Jermaine Jones wird bei der Weltmeisterschaft ganz nah dran sein: In den USA wird der frühere US-Nationalspieler das Turnier für ESPN als Experte begleiten.
Im Gespräch mit SPORT1 spricht der ehemalige Profi von Eintracht Frankfurt und Schalke 04 über Deutschlands Chancen bei der WM und die Entwicklung des US-Fußballs. Außerdem erklärt der 44-Jährige, warum Antonio Rüdiger seiner Meinung nach oft unfair beurteilt wird.
Knapper Sieg gegen USA? „Für Deutschland ein Erfolg“
SPORT1: Jermaine, Sie kennen den deutschen Fußball und die US-Nationalmannschaft wie kaum ein anderer. Wenn Sie auf den deutschen 2:1-Sieg gegen die USA in dieser letzten WM-Generalprobe blicken: War das für Sie eher ein Warnsignal für die Amerikaner – oder ein Hinweis darauf, dass Deutschland im entscheidenden Moment wieder zu seiner Turnierstärke findet?
Jermaine Jones: Für die Deutschen war es nach der Anreise, der Wetterumstellung und der Zeitverschiebung ein Erfolg, dieses Spiel gegen die USA zu gewinnen. Das hat man vor allem in der ersten Phase der Partie gesehen. Da war Deutschland die dominierende Mannschaft, ehe im weiteren Verlauf etwas die Kräfte nachließen. Insofern ist das aus deutscher Sicht weitgehend nach Plan gelaufen. Mit einem Sieg im Rücken geht man jetzt mit einem guten Gefühl in das Turnier.
Auf amerikanischer Seite wird man das Ergebnis dagegen relativ gelassen einordnen. Die Leistung war insgesamt in Ordnung, und Deutschland gehört nach wie vor zu den großen Fußballnationen. Dort wird man sich sagen: Mit Deutschland müssen wir uns nicht direkt messen. Viel wichtiger ist es, den Fokus auf die eigene Gruppe zu richten. Die Euphorie rund um die Mannschaft ist auf jeden Fall da. Jetzt wird es darauf ankommen, diese Energie mit in das erste Spiel des Turniers zu nehmen und möglichst lange aufrechtzuerhalten.
„Ich wollte herausfinden, was die andere Hälfte von mir bedeutet!
SPORT1: Sie haben Deutschland 2014 verlassen und sind in die USA gegangen und dort auch zu einer Identifikationsfigur geworden. Wann haben Sie gemerkt, dass das Land für Sie mehr ist als nur eine Station in Ihrer Karriere?
Jones: Ich würde sagen, das hat sich über einen längeren Zeitraum entwickelt. 2010 habe ich mich entschieden, für die USA zu spielen. Aber auch schon davor habe ich mich immer wieder informiert, ob es überhaupt Möglichkeiten gibt, für die USA zu spielen. Das war damals nicht so einfach, weil ich vorher schon für deutsche U-Teams gespielt hatte, unter anderem auch bei einer U20-Weltmeisterschaft in Argentinien. Dadurch war ich regeltechnisch erst einmal gebunden. Trotzdem hatte ich immer diesen Gedanken im Kopf – auch wegen meiner Wurzeln. Mein Vater ist Amerikaner. Ich wollte herausfinden, was diese andere Hälfte von mir eigentlich bedeutet. 2010 kam dann dieser Wechsel. Damals fiel auf den Bahamas die Entscheidung, dass ich für die USA spielen durfte. Danach habe ich relativ schnell alles organisiert und ab 2010 für die USA gespielt. Ab da haben wir als Familie auch immer mehr darüber nachgedacht, wie unser Leben zwischen Deutschland und den USA aussehen kann. 2014 haben wir uns dann entschieden, komplett rüberzugehen.
SPORT1: Sie haben rund 70 Länderspiele für die USA absolviert. Was bedeutet Ihnen diese Zeit im Rückblick?
Jones: Das war insgesamt eine sehr wichtige Phase meiner Karriere. Ich würde sogar sagen, dass meine Zeit bei Schalke und in der Nationalmannschaft zusammen meine beste Zeit war. Durch den Wechsel habe ich auch viel über mich gelernt. Ich bin gereift und habe eine andere Kultur kennengelernt. Die Menschen in den USA sind sehr offen – manchmal fast zu offen. Man darf nicht alles immer zu ernst nehmen, was gesagt wird. Das war ein Lernprozess für mich, aber auch sportlich war es eine sehr gute Phase.
WM 2026: „Das ist die größte Fußballparty der Welt“
SPORT1: Wenn Sie an die WM 2014 in Brasilien denken – was kommt Ihnen als Erstes in den Kopf?
