Erstmals seit 1986 findet eine Weltmeisterschaft wieder in Mexiko statt. Die Bedingungen dort gelten aufgrund der höhenbedingt dünnen Luft als brutal. Kein Wunder also, dass man beim DFB froh darüber ist, bei der anstehenden WM vorerst in den USA und Kanada zu spielen.

Vor 40 Jahren hatte der Verband allerdings keine Wahl, einen Co-Gastgeber gab es damals nicht. Bei SPORT1 erklärt der damalige Nationalspieler Dieter Hoeneß, wo die größten Probleme lagen.

Dieter Hoeneß und Co. nach dem verlorenen WM-Finale 1986 gegen Argentinien
Dieter Hoeneß und Co. nach dem verlorenen WM-Finale 1986 gegen ArgentinienDieter Hoeneß und Co. nach dem verlorenen WM-Finale 1986 gegen Argentinien© IMAGO/Laci Perenyi

Zwar schaffte es die Nationalmannschaft damals bis ins Finale, doch rückblickend gilt das Turnier in Mexiko als eines der kuriosesten – inklusive der Androhung von Teamchef Franz Beckenbauer, einige Spieler aus disziplinarischen Gründen vorzeitig nach Hause zu schicken. Letzten Endes traf es lediglich Uli Stein. Der Ersatzkeeper hatte den Kaiser hinter dessen Rücken als „Suppenkasper“ verspottet.

SPORT1: Herr Hoeneß, was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an das WM-Quartier 1986 in Mexiko denken?

Dieter Hoeneß: Wir hatten ja insgesamt vier Trainingslager. Erst ging es nach Malente, dann nach Kaiserau, dann nach Morelia zur Anpassung an die Höhe und schließlich in die Hacienda de Galindo. Wir saßen also rund sechs Wochen aufeinander. Das war schon heftig, aber wir haben es hinter uns gebracht. Ich denke, dass der DFB damals viel gelernt hat, wie man es nicht machen sollte.

WM 1986: „Das war schlecht organisiert“

SPORT1: Sie sprechen die Höhe an. Worin genau lag das Problem?

Hoeneß: Wir sind dort angekommen und Co-Trainer Berti Vogts wollte gleich am ersten Tag eine Konditionseinheit einlegen. Unser Mannschaftsarzt Prof. Heinz Liesen hat damals interveniert und auch Teamchef Franz Beckenbauer hat eingegriffen. Man ist zweimal quer über den Platz gelaufen und aufgrund der Höhe war man sofort platt – schließlich waren wir auf 2000 Metern. Es war eine riesige Umstellung, die Anpassung war dringend notwendig.

Dieter Hoeneß ist der jüngere Bruder von Uli Hoeneß
Dieter Hoeneß ist der jüngere Bruder von Uli HoeneßDieter Hoeneß ist der jüngere Bruder von Uli Hoeneß© IMAGO/Maximilian Koch

SPORT1: Gerade für Nicht-Mexikaner dürfte es schwierig gewesen sein, oder?

Hoeneß: Zunächst war für Europäer die Umstellung enorm schwierig, schließlich gehen andere Sportler dort höchstens zum Höhentraining hin. Aber man hat sich irgendwann daran gewöhnt.

SPORT1: Im Quartier ging es bekanntlich sehr unruhig zu. Warum eigentlich?

Hoeneß: Das große Problem war, dass sämtliche Journalisten im gleichen Resort untergebracht waren wie wir Spieler und der ganze DFB-Stab. Morgens hat man die Vorhänge aufgezogen, sich noch die Augen gerieben und schon hatte man vier Kameras vor der Nase – das war schlecht organisiert.

SPORT1: Klingt nach keiner guten Arbeitsatmosphäre für Nationalspieler…

Hoeneß: Die ständige Präsenz der Medien hat natürlich zu Spannungen geführt. 1990 hat man solche Dinge korrigiert. Einmal in sechs Wochen gab es einen freien Abend, aber dann musste man 30 bis 45 Minuten bis zum nächsten Restaurant fahren. Alles nicht optimal.

Das DFB-Team 1986 im WM-Quartier in der Nähe von Querétaro
Das DFB-Team 1986 im WM-Quartier in der Nähe von QuerétaroDas DFB-Team 1986 im WM-Quartier in der Nähe von Querétaro© IMAGO/Sportfoto Rudel

Hoeneß: „Dieser Vorfall war ein Wendepunkt“

SPORT1: Sie haben nach einem Ausflug richtig Ärger bekommen. Wie lief das ab? Sind Sie ausgerissen?

Hoeneß: Klaus Augenthaler, Ditmar Jakobs, Uli Stein und ich sind entgegen der Legende nicht ausgerissen, kamen aber zu spät ins Hotel zurück. Nach vier Wochen hatten wir mal einen Abend frei und durften raus. Unglücklicherweise konnte man sich nicht selbst ein Auto schnappen, sondern aus Sicherheitsgründen hatten wir immer bewaffnete Fahrer. An jenem Abend gab es jedoch ein Meeting des DFB mit eben diesen Fahrern – entsprechend spät kamen wir los. Da war es natürlich schwierig, pünktlich um 23 Uhr zurück im Hotel zu sein.

SPORT1: Wie ging es weiter?

Hoeneß: Irgendwie erreichte die Geschichte das Trainerteam – obendrein haben die Journalisten in der Lobby auf uns gewartet. Da gab es natürlich etwas Aufruhr, sogar die Tagesschau hat darüber berichtet. Aber wir haben Franz aufgeklärt.

SPORT1: Trotzdem stand zunächst eine Strafe für Sie und Ihre Kollegen im Raum. Wie sah die aus?

Hoeneß: Nach diesem Vorfall hat mir Egidius Braun, damals Leiter der Delegation, gesagt, dass dieser Vorfall ein Wendepunkt war. Denn wir hatten uns Franz gestellt und ihm die Sache erklärt. Man wollte uns eine Geldstrafe aufbrummen – da haben wir gesagt: Wir akzeptieren das und zahlen, danach reisen wir aber sofort ab. Andere Spieler haben sich dann mit uns solidarisiert.

SPORT1: Der Teamchef wäre quasi ohne Mannschaft dagestanden?

Hoeneß: Franz hat schließlich eingesehen, dass wir im Recht waren. Braun fand das im Nachgang richtig von uns – das hat er mir beim Bankett nach dem Finale gesagt. Der Zusammenhalt in dieser Situation war wichtig für den Teamgeist.

SPORT1: Wie kamen all die Nationalspieler denn grundsätzlich miteinander zurecht?

Hoeneß: Natürlich gab es auch mal Reibereien. Es gab den Münchner, den Kölner und den Hamburger Block. Dass es da etwas dauert, bis man eine Mannschaft wird, ist völlig klar. Wir haben uns aber zusammengerissen und ich halte den Finaleinzug unter den damaligen Verhältnissen rückblickend für ein sehr gutes Ergebnis.