenberg – der seinerzeit auch unfreiwillig ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte.

Stefan Effenberg nach Stinkefinger-Eklat rausgeworfen

Der sportliche Start ins Turnier brachte keine Ruhe rein. Ein knappes 1:0 gegen Bolivien und ein 1:1 gegen das damals noch nicht in der Weltspitze agierende Spanien schürten keine Euphorie.

Beim dritten Gruppenspiel in Dallas gegen Südkorea brach Vogts‘ Team nach einer 3:0-Halbzeitführung komplett ein – ein ungesundes Wechselspiel aus glühender Hitze auf dem Platz und eiskalt klimatisiertem Innenbereich setzte dem Team zu.

Die DFB-Elf verspielte die komfortable Führung fast, rettete ein 3:2 nur knapp über die Zeit – trotzdem eskalierte danach alles: Frustrierte deutsche Fans riefen „Effenberg raus!“ – der zeigte wütend den Stinkefinger.

Ein Ausraster nach dem Südkorea-Spiel endete für Stefan Effenberg folgenschwer
Ein Ausraster nach dem Südkorea-Spiel endete für Stefan Effenberg folgenschwerEin Ausraster nach dem Südkorea-Spiel endete für Stefan Effenberg folgenschwer© IMAGO/Norbert Schmidt

Die TV-Kameras fingen den Eklat nicht ein, Effenberg aber gab die Entgleisung zu – und weigerte sich in der Emotion des Moments, um Entschuldigung zu bitten. Vogts mochte es nicht dulden: Er schickte Effenberg nach Hause – und kündigte an, den späteren Bayern-Kapitän nie mehr zu nominieren.

Weil viele Teamkollegen Vogts‘ Durchgreifen überzogen fanden, verschlechterte sich die Stimmung weiter. Schon vorher hatten Diskussionen um den schwächelnden Stammkeeper Illgner und eine Entfremdung zwischen Vogts und Kapitän Matthäus das Binnenklima belastet. Matthäus hatte Vogts‘ erste Aufstellungen an die Medien durchgesteckt und verspielte so das Vertrauen des Coachs.

Heute Paraguay, damals Bulgarien: Die Umstände ähnelten sich

Eine Leistungssteigerung im Achtelfinale gegen Belgien (3:2 dank Jürgen Klinsmann und Doppelpack Rudi Völler) nährte zwischenzeitlich die Hoffnung, dass Vogts‘ Team noch in Schwung kommen würde – dann aber kam es umso dicker.

Voller Überheblichkeit ging der Blick zu früh in Richtung des möglichen Halbfinalgegners, statt sich aufs Viertelfinale zu konzentrieren – eine Parallele zu 2026. „Wir haben schon ans Halbfinale gegen Italien gedacht und nicht an Bulgarien. Das hat sich damals gerächt – und so ähnlich lief es nun“, erklärte der damalige DFB-Verteidiger Thomas Helmer jüngst im SPORT1-Interview den Déjà-vu-Effekt nach dem deutschen Aus gegen Paraguay 32 Jahre später.

Gegen Bulgarien 1994 lief bis zur 76. Minute nach einem Elfmetertor von Matthäus alles nach Plan. Dann aber versenkte Bulgariens Stürmerstar Christo Stoitschkow einen Freistoß zum Ausgleich – er hatte vorher die verhältnismäßig geringe Sprungkraft Völlers als Schwachstelle in der deutschen Mauer ausgemacht.

Nur zwei Minuten später folgte die Szene, die das deutsche WM-Chaos auf den Punkt brachte: Bei einem Angriff Bulgariens geriet plötzlich der 1,66 Meter kleine Mittelfeldwirbler Thomas Häßler in ein Kopfballduell mit dem rund 20 Zentimeter größeren HSV-Profi Jordan Letschkow.

Letschkow köpfte Deutschland aus dem Turnier – und das damalige DFB-Team in den Zerfall.

Im WM-Viertelfinale war gegen Bulgarien Schluss für das deutsche Team
Im WM-Viertelfinale war gegen Bulgarien Schluss für das deutsche TeamIm WM-Viertelfinale war gegen Bulgarien Schluss für das deutsche Team© IMAGO/Laci Perenyi

Bodo Illgner wirft hin, Vogts bleibt nach Kanzler-Anruf

Noch in der Kabine verkündete der zuvor still grollende Torwart Illgner seinen Rücktritt – zum Ärger vieler Teamkollegen, die sich von dem späteren Real-Madrid-Keeper ebenso im Stich gelassen fühlten wie sein Trainer.

Vogts erklärte noch vor der Heimreise öffentlich, dass es ein Fehler gewesen sei, mit Illgner und nicht mit Konkurrent Andreas Köpke als Nummer 1 ins Turnier gegangen zu sein.

Auch der Bundestrainer selbst schien am Ende. Durch das blamable Aus wurde er endgültig zum Prügelknaben der Nation. Die Bild druckte einen vorgefertigten Rücktrittsbrief und titelte „Herr Vogts, unterschreiben Sie hier!“. Der damals verantwortliche Alfred Draxler bereut die Aktion mittlerweile.

Der sportlich und persönlich schwer gebeutelte Vogts war dem Rücktritt nahe. Für die Wende sorgte ein persönlicher Anruf von Bundeskanzler Helmut Kohl – der ebenfalls oft verspottete und als Provinzling verlachte Regierungschef empfand Sympathie für den Leidensgenossen. Er überzeugte Vogts davon, weiterzumachen.

Helmut Kohl bei einem Besuch im DFB-Quartier
Helmut Kohl bei einem Besuch im DFB-QuartierHelmut Kohl bei einem Besuch im DFB-Quartier© IMAGO/WEREK

Happy End bei der EM 1996 in England

Vogts‘ Trotzreaktion zahlte sich aus: Er schaffte zwei Jahre später das scheinbar Unmögliche: Er formte aus den Trümmern der Bruchlandung von 1994 das Europameister-Team von 1996.

Der Bundestrainer lernte aus den Fehlern des USA-Turniers: Er traf härtere Kaderentscheidungen wie die Ausbootung von Weltstar Matthäus, formte eine Auswahl, die stärker seinem Bilde entsprach – mit weniger individueller Klasse (Vogts‘ Credo: „Der Star ist die Mannschaft“), aber mehr Teamgeist, Disziplin und Wettkampfhärte.

Mit Köpke als Nummer 1 im Tor, Klinsmann als Kapitän und dem zu Vogts menschlich besser passenden Matthias Sammer als neuen Leader im Mittelfeld schaffte es das Team bis ins Finale von Wembley – wo das Golden Goal von Oliver Bierhoff gegen Tschechien das Happy End perfekt machte.

Für den zuvor noch belächelten Vogts war der größte Trainererfolg seiner Laufbahn eine persönliche Genugtuung. Dass er wieder zwei Jahre später nach einem erneuten Viertelfinal-Aus bei der WM wieder der Buhmann war und wenig später doch hinwarf, änderte nichts daran, dass er doch noch etwas bewiesen hatte: „Böörti Vogts“ war mehr als eine Witzfigur.