Jones: Die Auslosung. Ich hatte sehr lange darauf gewartet, weil ich vorher schon knapp davor war, bei Turnieren dabei zu sein. Und dann kam 2014 – und ich habe die komplette WM mit einem Leistenbruch gespielt, was kaum jemand wusste. Besonders war für mich, dass wir in einer Gruppe mit Deutschland waren. Ich bin in Deutschland geboren, habe dort meine Wurzeln mütterlicherseits – und dann spielst du plötzlich gegen Deutschland bei einer WM. Das war emotional extrem besonders. Wir sind aus der Gruppe weitergekommen, sind dann aber ausgeschieden. Trotzdem war es beeindruckend zu sehen, wie Deutschland am Ende Weltmeister geworden ist.
SPORT1: Die WM 2026 wird die größte der Geschichte: drei Gastgeber, 48 Teams. Wird das ein Fußballfestival oder geht Atmosphäre verloren?
Jones: Ich bin da ein bisschen zwiegespalten. Fußball ist in den USA nicht die Nummer eins, aber die Amerikaner lieben große Events. Wenn man das gut vermarktet, kann das eine riesige Party werden. Klar gibt es Diskussionen über Ticketpreise und vieles mehr, aber ich glaube trotzdem, dass sich die Leute auf dieses Turnier freuen. Es wird eine gute WM, da bin ich überzeugt. So ein Turnier kannst du eigentlich nicht „verhauen“ – das ist die größte Fußballparty der Welt.
Klinsmann? „Bei mir wurde immer ein Stempel draufgehauen, ähnlich geht es Jürgen“
SPORT1: Sie werden bei der WM für ESPN als Experte vor Ort sein und treffen auch Jürgen Klinsmann, der damals Ihr US-Nationalcoach war. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?
Jones: Ich kenne Jürgen sehr gut und habe viel mit ihm gesprochen. Sportlich muss man ihm großen Respekt zollen – er hat viel erreicht und muss keinem mehr etwas beweisen. Er hatte viel Erfolg. Als Mensch ist er sehr offen, ruhig, ein guter Familienvater. Er weiß im Fußball ganz genau, was er will, ist sehr diszipliniert. Viele Geschichten über ihn haben immer zwei Seiten. Ich kenne auch die andere Seite und kann sagen: Er ist jemand, von dem ich viel gelernt habe. Über mich hat man auch oft gesagt „Bad Boy“, und man kannte mich gar nicht wirklich. Bei mir wurde immer ein Stempel draufgehauen, ähnlich geht es Jürgen. Vielen war es immer ein Dorn im Auge, dass er nach Deutschland zurückkam. Bei ihm werden oft die negativen Dinge herausgegriffen. Er hat im amerikanischen Fußball viel Neues eingebracht. Manchem passte das nicht, aber so ist das Leben. Veränderungen sind wichtig im Leben.
SPORT1: Die WM soll den Fußball in Nordamerika endgültig auf ein neues Niveau heben. Wie weit ist die Entwicklung aus Ihrer Sicht tatsächlich?
Jones: Der Fußball hat sich dort definitiv entwickelt, aber es braucht noch Zeit. Viele Talente müssen früh nach Europa gehen, um den nächsten Schritt zu machen. Wenn sie zu spät wechseln, wird es schwierig. Die Nationalmannschaft ist schon gut besetzt. Man sieht auch, dass viele erfolgreiche US-Spieler in Europa aktiv sind. Das zeigt, wo das Niveau noch liegt.
SPORT1: Wer ist bei der WM Favorit unter USA, Mexiko und Kanada?
Jones: Das ist eine kleine Wundertüte. Die USA haben eine junge Truppe, Mexiko ist nicht mehr so stark wie früher, und Kanada hat sich in den vergangenen Jahren sehr positiv entwickelt. Ich glaube, Kanada ist sogar an den USA vorbeigezogen und könnte sogar die größte Überraschung werden. Aber bei einem Turnier weiß man nie – alles hängt vom Start ab. Dann kann es ein Selbstläufer werden. Ich bin froh, dass ich vor Ort bin. Es wird spannend.
„Da will ich nichts über Trump sagen“
SPORT1: Beeinflusst die politische Lage in den USA die Wahrnehmung der WM?
Jones: Ich halte mich da komplett raus. Ich konzentriere mich auf Fußball. Dieser Sport kann Menschen verbinden und sollte im Vordergrund stehen. Bei großen Turnieren rückt das in den Hintergrund. Ich will mich mit der politischen Lage gar nicht groß befassen, ich lebe jetzt in Deutschland und wir müssen unsere Dinge regeln. Fußball ist Leidenschaft und Zusammenhalt, da will ich nichts über Trump sagen. So eine WM kann viel Freude zurückbringen, das hat man in Katar auch gesehen. Man sollte sich auf den Fußball konzentrieren.
