Seine Bilder gingen um die Welt: Nach dem 2:1-Führungstreffer gegen die DFB-Elf stürmte Ecuadors Trainer Sebastián Beccacece geradewegs Richtung Tribüne. Ekstatisch riss er sich am Geländer hoch, um Arm in Arm mit seiner Familie zu feiern. Die Emotionalität ist ein treuer Begleiter in seiner Trainerkarriere, in der er auch schon mit Lionel Messi aneinandergeriet.

Auch nach Abpfiff schien der 45-jährige kaum einzufangen. Ecuador ist zum zweiten Mal in seiner stolzen Fußballhistorie in die K.o.-Phase einer WM eingezogen, der Präsident ordnete spontan einen Feiertag an – und das alles, obwohl Beccacece kurz zuvor noch seinen freiwilligen Rücktritt angeboten hatte.

Sebastian Beccacece führte Ecuador in die K.o.-Runde
Sebastian Beccacece führte Ecuador in die K.o.-RundeSebastian Beccacece führte Ecuador in die K.o.-Runde© IMAGO/Nicolo Campo

Vom Staatsfeind zum Volkshelden

Vor dem Sieg gegen Deutschland hatte unter anderem Ex-Nationalspieler Jefferson Montero bei X heftig gegen ihn geschossen: „Hör auf, heiße Luft zu verkaufen, und tritt bei La Tri zurück! Hab ein bisschen Würde, du hast unserem Fußball mit einer Generation, die die beste der Geschichte sein sollte, großen Schaden zugefügt.“ Montero stand 64-mal für Ecuador auf dem Platz.

Schnell schwappte die Kritik auch ins Persönliche über und traf schließlich auch seine Familie. „Zum Glück blieb es bei verbalen Dingen und hat keine größeren Konsequenzen gehabt“, erklärte der Trainer später.

„Ich habe nicht das Gefühl, das Herz der Fans erreicht zu haben. Ich habe das Herz meiner Spieler und der Menschen, die mich täglich begleiteten, erreicht. Aber mit dem Fan, der mich nicht kennt, habe ich keine Verbindung aufbauen können“, räumte er vor dem Spiel offen ein. Er bot sogar an, im Falle eines Ausscheidens seinen Posten zu räumen.

Mit dem leidenschaftlichen Sieg gegen die Elf von Julian Nagelsmann hat er sich vorerst rehabilitiert.

Beim Messi-Klub lernte er den Fußball lieben

Begonnen hat seine Trainerkarriere einst erst wegen einer bitteren Erkenntnis.

Eigentlich habe er den Traum gehabt, selbst einmal Profi zu werden, erklärte Beccacece in einem FIFA-Interview. Relativ schnell reifte bei ihm aber die Einsicht, dass es auf dem grünen Rasen für den ganz großen Wurf nicht reichen würde.

Statt auf dem Platz mitzumischen, nahm er also schon früh die Rolle des Beobachters von außen ein. Oftmals tat er das auf den Rängen der Newell’s Old Boys. Dem Klub, in dem vor Jahren auch Lionel Messi das Fußballspielen lernte.

Trainer der Argentinier war mit dem heutigen Uruguay-Trainer Marcelo Bielsa damals ebenfalls ein bekanntes Gesicht.

Bielsa auf der Haut und als Idol

Die Begegnung mit „El Loco“ prägt ihn bis heute, gestand er: “Mein Vorbild und meine inspirierende Kraft war schon immer Marcelo Bielsa.“

Ein Energiebündel: Ecuador-Trainer Sebastián Beccacece
Ein Energiebündel: Ecuador-Trainer Sebastián BeccaceceEin Energiebündel: Ecuador-Trainer Sebastián Beccacece© IMAGO/Uwe Kraft

Beccaceces Rücken ziert ein großes, fußballförmiges Tattoo. Mittendrin: ein Abbild seines 70-jährigen Idols. Darüber der Titel „Mi Mundo“, also: „Meine Welt.“ Möglich, dass er sich auch die Emotionalität von seinem Idol abgeschaut hat.

