Die NBA-Zukunft offen, das Knie endlich kein Thema mehr – und trotzdem wirkt Moritz Wagner bemerkenswert gelassen. Über beide Ohren grinsend trifft er SPORT1 zum Interview im „adidas Home of Soccer“ in New York. Die Stars gehen in diesen Tagen ein und aus bei der Weltmarke mit den drei Streifen.
Wagner versucht aktuell, die WM-Stimmung im Land aufzusaugen und bewusst Abstand vom Basketball zu gewinnen. Im Gespräch mit SPORT1 spricht der gebürtige Berliner über seine veränderte Sicht auf Verträge, die Möglichkeit eines Neustarts und die Erkenntnis, dass sich im Profi-Basketball längst nicht alles kontrollieren lässt.
Außerdem erklärt der Weltmeister, warum er die Entwicklung des deutschen Basketballs mit Stolz verfolgt und weshalb er der DFB-Elf bei der Fußball-WM alles zutraut. Seine Top 5 der besten Fußballer der Geschichte hat es auf jeden Fall in sich …
Das sagt Moritz Wagner über seine NBA-Zukunft
SPORT1: Wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihnen und vor allem: Wie steht es ums Knie, nach ihrem Kreuzbandriss fielen sie ja vergangene Saison lange Zeit aus und hatten es danach nicht leicht, zu ihrer früheren Form zu finden?
Wagner: Mir geht’s gut, ich fühle mich fit und gesund. Ich bin ehrlich gesagt erleichtert, mal eine Offseason zu haben, in der ich mich nicht permanent um mein Knie kümmern muss. Gerade versuche ich bewusst, etwas Abstand vom Basketball zu gewinnen. Aber ab Juli freue ich mich auch wieder darauf, anzugreifen und mich auf die neue Saison vorzubereiten.
SPORT1: Ihr Vertrag in Orlando ist ausgelaufen. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?
Wagner: Ich versuche, das Thema gerade ein bisschen wegzuschieben. Natürlich macht man sich Gedanken, aber am Ende kann man viele Dinge nicht kontrollieren. Deshalb versuche ich einfach, meinen Sommer zu genießen. Mein Umfeld hat sich zuletzt ja auch verändert. Ich definiere mich inzwischen nicht mehr so sehr über Geld oder Verträge – da bin ich deutlich entspannter geworden. Was kommt, das kommt.
„Ein großes Gefühl der Erleichterung“
SPORT1: Was unterscheidet die Transferphasen im Basketball von denen im Fußball?
Wagner: Der größte Unterschied ist die zeitliche Beschränkung. Im Basketball passiert extrem viel in ganz kurzen Fenstern. Am 1. Juli geht es los, und dann können innerhalb von Minuten Entscheidungen fallen. Im Fußball wirkt das gefühlt viel langfristiger. Im Basketball ist es oft auch ein bisschen Glücksspiel: Wenn ein Weg nicht funktioniert, kann sich plötzlich ein anderer auftun – gleichzeitig verpasst du vielleicht eine große Chance, wenn du nicht zusagst. Das macht die Dynamik spektakulärer.
SPORT1: Haben Sie Ihr Herz an Orlando verloren? Wie schmerzhaft wäre ein Abschied?
Wagner: „Herz verloren“ klingt mir etwas zu dramatisch. Das würde ich nicht so nennen. Ich habe die letzten fünf Jahre sehr genossen, keine Frage. Ich will damit auch keine Tür schließen. Aber ich mache mir keinen Druck mehr. Ich spüre auch nicht mehr dieses Gefühl, wegen der Geschichte mit meinem Bruder unbedingt dorthin zurückzumüssen. Das hatten wir ein paar Jahre lang – und wir haben es immer sehr genossen, wenn es möglich war, zusammenzuspielen. Für mich hatte das lange höchste Priorität. Das ist es jetzt nicht mehr. Ehrlich gesagt gibt mir das ein großes Gefühl der Erleichterung. Ich gehe mit offenem Herzen in die nächsten Wochen und schaue, wo ich lande.
Diesen Tipp gibt Wagner den NBA-Rookies Steinbach und Anderson
SPORT1: Mit Hannes Steinbach und Christian Anderson wurden vor wenigen Tagen zwei deutsche Talente hoch gedraftet. Wie bewerten Sie den Draft und diese Entwicklung?
Wagner: Die beiden wurden deutlich höher gezogen als ich damals. Als deutscher Basketballer freut mich das total. Wenn man vor zehn oder fünfzehn Jahren gesagt hätte, dass zwei junge Deutsche so hoch gedraftet werden, wären alle ausgerastet. Beide haben tolle College-Karrieren gespielt – trotzdem ist der Sprung in die NBA nie selbstverständlich. Dass sie diesen Schritt jetzt gemeinsam gehen können, macht es noch besonderer. Das ist ein echtes Statement und zeigt: Der deutsche Basketball ist gewachsen.
SPORT1: Was hätten Sie bei Ihrem Draft damals gewusst, was sie den beiden mitgeben können?