Trump trotzt WM-Berichten
SPORT1: Bei welchem Land würden Sie bei der WM stärker mitfiebern, wenn Deutschland und die USA im Turnier weit kommen?
Jones: Ich bin beiden Ländern sehr dankbar. Deutschland hat mir alles ermöglicht, die USA haben mir eine neue Heimat gegeben. Ich habe für beide gespielt, denke gerne an das Duell gegen die Deutschen 2014 zurück und bin stolz darauf. Ich wünsche beiden nur das Beste. Ich habe auch beide Trikots zu Hause an der Wand hängen. Der Bessere soll weiterkommen, ich kann entspannt zuschauen.
„Es ist eine Art Kennenlernphase im DFB-Team“
SPORT1: Die deutsche Nationalmannschaft wirkt talentiert, sucht aber noch ihre Identität. Wie sehen Sie die Entwicklung des Teams?
Jones: Ich finde die Entwicklung spannend. Es ist eine extrem junge Mannschaft, aber sie muss sich noch finden. Ich denke an meine Zeit zurück: Damals spielten da Kahn, Lehmann, Schweinsteiger – das waren ganz andere Charaktere. Doch der Fußball hat sich verändert. Bei Turnieren wächst Deutschland oft hinein. Man wird sehen, wie weit es diesmal geht. Man fragt sich: Wann explodiert es? Und wann sehen wir wieder eine deutsche Nationalmannschaft wie 2014 oder Typen wie Ballack oder früher Klinsmann, Matthäus? Es ist noch eine Art Kennenlernphase im DFB-Team.
SPORT1: Was ist wirklich drin für die Deutschen?
Jones: Schwer zu sagen. Frankreich, Spanien und England sind sehr stark. Das sind alles Topspieler, die den Unterschied ausmachen können. Deutschland gehört dazu, aber es wird nicht einfach. Man hofft auf den Bayern-Block im Team. Auch Julian Nagelsmann ist gefordert, um herauszufinden, wer mit wem funktioniert. Da ist er noch nicht total sicher, was seine erste Elf angeht. Aber Zeit hat Nagelsmann nicht. Es wird sehr schwer für die Deutschen.
Karl-Ausfall „eine Tragödie“
SPORT1: Was sagen Sie zu Lennart Karl? Viele sagten zuletzt noch, die WM komme für ihn zu früh. Nun wird er wegen seiner Verletzung gar nicht dabei sein. Wie bewerten Sie seine Entwicklung?
Jones: Lennart Karl hat in den vergangenen Monaten eine beeindruckende Entwicklung genommen. Für mich gibt es im Fußball kein Alter, es gibt nur gut oder schlecht. Karl hat bei Bayern München gezeigt, dass er auf höchstem Niveau bestehen kann. Er hat Spiele mitentschieden, Verantwortung übernommen und für sein Alter außergewöhnlich gute Entscheidungen getroffen. Man hat auch gegen Finnland seine Klasse gesehen. Er spielt mit einer Natürlichkeit und Unbekümmertheit, die mich an den jungen Podolski erinnert. Deshalb ist es umso bitterer, dass er die WM nun verletzungsbedingt verpasst. Das ist eine Tragödie für den Jungen. Er hätte dieses Turnier mit seinem Talent und seiner Form absolut verdient gehabt. Aber er hat bereits gezeigt, dass er eine große Zukunft vor sich hat. Wenn er gesund zurückkommt und seinen Weg weitergeht, werden noch viele große Turniere auf ihn warten.
SPORT1: Antonio Rüdiger polarisiert. Lothar Matthäus fordert mehr Selbstkontrolle. Ist Rüdiger ein schwieriger Typ – ähnlich wie Sie früher oft dargestellt wurden?
Jones: Ich schätze Lothar extrem. Er hat sehr viel Ahnung vom Fußball. Und mit vielen Sachen, die er sagt, hat er recht. Aber bei Rüdiger gehe ich in die andere Richtung. Solche Typen wie Antonio Rüdiger brauchst du. Manchmal wird er falsch dargestellt. Er ist ein wichtiger Spieler für Real Madrid und die Nationalmannschaft. Man sollte nicht nur auf einzelne Situationen schauen. Wenn er ein Arschloch wäre, käme er nicht so gut bei den Leuten an. Man versucht – wie damals bei mir – auch bei Rüdiger immer, den Finger in die Wunde zu legen. Das ist unfair ihm gegenüber. Man sollte fair mit ihm umgehen. Er hat sicher Fehler gemacht, hat sich danach aber auch klar hingestellt und gesagt, dass es falsch war.