Bielsa war es gewissermaßen auch, der die Trainerkarriere des Mannes mit dem wallenden blonden Haar ermöglichte. Claudio Vivas, seines Zeichens damals Assistent vom heutigen Uruguay-Trainer, vermittelte ihn an den argentinischen Coach Jorge Sampaoli. Der sollte 2003 den peruanischen Klub Sport Boys übernehmen und war noch auf der Suche nach einem fähigen Assistenztrainer. Für den 22-jährigen Beccacece ein Traumjob.

Der Weg aus seiner argentinischen Heimat Rosario nach Peru war weit. Sein Flug war zudem kurzfristig storniert worden, sodass sich der ehrgeizige Trainer kurzerhand mit dem Bus auf die 3.500 Kilometer lange Reise machte.

Treuer Co-Trainer von Sampaoli

Doch genau diese Reise sollte sich schließlich als wichtigster Schritt seiner Karriere entpuppen. Gemeinsam mit Sampaoli bildete er für die nächsten 13 Jahre ein erfolgreiches Trainergespann.

Mit Universidad de Chile gewannen die beiden die erste und bis heute einzige Copa Sudamericana des zweitgrößten Klubs in Chile. Mit der chilenischen Nationalmannschaft holten sie 2015 die erste Copa América für die Chilenen überhaupt. Im Jahr darauf kehrte er für seine erste Cheftrainer-Stelle zu Universidad zurück.

Lange sollte der ehemalige Abwehrspieler aber nicht alleine bleiben. Nach einem Jahr bei Universidad und einem kurzen Intermezzo in der argentinischen Liga folgte er abermals dem Ruf seines Mentors und assistierte Sampaoli in der argentinischen Nationalmannschaft.

Gemeinsam mit seinem gewohnten Co-Piloten sollte dieser den WM-Finalisten von 2014 wieder in die Spur bringen.

Beccacece (r.) an der Seite von Lionel Messi
Beccacece (r.) an der Seite von Lionel MessiBeccacece (r.) an der Seite von Lionel Messi© IMAGO/ITAR-TASS

Streit mit Lionel Messi

Als rosige Erinnerung wird die Zeit bei der Albiceleste bei Beccacece aber wohl nicht in Erinnerung bleiben. Mit vier Punkten zitterte sich Argentinien in Russland ins Achtelfinale. Dort scheiterte man dann ebenso spektakulär wie dramatisch am späteren Weltmeister Frankreich und einem glänzend aufgelegten Kylian Mbappé.

Doch auch neben dem Platz knirschte es beim Star-gespickten Team um Messi, Ángel Di Maria, Sergio Agüero und Co. – in der Vorbereitung auf das Turnier soll der Assistenztrainer Messi während eines Trainings Instruktionen gegeben und ihm dabei die Hand auf die Schulter gelegt haben.

Eine Geste, die den Superstar wohl derart zur Weißglut brachte, dass er anschließend persönlich beim Cheftrainer vorsprach, um sich mit Nachdruck über das Verhalten des Assistenten zu beschweren.

Viel Gelegenheit für Reibungspunkte sollte sich beiden in der Zukunft nicht mehr bieten. Nach dem frühen Ausscheiden in Kasan zog es Beccacece wieder weg von Sampaoli und zurück zu Defensa y Justicia, wo er schon früher als Chefcoach gearbeitet hatte.

Ecuador wurde unter ihm zu einer Bastion

Über verschiedene Stationen in Argentinien und Spanien übernahm er 2024 schließlich das dritte Mal eine Nationalmannschaft. Dieses Mal jedoch als Cheftrainer der ecuadorianischen Auswahl.

Mit dem neuen Trainer steht „La Tri“ seitdem vor allem für Stabilität. Hinter Weltmeister Argentinien wurde Ecuador Zweiter in der südamerikanischen WM-Qualifikation und kassierte in 18 Spielen gerade einmal fünf Gegentore.

Auch im laufenden Turnier musste die Verteidigung mit den Ex-Bundesligisten Willian Pacho (ehemals Eintracht Frankfurt) und Piero Hincapié (ehemals Bayer Leverkusen) erst zwei Treffer hinnehmen.

Nach dem Sieg gegen Deutschland, „dem größten Sieg in unserer WM-Geschichte“, wie Beccacece ihn nannte, trifft Ecuador in der Nacht zu Mittwoch (3 Uhr im LIVETICKER) im Sechzehntelfinale auf Co-Gastgeber Mexiko.