Als Manuel Neuer nach dem Kantersieg der DFB-Elf über Curacao in die Mixed Zone kam, entfuhr einigen Reportern ein erstauntes und erfreutes „oh“. Niemand hatte damit gerechnet, dass sich der Torhüter nun endlich den Fragen der Presse stellen würde – zumal als Gesprächspartner zunächst lediglich Nathaniel Brown und Kai Havertz angekündigt waren. Neuer wirkte in diesem Moment so, als schmeichle ihn das Interesse der Medien. „Das hatte ich ja noch nie“, sagte der 40-Jährige schmunzelnd. Er sah überrascht und fast gerührt aus.
Es ist eine Szene, die einiges erzählt: Neuer ist sichtlich froh, wieder im Tor der Nationalmannschaft zu stehen – und alle anderen sind es auch. Die vergangenen Tage und Wochen waren voll von Lobliedern auf den Keeper und seine geheimnisvolle Aura. Brown, Deniz Undav, Joshua Kimmich, Bundestrainer Julian Nagelsmann – alle sprachen sie davon.
Neuer: Die nahbare Legende
Eine bemerkenswerte Sicht, schließlich wirkt Neuer im direkten Kontakt nicht wie der Superstar, der er ist. Betritt er einen Raum, richten sich die Blicke eher wegen seiner Körpergröße auf ihn, nicht weil er besonders unterhaltsam wäre. Die Aura springt den Betrachter jedenfalls nicht direkt an. Wer ihm in Pressekonferenzen begegnet, erlebt meist einen ruhigen, kontrollierten Gesprächspartner. Freundlich, höflich, zurückhaltend – wie jetzt in Winston-Salem.
Aber: Der Weltmeister von 2014 lässt immer wieder seinen Humor durchblitzen. „Das müssen Sie ja sagen, ich bin ja gerade in den Raum gekommen“, erklärte Neuer schlagfertig, als er nach seiner Aura befragt wurde. „Das hat etwas mit Erscheinungsbild zu tun und den Mitspielern ein gutes Gefühl zu geben“, sagte er schließlich. Das gehe mit Körpersprache und ohne große Worte.
Es geht also weniger um Paraden oder Strafraumbeherrschung, sondern um Präsenz. Um etwas, das man nicht messen kann und das dennoch einen Wert haben soll. Aber kann man damit Bälle halten? Kann man damit die WM-Gruppenphase überstehen? 2018 in Russland und 2022 in Katar klappte das nicht – trotz Neuers Aura.
Obendrein ist er in einem – selbst für Torhüter – hohen Alter. Die zahlreichen Verletzungen der vergangenen Monate sprechen eine klare Sprache. Aktuell wurde er erst kurz vor der Partie gegen Curacao rechtzeitig fit. „Es ist so, dass ich 2024 aus gutem Grund zurückgetreten bin. Ich denke, dass die zwei Jahre für mich eine zu hohe Belastung gewesen wären“, gab Neuer auf Nachfrage von SPORT1 offen zu und erinnerte an die vielen Spiele mit dem FC Bayern.
Neuers Erfolge ein Anker für das DFB-Team
Dass er auch bei diesem Turnier ein guter Torwart sein kann, steht außer Frage. Fraglich ist nur, ob Manuel Neuer erneut Manuel Neuer sein kann. Also ein Keeper mit gefühlt übermenschlichen Kräften – und Aura.
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Aber was bedeutet das? Hat ein gegnerischer Stürmer wirklich Angst, wenn er allein auf „Mister Aura“ zuläuft? Die Fußballromantik sagt: natürlich. Die Realität könnte komplizierter sein. Ausgerechnet Deniz Undav bremste nämlich die Erwartungen an die Wundertaten des eigenen Torwarts. „Wenn ich im Spiel auf ihn zulaufe, mache ich mir keine Sorgen, ob da jetzt Manu drinsteht. Dann versuche ich, das Ding reinzumachen. So viel überlegst du als Stürmer nicht“, sagte der Offensivspieler und erklärte zudem: „Wenn du gegen Manuel Neuer spielst, willst du erst recht ein Tor machen. Damit du sagen kannst, dass du gegen den Besten der Welt getroffen hast.“
Das klang so, als sei der Effekt auf die Gegner eher gering. Doch für das Binnenklima ist Neuers positive Wirkung offenkundig enorm. Seine Mitspieler sehen keinen bereits 40-jährigen Torwart, sie sehen seine Karriere. Sie sehen die großen Nächte von Porto, Rio oder Wembley. Sie sehen einen Spieler, der praktisch alles erlebt hat, was man erleben kann. Es ist keine Magie, aber man nennt es wohl Aura. Ein Phänomen, das schwer zu erklären ist, aber Wirkung zeigt.