SPORT1: Wäre ein Spielertyp wie Sie im heutigen Profifußball eher ein Problem oder ein Gewinn?
Jones: Ein Gewinn! Weil ich wüsste, wie ich mich verändern müsste (lacht). Man wächst ja mit der Situation. Damals war ich jung. Mit 27, 28 war ich im besten Fußballalter. So einfach, wie der Fußball heute gespielt wird, war er früher nicht. Früher hattest du nicht die vielen Kameras, es gab mehr Aggressivität im Spiel, und es waren gestandene Männer auf dem Platz. Du warst viel mehr auf dich allein gestellt. Das hat sich alles verändert. Und damit musst du umgehen. Ich hätte mir gewünscht, heute zu spielen, dann wäre mein Marktwert etwas höher.
„Diese Hitzkopf-Mentalität fehlt dem Fußball“
SPORT1: Sind Spieler mit Ecken und Kanten heute schwerer akzeptiert?
Jones: Ja. Früher gab es mehr Typen und mehr Emotionen. Vor drei, vier Jahren fing das an, dass man versucht hat, Spieler in einer Nische zu halten. Die ganzen Paradiesvögel wurden aussortiert. Das ist schade. Früher gab es viel mehr Persönlichkeiten auf dem Platz. Es ist eine ganz andere Generation. Früher hat man mehr Zusammenhalt gespürt. Jeder Spieler wird zur eigenen Marke. Heute ist vieles glatter geworden, auch durch Social Media und die Strukturen in den Vereinen. Aber genau diese Emotionen fehlen dem Fußball manchmal. Diese Hitzkopf-Mentalität fehlt dem Fußball. Fußballer gehen ins Stadion, um Menschen glücklich zu machen. Wir müssen aufpassen: Einige Spieler dürfen auch Wutausbrüche haben. Früher hat Klinsmann in die Tonne getreten, Effenberg hat den Mittelfinger gezeigt, und Kahn hat Herrlich gebissen. So etwas sieht man heute leider nicht mehr.
SPORT1: Wer ist Ihr Topfavorit bei der WM?
Jones: Frankreich. Sie haben einfach die besten Einzelspieler. England mit Thomas Tuchel und Harry Kane ist auch sehr stark. Aber wenn ich Geld setzen müsste, würde ich alles auf Frankreich setzen.
Fiese Aktion gegen Bayern-Topstar
Jones: „Das bereue ich wirklich“
SPORT1: Lassen Sie uns noch über den Trainer Jermaine Jones sprechen. Mit Schweinfurt sind Sie abgestiegen. Viele hätten das als Rückschlag für eine junge Trainerkarriere gewertet. Sie auch?
Jones: Nein! Der Abstieg war kein Rückschritt für mich, sondern eine wichtige Erfahrung. Ich habe viel gelernt und gemerkt, dass mir der Trainerjob wirklich liegt. Das war für mich kein Kratzer. Ich konnte mit Menschen arbeiten und herausfinden, dass mir der Trainerjob liegt und wirklich Spaß macht. Und ich habe das Talent, Menschen zu motivieren. Man hat in den wenigen Spielen eine Entwicklung gesehen. Und der Klassenerhalt war fast unmöglich, aber darum ging es auch nicht. Ich wollte den Fuß in die Tür kriegen. Es war ein Schritt nach vorne. Ich habe das Feuer in mir geweckt.
SPORT1: Was war Ihr größter Erfolg und der größte Fehler?
Jones: Mein größter Erfolg war die WM 2014. Das war ein Kindheitstraum, als kleiner Jermaine in Frankfurt-Bonames. Und mein größter Fehler war, dass ich zu früh aufgehört habe zu spielen. Das bereue ich wirklich.
SPORT1: Wie geht es für Sie weiter?
Jones: Ich bin offen für alles. Ich würde schon gerne in Deutschland etwas machen, aber auch das Ausland wäre reizvoll – beides ist also möglich. Ich führe viele Gespräche und schaue, was passt. Es gefällt mir einfach, als Trainer zu arbeiten.
SPORT1: Wo wollen Sie in fünf Jahren stehen?
Jones: Die Leute sollen dann ein anderes Bild von mir haben – als ehemaliger Spieler und Trainer. Ich möchte als Coach etwas bewegen und Menschen positiv beeinflussen. Die Leute sollen sagen: „Das ist ein richtig guter Typ“.