„Damit ist alles besprochen nach sieben Tagen Dauer-Thema Deniz Undav“: So moderierte Bundestrainer Julian Nagelsmann die Stürmerdiskussion auf der Pressekonferenz nach dem knappen 2:1-Erfolg über Ghana in der Nacht auf Dienstag ab. Sieben Tage, zu denen noch weitere 75 Tage hinzukommen könnten.

Dann nämlich startet erst die DFB-Elf in die WM 2026 in Mexiko, Kanada und den Vereinigten Staaten. In dieser Zeit dürfte die Debatte um den Stürmer des VfB Stuttgart kaum leiser werden. Wegen der Fans, die Undav am Montagabend in Stuttgart schon nach 28 Minuten lautstark forderten. Wegen des Erfolgs, nur Harry Kane trifft in der Bundesliga noch öfter. Allen voran aber wegen Undav selbst. Denn der aktuell beste deutsche Stürmer ist kein Klein-Beigeber.

Deniz Undav ist unter Bundestrainer Julian Nagelsmann nur Joker
Deniz Undav ist unter Bundestrainer Julian Nagelsmann nur JokerDeniz Undav ist unter Bundestrainer Julian Nagelsmann nur Joker© IMAGO/Sven Simon

Undav vertritt seine Meinung, strotzt vor Selbstbewusstsein – und kann das mit Zahlen belegen. Auf Vereinsebene sammelte er wettbewerbsübergreifend in der laufenden Saison in 38 Pflichtspielen schon 36 Scorerpunkte (23 Tore/13 Assists). Sturmkollege Nick Woltemade kommt gar in zehn Spielen mehr auf nur 16, Kai Havertz ob seiner Verletzungsprobleme in 14 Partien lediglich auf fünf.

Weshalb aber gibt Nagelsmann Undav dann nicht den Vortritt auf der Nationalmannschafts-Neun? Immerhin hatte er einst das Leistungsprinzip ausgerufen.

Nun ja, simpel gesagt: Nagelsmann misst die Leistung nicht nur an Torerfolgen. Sondern an Aktionen auf dem Platz und an einer Rolle im Teamgefüge. Und genau hier liegt die Krux.

Undav als Nagelsmann-Joker, denn nicht nur Tore zählen

„Es ist das Entscheidende, dass er die Aktionen nutzen kann, wenn der Gegner ein bisschen müde ist.“ Es sind Aussagen wie diese, die einen klaren Blick in Nagelsmanns Stürmer-Gedanken geben: Havertz und Woltemade sind Start-Optionen, Undav ist das nicht. Der kleinste der drei Angreifer (1,79 Meter vs. 1,93m/1,98m) bekam vom Bundestrainer im Vier-Augen-Gespräch die klare Jokerrolle zugewiesen.

Vor heimischem Publikum gegen Ghana ging der Plan auf – und gab Nagelsmann recht: Undav kam zur Pause, trat kaum auf den Plan – und netzte doch in der 88. Minute zum 2:1-Siegtreffer. „Er hat nicht viele Aktionen, ich glaube bis dahin eigentlich keine. Aber dann macht er das Tor, dafür ist er auf dem Feld“, bestätigte Nagelsmann auf der anschließenden Pressekonferenz: „Wenn er vorher 70 Minuten marschiert, weiß ich nicht, ob er den so reinmacht.“

Drei Stürmer für einen Startelf-Platz: Kai Havertz, Deniz Undav und Nick Woltemade
Drei Stürmer für einen Startelf-Platz: Kai Havertz, Deniz Undav und Nick WoltemadeDrei Stürmer für einen Startelf-Platz: Kai Havertz, Deniz Undav und Nick Woltemade© IMAGO/Sportfoto Rudel

Undav entgegnete in der Mixed Zone: „Ich glaube, das habe ich beim VfB in jedem Spiel gezeigt, ob ich reinkomme oder über 90 Minuten spiele, dass ich immer noch kreativ sein kann und am Ende ein Tor machen kann!“

Nagelsmann bezweifelt das. Gegen die Schweiz und Ghana gab er Undav insgesamt nur ein Viertel der Spielzeit – und prognostizierte: „Wir werden auch im Sommer Joker brauchen, die in der Lage sind, ein Spiel zu entscheiden. Das ist sein Auftrag.“

Eine öffentlichkeitswirksame Rollenansage, die zweieinhalb Monate vor dem größten Turnier der Fußball-Geschichte als absolut zu verstehen, zumindest aber gewagt ist. Denn Nagelsmann macht klar: Selbst mit der aktuell überragenden Quote lässt sich die Rolle als DFB-Stürmer Nummer drei für Undav nicht mehr aufweichen.

Undav will seine Rolle nicht wahrhaben

Dass Undav sich mit dieser Schubladen-Abschiebung nicht zufriedengibt, entspricht seinem Kalkül. Lange hinkte die Karriere des türkeistämmigen Stürmers hinterher. Havelse und Meppen zierten die Vita während des Karriereanfangs, eine Profi-Zukunft war damals kaum vorstellbar.

Doch Undav widersetzte sich Gegenstimmen und arbeitete sich nach oben. Auf dem Platz und auch abseits dessen. Der Angreifer fiel dabei selten mit Schweigsamkeit auf. Ob in der dritten Liga – oder der Nationalelf: Undav macht darin keine Unterschiede.

Viele Fans feiern ihn aufgrund seiner unangepassten Art in einem Profifußball-Zeitalter, in dem nach „echten Typen“ gelechzt wird. Beim Bundestrainer dürfte das jedoch keinen großen Anklang finden.

Während sich sämtliche Nationalspieler offenkundig mit ihrer Rolle zufriedengeben, ist Undav der Einzige, der öffentlich widerspricht. Ein stellvertretendes Beispiel nach der Ghana-Partie. Undav erklärte im ARD-Interview: „Mit jedem Tor, das ich mache, kann sich meine Rolle verändern. Das muss der Bundestrainer entscheiden, aber ja, wie gesagt, ich kenne meine Rolle. Natürlich würde ich sie gerne verändern.“

Ein Sinnbild, das wiederkehren könnte: Deniz Undav wird bei der WM wohl erst einmal auf der Bank Platz nehmen müssen
Ein Sinnbild, das wiederkehren könnte: Deniz Undav wird bei der WM wohl erst einmal auf der Bank Platz nehmen müssenEin Sinnbild, das wiederkehren könnte: Deniz Undav wird bei der WM wohl erst einmal auf der Bank Platz nehmen müssen© IMAGO/Sportfoto Rudel

Nur um wenig später durch den Bundestrainer auf der Pressekonferenz öffentlich eingefangen zu werden: „Nein, eher unwahrscheinlich, weil ich die Rollengespräche ja nicht für die März-Maßnahme gemacht habe, sondern für die WM.“ Man konnte es beinahe als Zurechtweisung verstehen. 

Sollte Undav aber auch in den abschließenden sieben Bundesliga-Partien plus dem DFB-Pokal – Stuttgart steht im Halbfinale gegen den SC Freiburg – so hochprozentig treffen, dürfte die Debatte unmittelbar vor dem Turnier noch einmal neu aufflammen.