Alexandra Popp ist eine der prägenden Figuren des deutschen Frauenfußballs – und eine Spielerin, die für Kontrolle steht: klar im Spiel, kompromisslos im Auftreten. Nach 14 Jahren beim VfL Wolfsburg wagt die 35-Jährige im Sommer bei Borussia Dortmund den Neuanfang.
Im exklusiven SPORT1-Interview spricht Popp über ihren Neustart beim BVB, über Zweifel – und darüber, warum sie sich mehr Leichtigkeit erlauben muss.
SPORT1: Frau Popp, wie geht es Ihnen?
Alexandra Popp: Grundsätzlich geht es mir gut. Klar, mit der Wade dauert es noch ein bisschen, aber die Reha-Phase läuft sehr gut und wir sind weiter optimistisch. Das Ziel Pokalfinale haben wir fest im Blick.
Popp: „Warum mache ich das hier eigentlich noch?“
SPORT1: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückschauen – vieles wirkt da sehr kontrolliert. Wann hatten Sie zuletzt das Gefühl, nicht mehr alles im Griff zu haben?
Popp: Was einen natürlich komplett aus der Bahn wirft, sind Verletzungen. Davon habe ich einige mitgenommen und dadurch auch zwei Europameisterschaften verpasst. Die schlimmste war mein Knie mit dem Knorpelschaden. Vor allem dieses Nicht-Wissen: Kommst du nochmal zurück auf den Platz oder nicht?
Das war ein Moment, in dem ich dachte: Was passiert eigentlich dann mit mir? So weit hatte ich in diesem System noch gar nicht gedacht. Umso glücklicher war ich, am Ende wieder auf dem Platz zu stehen. Das hat mir enorm viel Auftrieb gegeben und mir gezeigt, den Fußball wieder mehr wertzuschätzen.
SPORT1: Wie haben Sie in solchen Momenten reagiert – eher mit Rückzug oder mit Angriff?
Popp: Bei meiner ersten großen Verletzung 2013, wegen der ich die Europameisterschaft verpasst habe, war es eher Angriff. Das war ein Stück weit eine bewusste Entscheidung. Damals stand ich vor der Wahl: Pokalfinale oder Champions-League-Finale. Ich habe mich für die Champions League entschieden – mit dem Risiko, die EM zu verpassen.
Wir haben danach alles versucht, auch mit Reha, aber es hat nicht gereicht. Das war mir bewusst. 2017 bei der EM in den Niederlanden war es anders. Da habe ich sehr gelitten, vor allem am Anfang. Ich habe mich zurückgezogen und mich gefragt: Warum mache ich das hier eigentlich noch? Ich war noch jung und wusste, ich habe noch viel vor mir – aber dieser Moment war schwer. Da machte vieles keinen Sinn mehr für mich.
SPORT1: Wer oder was hat Ihnen in dieser Phase am meisten geholfen?
Popp: In dieser Zeit haben mir Freunde und Familie sehr geholfen. Sie haben mir gezeigt: Du darfst kurz traurig sein, aber dann geht es auch wieder bergauf.
Wechsel zu Herzensverein Borussia Dortmund
SPORT1: Ihr Herzensverein ist Borussia Dortmund – wie ist diese Liebe entstanden?
Popp: Es war wirklich sofort echte Liebe. Durch meine Familie ist das gekommen. Mein Papa ist Schalke-Fan, aber mein Bruder war BVB-Anhänger, und ich habe mich an ihm, dem großen Bruder, orientiert. So bin ich irgendwann Dortmund-Fan geworden. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das erste Mal im Stadion war – aber definitiv nicht mit meinem Bruder. (lacht) Dieses BVB-Gen hat sich in mir entwickelt und wurde immer stärker.
SPORT1: Wer ist Ihr größter BVB-Held?
Popp: Mein erstes Trikot war von Andreas Möller … der später leider bei Schalke gespielt hat. (lacht) Aber er war es trotzdem.
SPORT1: Was war ein besonderer BVB-Moment?
Popp: Ich kann mich an meinen ersten Besuch im Westfalenstadion mit meiner Mutter erinnern, das war gegen Bayern. Meine Mutter ist Bayern-Fan – naja, eher Sympathisantin. Sie hat mich mitgenommen, und diesen Moment mit der Gelben Wand werde ich nie vergessen. Das war einmalig und ganz verrückt. Ich war gar nicht so oft im Stadion, aber tatsächlich hat der BVB nie verloren, wenn ich da war.