Wagner: Dass es hilft, entspannter zu sein (lacht). Ich wollte immer alles kontrollieren – auch mental. Ich hatte früher solche Vorstellungen wie: Ich werde „Laker for Life“ und hielt mich an irgendwelchen Floskeln fest. Aber am Ende hast du nicht alles in der Hand. Je schneller du das verstehst, desto entspannter wird deine Karriere. Und vor allem: Genießt es, stellt Fragen und lehnt euch auch mal zurück und macht euch bewusst: Wir haben es geschafft.
Euphorie um WM 2026 in den USA: „In New York ist sie riesig“
SPORT1: Wie erleben Sie die Fußball-Euphorie rund um die WM?
Wagner: In New York ist sie riesig. Sport und vor allem Fußball sind gerade eine unglaubliche Möglichkeit, Menschen zusammenzubringen. Der Fußball ist dort so präsent wie nie, und ich genieße das total.
SPORT1: Werden Sie in New York oder in Berlin häufiger erkannt?
Wagner: Das kommt immer darauf an, wo ich unterwegs bin. In New York interessiert es viele Leute nicht besonders, was ich gleichzeitig auch sehr angenehm finde. Trotzdem ist das Thema für mich ambivalent, weil ich große Dankbarkeit dafür empfinde, überhaupt erkannt zu werden. Und wenn ich in Berlin bin, genieße ich diese Art der Wertschätzung natürlich auch.
Wagner glaubt an den WM-Titel für Deutschland
SPORT1: Was trauen Sie der deutschen Nationalmannschaft bei dieser WM zu?
Wagner: Alles.
SPORT1: Sie glauben also an den WM-Titel?
Wagner: Klar – warum soll ich mich nicht aus dem Fenster lehnen? Gerade in der K.o.-Runde ist es doch eigentlich simpel: Du musst an einem Tag besser sein als der Gegner.
SPORT1: Gegen Ecuador hat das zuletzt nicht funktioniert …
Wagner: Ich finde die Niederlage überhaupt nicht schlimm. Von außen sagt man immer schnell: Die wollten nicht oder hatten keinen Bock – aber das habe ich im Stadion überhaupt nicht so wahrgenommen. Ecuador hat seine Chance gespürt, für die ging es um alles. Deutschland war schon weiter. Das ist dann eben auch die Magie des Sports.
SPORT1: Jetzt wartet Paraguay. Viel Zeit, sich auf den Gegner vorzubereiten, bleibt nicht.
Wagner: Ich finde es Wahnsinn, wie wenig Zeit man hat, sich auf den nächsten Gegner vorzubereiten. Den Modus mit 48 Mannschaften kann man sicherlich auch diskutieren. Aber am Ende kannst du das nicht beeinflussen – deshalb: ein Spiel nach dem anderen.
Darum verglich sich Moritz Wagner mit Luca Toni
SPORT1: Sie sind bekanntlich Fußball-Fan. Nennen Sie doch bitte mal Ihre Top fünf der besten Fußballer aller Zeiten?
Wagner: Zinédine Zidane ist für mich klar die Nummer eins – auch wegen der Art, wie seine Karriere geendet hat. Danach kommt Diego, der früher mein absoluter Lieblingsspieler war. Dann Miroslav Klose und Ivan Klasnić.
SPORT1: Man merkt minimal ihr Grün-weißes Fußballherz …
Wagner: Das war nicht schwer (lacht). Das gehört zu meiner Kindheit. Ich habe mit meinem Bruder und meinem Opa immer viel Fußball geschaut. Und als ich selbst gespielt habe, habe ich mich immer mit Luca Toni verglichen.
SPORT1: Wieso das?
Wagner: Der wollte auch nie zurücklaufen (lacht).
WM-Finale? „Ich habe mich da extrem reingesteigert“
SPORT1: Ihr Handschlag mit Ihrem Bruder hat Kultstatus. Haben solche Rituale für Sie eine besondere Bedeutung?
Wagner: Ich bin eigentlich gar nicht der größte Check-Fan. Aber in Michigan fand ich das zum Beispiel richtig cool: Dort war der gemeinsame Handshake Teil der Teamkultur. Alle hatten zusammen einen. Das war ein Symbol für Freundschaft und Zusammenhalt. Daran denke ich gerne zurück – gerade an die Zeit, als ich mit 17, 18 ans College gekommen bin.
SPORT1: Sie kennen WM-Endspiele aus eigener Erfahrung. Stellen wir uns vor, Sie wären Bundestrainer und müssten vor dem Finale die Kabinenansprache halten – was würden Sie sagen? Was hat Ihnen damals geholfen?
Wagner: Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, deshalb war das damals nervlich nicht leicht für mich. Ich habe mich da extrem reingesteigert, weil mir das unglaublich wichtig war. Aber ich erinnere mich noch gut an Gordon Herbert. Er hat gesagt: „Es ist einfach nur ein Spiel.“ Fokus und Konzentration sind ohnehin da, deshalb lieber auf die Taktik konzentrieren. Im Spiel selbst muss man versuchen, den Moment aufzusaugen, den Druck ein Stück weit loszulassen und einfach das machen, was man immer macht. Und wenn du die Chance hast zu gewinnen, dann nimm sie dir.