Die neue Heimat der Nationalspieler – zumindest für die nächsten Wochen – kann sich auf den ersten Blick durchaus sehen lassen. Die Stadt Winston-Salem mit rund 250.000 Einwohnern gilt als historisches Zentrum der amerikanischen Tabakindustrie, berühmt als „Camel City“. Hinzu kommt mit der Wake Forest University eine der renommiertesten Sport-Universitäten des Landes.
Winston-Salem wirkt wie eine amerikanische Vorzeigestadt. Doch in North Carolina erwartet die Mannschaft ein deutlich anderes Umfeld als noch in der vergangenen Woche.
In Chicago hatte Deutschland alles, was das Herz begehrt
Bis Montag lebte die DFB-Auswahl in einer völlig anderen Welt. In Chicago bereitete sich das Team auf das Turnier vor und gewann dort am Samstag den letzten WM-Test gegen die USA mit 2:1. Die Millionenmetropole bot den Spielern alles, was das Herz begehrt: Cafés, Restaurants, Shoppingmöglichkeiten und Großstadtflair an jeder Ecke. Viele Nationalspieler nutzten zudem die Gelegenheit für Besuche bei den Chicago Bulls – zahlreiche DFB-Stars sind begeisterte NBA-Fans.
Wer in diesen Tagen durch Chicago spazierte, konnte immer wieder DFB-Stars entdecken. Nahezu ungestört schlenderten sie durch die Straßen, mischten sich unter die Menschen und genossen die Freiheiten, die eine Millionenstadt bietet. Winston-Salem ist das komplette Gegenteil.
DFB-Stars erwartet viel Ruhe
Das Stadtzentrum beschränkt sich auf wenige Straßenzüge mit einigen Restaurants, Bars, Friseursalons, einem Tattoo-Studio und kleineren Geschäften. Wer aus europäischen Großstädten oder den Metropolen der Bundesliga kommt, dürfte schnell feststellen: Das Angebot ist überschaubar.
Die Stadt wirkt ruhig, fast schon beschaulich. Ob das für die DFB-Stars über mehrere Wochen hinweg besonders reizvoll ist, erscheint zumindest fraglich.
Nahezu perfekte Bedingungen im WM-Quartier
Dafür wartet das Teamhotel mit nahezu perfekten Bedingungen auf. „Wir haben hier viel Ruhe, ein Kontrastprogramm zu Chicago, wo natürlich viel Trubel ist. Wir haben viel Fläche, ein Hotel ganz für uns“, sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann vor dem Einzug in das Quartier. Doch ob dieses Kontrastprogramm den Spielern auf Dauer tatsächlich gefällt?
Die Gründe für die Wahl des Standorts liegen auf der Hand. Die Wege sind kurz – der Trainingsplatz befindet sich weniger als einen Kilometer entfernt. Die Bedingungen vor Ort sind erstklassig. Auch auf dem weitläufigen, schlossähnlichen Anwesen selbst fehlt es an nichts.
Die 85 individuell gestalteten Zimmer bieten ausreichend Rückzugsmöglichkeiten, dazu kommen Restaurants, Aufenthaltsräume und weitläufige Grünflächen, die zum Spazieren einladen. Direkt gegenüber des Resorts erstreckt sich zudem ein großer Golfplatz. Ob die Spieler allerdings bei Temperaturen von über 30 Grad Celsius tatsächlich alle 18 Löcher spielen, darf zumindest bezweifelt werden.
Und selbst wenn es die DFB-Stars mal in die Stadt ziehen sollte: Ganz so ungestört wie in Chicago dürften die DFB-Stars in Winston-Salem nicht bleiben. Denn das Interesse an der deutschen Mannschaft ist bereits jetzt enorm. Das zeigt sich nicht nur an der deutschen Flagge, die am Reynolds Building, dem bekanntesten Gebäude der Stadt, unter der US-Flagge gehisst ist, oder an den Willkommens-Aufklebern an manchen Geschäften, sondern besonders eindrucksvoll beim ersten öffentlichen Training. Die 3000 verfügbaren Tickets waren innerhalb von nur vier Minuten vergriffen.
Droht ein Lagerkollaps?
So bietet das Quartier zwei Seiten. Einerseits optimale Bedingungen für konzentriertes Arbeiten, kurze Wege und kaum Ablenkung. Andererseits die Gefahr, dass die Ruhe irgendwann zu viel wird. Große Turniere dauern mehrere Wochen. Die Tage gleichen sich, die Abläufe werden monoton, die Möglichkeiten, dem Fußball für einige Stunden zu entkommen, sind begrenzt.
Das ist der DFB-Kader bei der WM 2026
Der Fokus liegt hier genau dort, wo er liegen soll: auf dem Fußball. Doch zwischen maximaler Konzentration und aufkommendem Lagerkoller verläuft bekanntlich nur ein schmaler Grat.
Die deutsche Mannschaft wird alles daransetzen, dass Winston-Salem am Ende als perfekter Rückzugsort in Erinnerung bleibt. Und nicht als Schauplatz eines Lagerkollers.