„Ein wahnsinniges Zeichen der Wertschätzung“
SPORT1: Sie wurden zuletzt kurz nach Ihrer Vertragsunterschrift beim BVB von der Süd gefeiert – wie Marco Reus bei seinem Abschied. Das hat man so noch nie erlebt.
Popp: Ich auch nicht. (lacht)
SPORT1: War das eher Stolz – oder Druck, das rechtfertigen zu müssen?
Popp: In dem Moment war es vor allem Stolz und Überwältigung. Ich habe mich genau an den Moment als Kind erinnert, wie ich damals die Gelbe Wand erlebt habe – nur, dass ich diesmal selbst auf dem Rasen stand.
Auch wenn ich dachte, ich hätte schon viel erlebt: Ich habe vor über 90.000 Menschen im Camp Nou gespielt, aber das war nochmal eine andere Nummer. Wenn ich darüber rede, bekomme ich wieder Gänsehaut. Es war Stolz und Vorfreude.
SPORT1: War es Ihnen danach nicht doch zu groß?
Popp: Das war eher davor der Fall. Da habe ich gedacht: „Echt jetzt? Machen wir das gerade wirklich – und ist das auch richtig so?“ Das habe ich kurz hinterfragt. Danach hat die Vorfreude alles überlagert.
SPORT1: War es eigentlich Ihr Wunsch, vor die Gelbe Wand zu treten?
Popp: Nein, das war die Idee von Borussia Dortmund. Und es war ein wahnsinniges Zeichen der Wertschätzung. Anders kann man das nicht sagen. Der Verein konnte es in dem Moment nicht größer ausdrücken.
SPORT1: Gibt es eine unbequeme Wahrheit hinter Ihrem Wechsel?
Popp: Nein. Das war eine bewusste Entscheidung. Ich hätte Bedingungen stellen können – zum Beispiel: nur 1. Liga. Aber das wäre nicht ich. Ich bin Arbeiterin. Wenn ich mich für etwas entscheide, dann ganz oder gar nicht. Ich freue mich darauf, etwas mitzuentwickeln. Ich habe nichts Unbequemes gespürt.
SPORT1: Was wird im Alltag schwieriger als beim VfL Wolfsburg – und haben Sie gezweifelt?
Popp: Natürlich habe ich kurz gezweifelt, weil ich wusste, was ich hier habe. Ich spiele seit 14 Jahren für den VfL. Die Menschen in Wolfsburg schätzen mich sehr. Es war nicht ganz einfach, mich gegen diese Komfortzone zu entscheiden.
Ich glaube aber nicht, dass etwas schwieriger wird. Im Gegenteil – vielleicht sogar etwas schöner. Ich bin näher bei meinen besten Freunden und meiner Familie. Das ist ein großer Gewinn.
SPORT1: Sie kommen auch als Symbol zum BVB – was wäre für Sie ein ehrlicher Moment, in dem Sie sagen würden: Jetzt bin ich wirklich ein Gesicht dieses Vereins?
Popp: Es wurde gesagt, ich soll ein Gesicht des Vereins werden. Das finde ich schwierig. Ein Gesicht wirst du erst nach vielen Jahren und Erfolgen. Ich habe einen Dreijahresvertrag – und selbst danach würde ich mich nicht so sehen. Da bin ich vorsichtig.
„Ich soll Führung übernehmen – das kann ich“
SPORT1: Was erwarten andere von Ihnen, das Sie gar nicht erfüllen wollen?
Popp: Wir haben da sehr klar gesprochen. Ich soll Führung übernehmen – das kann ich. Ich soll Druck nehmen – das kann ich auch. Und hin und wieder spiele ich auch ganz gut Fußball. (lacht) Es gab nichts, wofür ich mich verbiegen müsste.
SPORT1: Wann sind Sie am wenigsten Führungsspielerin?
Popp: Zu Hause. (lacht) Da will ich einfach ich sein und nicht im Funktionsmodus. Den habe ich auf dem Platz genug.
SPORT1: Gab es einen Moment im Erfolg, der sich überraschend leer angefühlt hat?
Popp: Ja. Die Bronzemedaille bei Olympia in Paris 2024.
SPORT1: Gab es einen Moment danach, in dem Sie gemerkt haben, was Ihnen da eigentlich fehlt?
