Seit 46 Jahren steht der Rekord der längsten Siegesserie unserer Nationalmannschaft, nun kann er eingestellt werden. Julian Nagelsmann jagt den verstorbenen Europameistertrainer Jupp Derwall, unter dessen Führung die DFB-Auswahl das Verlieren zwischenzeitlich verlernt hatte.
Ab Dienstantritt im Herbst 1978 nach der verkorksten Argentinien-WM blieben die Deutschen sagenhafte 23 Spiele ungeschlagen, dieser Rekord besteht noch immer und ist auch aktuell nicht in Gefahr. Doch die zwölf Siege, darunter sechs in Pflichtspielen, die sich innerhalb dieser Serie aneinanderreihten, kann das deutsche WM-Team am Donnerstag gegen Ecuador (22 Uhr, live im SPORT1-Ticker) einstellen.
Die noch amtierenden Rekordhalter sehen es gelassen. Manfred Kaltz, HSV-Legende und berühmt für seine Bananenflanken, war der Einzige, der alle zwölf Spiele machte. „Was für ein Rekord?“, fragt der 69-malige Nationalspieler im Gespräch mit SPORT1 und bekundet, davon nichts gewusst zu haben. Dann witzelt er: „Ich hoffe auf ein Unentschieden, wir sind ja sowieso schon weiter.“
Letztlich wird Kaltz aber doch noch ernst und beteuert: „Es ist immer gut, wenn Deutschland gewinnt. Die Rekorde sind sowieso nicht zu vergleichen nach so langer Zeit.“
Zumindest Statistiker sehen das anders.
Bernard Dietz war damals der Kapitän der Serienhelden im DFB-Dress. Er wünscht der aktuellen Mannschaft weitere Siege und hält für möglich: „Unsere Mannschaft kann Weltmeister werden. Die Qualität ist da, Nagelsmann muss es nur hinkriegen, dass es eine Einheit wird – und danach sieht es jetzt endlich aus. Das war ja auch unser Geheimnis. Wir waren 17-18 gute Spieler und wir waren eine Einheit, deshalb haben wir zweieinhalb Jahre kein Spiel verloren.“
DFB: Die Geschichte der Rekordserie
Alles begann damals nach zwei enttäuschenden 0:0-Spielen in der EM-Qualifikation im Frühjahr 1979, auf Malta und in der Türkei, in einer Phase, als erste Zweifel am Nachfolger von Helmut Schön laut wurden. Ein 2:0 in Wales (2. Mai) vertrieb die größten Sorgen um die EM-Teilnahme.
Es folgten im selben Monat zwei Siege auf der Nordlandreise gegen Irland und Island (jeweils 3:1), als Derwall experimentierte und unter anderem Torwart Toni Schumacher zu seinem Debüt kam. Auch Dieter Hoeneß machte seine ersten Spiele und empfahl sich mit insgesamt drei Toren, kam aber erst sieben Jahre (!) später wieder.
Im September gab es in Berlin einen Prestigesieg gegen den damaligen aktuellen Weltmeister Argentinien (2:1). Der angehende Weltklassestürmer Karl-Heinz Rummenigge und Sturmpartner Klaus Allofs trafen.
Dann ging es wieder gegen Wales ums EM-Ticket. Beim lockeren 5:1 von Köln im Oktober traf sogar erstmals Vorstopper Karlheinz Förster. Beim Test im November in Tiflis waren Tore wieder exklusive Stürmersache: Gegen die Sowjetunion (3:1) gab es zwei Rummenigge-Treffer und eines vom gesetzten Mittelstürmer Klaus Fischer.
Der schlug auch im entscheidenden Quali-Spiel gegen die Türken in Gelsenkirchen (2:0) zu, aber die Zuschauer pfiffen die Sieger vom Platz und Derwall unkte: „Wir sind die Favoritenrolle für die EM losgeworden.“
Deutschland mit jüngstem EM-Kader
Auch, weil immer noch kein Gerüst stand. Die Torwartfrage nach Sepp Maiers Autounfall im Juli 1979 (Karriereende) blieb offen. Der Abwehrchef wurde lange gesucht, auch weil Top-Kandidat Ulli Stielike bei Real Madrid spielte und es keine Verpflichtung zur Freigabe gab. Bis zuletzt hielt Derwall deshalb am Kölner Bernd Cullmann fest, neben Rainer Bonhof der letzte Verbliebene aus dem Weltmeister-Kader von 1974.
Das Jahr 1980 begann zwar mit einem Schützenfest gegen Malta (8:0) im letzten Quali-Spiel, aber auch mit einem Schock. Letztmals für viele Monate fielen Fischer-Tore, denn der Schalker brach sich wenig später das Bein und fiel für die EM aus.
Sein Ersatz wurde Horst Hrubesch vom Meister HSV, der mit 28 gegen Österreich (1:0) debütierte, aber noch leer ausging. Hansi Müller schoss das herrliche Tor des Tages aus der zweiten Reihe.
Ihm und dem Kölner Bernd Schuster gehörte die Zukunft, das Mittelfeld wurde von zwei Youngstern regiert. Schuster überragte sogar als Einwechselspieler im letzten Test gegen Polen in Frankfurt (3:1), als sich Derwall auf Schumacher als neue Nummer 1 festgelegt hatte.
Dann begann die EM in Italien. Deutschland stellte die jüngste von acht Mannschaften.
WM 2026: Schafft die DFB-Elf Historisches?
Gleich zum Auftakt kam es zur Revanche für das Finale 1976, das die Tschechen im Elfmeterschießen gewonnen hatten. Diesmal feierten die Deutschen, die ein schwaches Spiel dank eines Rummenigge-Kopfballs für sich entschieden (1:0). Damit war der Rekord der „Breslau-Elf“ (zehn Siege in 1937) gebrochen.
Aber sie hatten noch nicht genug und machten am 14. Juni 1980 in Neapel das Dutzend voll. Gegen Erzrivale Niederlande bestritt Klaus Allofs das Spiel seines Lebens und schoss drei Tore, die es letztlich auch brauchte.
Denn nach dem 3:0 wechselte Derwall den 19-jährigen Debütanten Lothar Matthäus ein und der verursachte prompt einen Elfmeter – und damit eine Menge Unruhe. Am Ende hieß es 3:2 und die Finalteilnahme stand vor dem letzten Gruppenspiel bereits fest.
Weshalb die Serie prompt riss. Gegen Griechenland schonte Derwall unter anderem die von Sperren bedrohten Spieler, der Reservistenball endete kläglich mit 0:0 und die 13 bewies wieder mal, dass sie in unseren Breiten eine Pechzahl ist.
Seither kam keine Nationalmannschaft mehr auf eine so lange Siegesserie. Nun können die Nagelsmänner neue Maßstäbe setzen.
Fakten zur Serie:
Zwölf Siege ergaben 36:8 Tore.
Die meisten Tore erzielte Rummenigge (8).
An der Serie waren 31 Spieler beteiligt. Immer dabei war nur Manfred Kaltz (HSV), den kleinsten Beitrag leistete der Stuttgarter Bernd Martin (eine Minute).