Für Lennart Karl hätte es am Sonntagabend viele Gründe gegeben, nervös zu sein. Immerhin feierte er gegen Finnland sein Startelf-Debüt in der Nationalmannschaft und spielte in der ersten Halbzeit auf der Seite der Trainerbänke. Er hatte seinen Chef also stets ganz nah bei sich. Dass der letzte Test vor der Abreise zur WM seit jeher ein wichtiger Gradmesser ist, dürfte auch dem 18-Jährigen bewusst gewesen sein.

Doch auf dem Platz war davon nichts zu spüren. Karl rannte, passte, trickste und war ein echter Aktivposten. Naturgemäß gelang ihm dabei nicht alles.

Lennart Karl - ein WM-Stammspieler?
Lennart Karl – ein WM-Stammspieler? Lennart Karl – ein WM-Stammspieler? © IMAGO/Beautiful Sports International

Ihm unterliefen kleinere und größere Fehler, doch anschließend versuchte er es einfach nochmal, bis es klappte. Es ist genau dieser Mut, den alle von ihm fordern – auch er selbst.

Karl? „Hat keine Angst vor nichts und niemandem“

Er wolle „frech“ Fußball spielen, was bedeute, dass „man sich nichts scheißt“, erklärte Karl nach dem Spiel in der Mixed Zone. Ganz einfach also. „Der hat keine Angst vor nichts und niemandem. Das finde ich top. Er hat nicht nur heute gezeigt, was er kann. Er zeigt es die ganze Zeit“, erklärte Deniz Undav, bekanntlich selbst Experte in Sachen Unbekümmertheit. Er traue Karl viel zu.

Der 18-Jährige hat auf seinem Weg zur WM zwei große Trümpfe in der Hand: Aufgrund seines jungen Alters werden ihm Fehler leichter verziehen.

Wenn sich Karl zum wiederholten Male festdribbelte oder zu spät abspielte, gab es nicht das geringste Geraune in der Mainzer Arena. Sein Kredit beim Publikum ist schier endlos – das kennt er bereits vom FC Bayern und das ist es auch, was er Leroy Sané voraushat.

Der Routinier muss weiter mit der Skepsis der Fans leben, während Joshua Kimmich über Karl sagt: „Er hat genau das auf den Platz gebracht, was wir brauchen, was wir generell von den jungen Spielern brauchen: Dass sie mutig sind, dass sie sich was zutrauen, dass sie ins Risiko gehen.“

Auch Kimmich erkennt darin einen Vorteil für seinen jungen Kollegen: „Er muss gar keine Verantwortung übernehmen, sondern er kann sich einfach auf sein Spiel konzentrieren, kann Spaß haben. Wir tragen dann die Verantwortung, gerade unseren jungen talentierten Jungs da vorne den Rücken freizuhalten.“

Reicht es für die Startelf? Karl bleibt Herausforderer

Der weitere Pluspunkt: Anders als einige andere Spieler schleppt Karl nicht die Demütigungen von 2018 und 2022 mit sich herum. Bei beiden WM-Turnieren schied Deutschland jeweils in der Vorrunde aus, der Youngster saß damals vorm Fernseher. Er dürfte also in der Lage sein, die anstehenden Wochen zu genießen und weniger Druck zu verspüren.

Lennart Karl ist Herausforderer von Leroy Sané
Lennart Karl ist Herausforderer von Leroy SanéLennart Karl ist Herausforderer von Leroy Sané© IMAGO / Laci Perenyi

Ob das aber reicht, um dauerhaft in die Startelf zu rutschen, darf bezweifelt werden. Karl ist weiterhin ein Herausforderer von Sané. Und der wiederum konnte mit seinem 20-Minuten-Einsatz den Bundestrainer regelrecht begeistern: „Das war top – kann man nicht anders sagen. Er hat eine Top-Einwechslung gehabt mit einer unfassbaren Dynamik und auch Invest. Er bringt extrem viel mit“, sagte Julian Nagelsmann auf der Pressekonferenz.

Es waren Sätze, die dem Bundestrainer offenkundig wichtig waren. Nach seinem Loblied auf Karl („Er kann für Furore sorgen“) wollte er merklich nicht den Eindruck vermitteln, Sané befinde sich bereits auf dem Abstellgleis. Es ist ein Detail, das Karl ein wenig einbremst – unbekümmert dürfte er trotzdem bleiben.