Popp: Ich war leer. Ich hatte mich schon Monate vorher damit beschäftigt, dass es mein letztes Turnier ist. Deshalb konnte ich das nicht richtig fühlen. Das war traurig.
SPORT1: Wann haben Sie gemerkt, dass Erfolg nicht automatisch glücklich macht?
Popp: Genau in diesem Moment. Ich war froh über Bronze – aber gleichzeitig erschöpft und leer. Ich habe gemerkt: Ich kann nicht mehr.
Aufstieg als klares Ziel
SPORT1: Wenn wir uns in einem Jahr wieder treffen: Woran merken Sie, dass sich der Wechsel gelohnt hat – unabhängig von Ergebnissen?
Popp: Wenn ich mich wohlfühle, angekommen bin und mit der Mannschaft sowie dem Umfeld klarkomme. Dann weiß ich, dass es richtig war.
SPORT1: Und was wäre Scheitern?
Popp: Wenn ich meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werde – als Persönlichkeit und als Spielerin. Und wahrscheinlich auch, wenn wir nicht aufsteigen, weil das ein klares Ziel ist.
SPORT1: Ist der Druck in Dortmund nicht besonders groß? Kein bisschen Angst?
Popp: Tatsächlich nicht. Ich bin beim VfL gewachsen, war viele Jahre Führungsspielerin und Kapitänin. Ich war auch Kapitänin der Nationalmannschaft. Größeren Druck gibt es kaum. Deshalb empfinde ich den Druck beim BVB nicht als extrem.
SPORT1: Was wollen Sie sich selbst beweisen – und nicht anderen?
Popp: Möglichst viel Spaß zu haben. Das ist für mich manchmal das Schwerste. Ich bin oft zu verbissen, will immer gewinnen und hasse es zu verlieren.
So erklärt Popp den BVB-Hammer
SPORT1: Woran merken Sie im Spiel konkret, dass Sie gerade zu verbissen sind?
Popp: Dabei vergesse ich manchmal die Lockerheit, warum wir Fußball spielen: weil es Spaß macht.
SPORT1: Was hilft Ihnen konkret dabei, diese Verbissenheit zu steuern?
Popp: Ich will versuchen, mir neben dem Platz mehr Zeit für mich zu nehmen. Ich will ausgeglichener sein. In Dortmund kann ich mehr Zeit mit meinen Freunden verbringen, mehr in der Natur sein, mit meinem Hund rausgehen. Ich mache gerade den Jagdschein – ich möchte einfach einen Ausgleich schaffen.
SPORT1: Wenn der Spaß zurückkommt – ist das dann automatisch auch wieder Erfolg für Sie?
Popp: Ich glaube schon, dass es am Ende genau darum geht. Wenn ich den Spaß wieder richtig spüre, dann kommt auch automatisch meine beste Leistung wieder. Fußball funktioniert bei mir nicht über Krampf, sondern über dieses Gefühl, warum ich das überhaupt mache.
Popp über Eta: Mutiger Schritt von Union
SPORT1: Lassen Sie uns noch über den Frauenfußball sprechen. Wie haben Sie die Geschichte um Marie-Louise Eta wahrgenommen?
Popp: Ich fand den Schritt von Union ziemlich cool und mutig. Und ich finde es generell klasse, wenn Entscheidungen nach Leistung getroffen werden – unabhängig vom Geschlecht. So eine Situation wie mit Loui – ich kenne sie gut – ist einfach stark. Sie war schon immer eine sehr ruhige, aber sehr intelligente Persönlichkeit. Es sollte am Ende nicht um Geschlechter gehen, sondern um Leistung. Das hat man bei Union gesehen. Ich würde mich freuen, wenn es einfach um den Fußball geht – und nicht darum, dass sie die erste Frau als Cheftrainerin ist.
SPORT1: Sie ist ja eigentlich nur eine Interimslösung, sagen Kritiker.
Popp: Aber Horst Heldt hat sehr klar gesagt, dass sie auch bleiben kann, wenn es passt. Dazu hat er ein klares Statement abgegeben. Am Ende ist es auch ihre Entscheidung, ob sie bleiben will oder nicht. Man sollte da nicht zu viel hineininterpretieren.
SPORT1: Wann sehen wir Sie als Trainerin?
Popp: Im Moment sehe ich mich da nicht. Ich habe zwar den Trainerschein, aber aktuell sehe ich mich noch nicht an der Seitenlinie.